Aufregung nach einer Serie von Anschlägen mit vielen Opfern - Montag in Bagdad.
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Aufregung nach einer Serie von Anschlägen mit vielen Opfern - Montag in Bagdad.

Hilfswerke im Ungewissen

Internationale Organisationen stellen nach Anschlag auf IKRK ihr Engagement in Irak ernsthaft in Frage

Von PIERRE SIMONITSCH (GENF)

Mit dem Anschlag kommt die Ungewissheit. Man werde die "Interventionsbedingungen" neu bewerten und die Schlüsse in den nächsten Tagen bekannt geben, sagte Antonella Notari am Montag. Sie ist Sprecherin des IKRK in Genf, in der Zentrale des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Eine unparteiische Instanz, die zu Beginn dieser Woche in Bagdad zur Zielscheibe eines Terroranschlags wurde. Weiter gehende Stellungnahmen zu den wahrscheinlichen Auswirkungen auf die künftige Tätigkeit der humanitären Organisation wolle man noch nicht abgeben, heißt es in der Schweizer Metropole.

Das Hilfswerk hatte die Zahl seiner Delegierten in Irak aus Sicherheitsgründen bereits von 140 auf 40 verringert. Ein halbes Dutzend von ihnen ist in Bagdad stationiert; der Rest in der Provinz. Unter den zwölf Todesopfern des Selbstmordattentäters befinden sich zwei lokale Mitarbeiter des IKRK sowie einige Wachleute. Während des Vormarsches US-amerikanischer und britischer Truppen verblieb das IKRK als einzige internationale Hilfsorganisation in Irak. Inzwischen registrierten IKRK-Delegierte bereits Tausende von Kriegsgefangenen und Zivilinternierten. Sie setzen sich dafür ein, dass die Gefangenen von ihren Wärtern human behandelt werden und ihre Familienangehörigen ein Lebenszeichen erhalten. Seit dem offiziellen Kriegsende im März wurden auf diese Weise 23 000 Mitteilungen in beide Richtungen weitergeleitet. "Dieser Austausch von Briefen ist für die Familien äußerst wichtig", sagt George Comninos, der von der Genfer Zentrale aus die Tätigkeiten des IKRK in Irak leitet. "Oft wissen die nächsten Verwandten von Kriegsgefangenen nicht, wo ihr Vater, Sohn oder Bruder interniert ist, und sie sind sehr beunruhigt."

Neben den Gefangenenbesuchen sieht das IKRK in der jetzigen Situation seine Hauptaufgabe in Irak darin, die Not der Zivilbevölkerung zu lindern. Seine Ärzte sind bei Bombenanschlägen oft als Erste zur Stelle, wie bei dem mörderischen Attentat gegen eine Moschee in Nadschif.

Es stellt sich daher die Frage, warum und von wem ausgerechnet die Büros des IKRK angegriffen wurden. Das IKRK ist nicht nur politisch, sondern auch konfessionell neutral. Es versucht sogar das Los der von den US-Truppen in Afghanistan gefangen genommenen Islamisten zu verbessern, die nach Darstellung Washingtons "illegale Kämpfer" des Terroristennetzes Al Qaeda waren. Die USA erlauben dem IKRK als einzigem Hilfswerk, das Gefangenenlager auf dem US-Stützpunkt Guantánamo zu inspizieren und Hafterleichterungen vorzuschlagen. In Irak wacht das IKRK über die Einhaltung des Kriegsrechts, insbesondere der Genfer Konventionen von 1949. Das humanitäre Völkerrecht verpflichtet Besatzungsbehörden nach einem Krieg, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen und die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. In den Kreisen der internationalen Hilfswerke herrscht die Ansicht vor, dass das IKRK vor allem wegen seines Bekanntheitsgrades zum Ziel des Anschlags auserkoren wurde. Die Organisatoren des Selbstmordattentats wollten den heiligen Fastenmonat Ramadan mit einer Salve spektakulärer Aktionen einläuten. Nach dem Glauben islamischer Fundamentalisten gelangen Märtyrer, die sich während des Ramadans opfern, auf direktem Weg in den Himmel. Strenggläubige Muslime nehmen an dem Kreuz Anstoß, das im Emblem des IKRK steht. Obwohl es sich bei dem roten Kreuz um die vom IKRK-Gründer Henry Dunant im Jahre 1863 gewählte farbliche Umkehrung des Schweizer Wappens handelt - also nur entfernt um ein christliches Symbol -, geht der Streit um dieses Erkennungszeichen weiter.

Wer immer auch hinter dem Anschlag auf das IKRK steht - der Terror hat eines erreicht: Die internationalen Hilfswerke werden sich jetzt noch genauer überlegen, ob sie die Entsendung von Personal nach Bagdad verantworten können.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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