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Immer wieder gehen in Polen Zehntausende gegen noch schärfere Abtreibungsgesetze auf die Straße – hier 2016 in Warschau.

Polen

Hilfe unter Nachbarinnen

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Eine Berliner Aktivistinnengruppe verhilft Schwangeren aus Polen zu einer Abtreibung.

Zuzanna Dziuban hat gerade vor einem kleinen Café im Berliner Osten Platz genommen und ihr alkoholfreies Feierabendbier geöffnet, da klingelt auch schon das Bereitschaftshandy. Sie meldet sich auf Polnisch, am anderen Ende der Leitung ist eine Frauenstimme zu hören. Etwa fünf Minuten telefonieren die beiden. Dziuban hat nach ihrem langen Arbeitstag müde Augen, doch jetzt sitzt sie aufrecht, spricht mit Nachdruck. Sie weiß, dass die Frau in einer schwierigen Lage kompetenten Rat braucht – wie alle, die bei ihr anrufen. Die 38-Jährige gehört zu „Ciocia Basia“, einer Berliner Gruppe, die polnische Frauen unterstützt, wenn sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben.

Polen hat eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. Schwangerschaftsabbrüche sind grundsätzlich illegal, egal in welchem Stadium. Und sogar wenn gesundheitliche Risiken für Mutter oder Kind bestehen oder die Frau Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, haben Ärzte das Recht, den Eingriff aus Gewissensgründen zu verweigern.

Oft kommen Frauen alleine und verängstigt nach Berlin

Die Frau, die an diesem Sommerabend bei Dziuban angerufen hat, ist in der achten Woche schwanger, doch sie kann oder will jetzt kein Kind bekommen. Dziuban fragt nicht nach den Gründen, das tut sie nie. Stattdessen erklärt sie ruhig und routiniert das Prozedere, die rechtliche Situation in Deutschland.

Manchmal beraten Dziuban und ihre Mitstreiterinnen die Frauen zu Abtreibungsmedikamenten und erklären, wie sie damit selbst den Schwangerschaftsabbruch durchführen können. Oft ist es dafür aber schon zu spät. Dann organisiert Ciocia Basia für die Frauen einen Termin in einer Klinik in Berlin.

Zuzanna Dziuban, 38, engagiert sich seit Anfang 2018 beim feministischen Netzwerk Ciocia Basia in Berlin. 2012 kam sie mit einem Studienstipendium nach Deutschland, heute arbeitet sie an der Freien Universität Berlin. Sie forscht zu Antisemitismus in Polen und zum politischen Umgang mit Konzentrationslagern. 

Auch die Frau am Telefon wird nach Berlin kommen müssen – falls sie sich nicht noch anders entscheidet, nachdem ihr Dziuban per E-Mail die nötigen Informationen zugeschickt hat. Wenn sie bei ihrem Beschluss bleibt, dann wird sie sich einige Tage freinehmen und vielleicht eine Ausrede ausdenken müssen. Selbst Ehemänner, Eltern oder gute Freunde hätten in Polen oft keinerlei Verständnis für einen Schwangerschaftsabbruch, sagt Dziuban. Die ultrakonservative PiS-Regierung und die katholische Kirche trichtern den Menschen ein, dass Frauen die abtreiben, eine schwere Sünde begingen. Der Name Ciocia Basia heißt auf Deutsch so viel wie „Tante Barbara“. So falle die Telefonnummer unter den Handykontakten der Frauen weniger auf, so die Hoffnung der Aktivistinnen.

„Die Frauen sind mit ihrer Entscheidung oft allein“, sagt Dziuban. „Das soziale Stigma ist für sie das Schlimmste.“. Viel schlimmer als die Kriminalisierung durch den Staat. Oft kämen die Frauen allein in die deutsche Hauptstadt. „Vor kurzem hat eine Frau ihren 18-jährigen Sohn dabeigehabt“, sagt Dziuban und zuckt mit den Schultern. „Stell dir mal vor, er war der Einzige, von dem sie sich Unterstützung erhofft hat.“ In einem anderen Fall kam eine Mutter mit ihrer 15-jährigen Tochter. In diesem Fall war es jedoch die Tochter, die schwanger war – nach einer Vergewaltigung. „Sie haben die Tat nicht einmal angezeigt, weil sie sich ohnehin keine Hilfe erwartet haben.“ Auf sich selbst gestellt, kamen die beiden heimlich nach Berlin.

Die Aktivistinnen versuchen so gut es geht, als moralische Unterstützung einzuspringen. „Das Allerwichtigste ist, dass die Frauen den Eindruck bekommen: Alles wird gut. Wir wissen, was zu tun ist. Es ist normal.“ Oft holt Dziuban die Frauen vom Bahnhof ab. Sie haben dann meist schon viele Stunden im Bus oder im Zug hinter sich. Nicht wenige haben Polen vorher noch nie verlassen. „Es ist wirklich unglaublich, wie die Frauen das alles durchstehen.“

Dziuban nimmt sie meist mit in ihre Friedrichshainer Wohnung, die sie mit ihrem Freund bewohnt. Der Schwangerschaftsabbruch kostet zwischen 400 und 600 Euro, kaum eine kann sich da noch zusätzlich ein Hotel leisten. Deswegen öffnen Unterstützerinnen in ganz Berlin ihre Türen. Als Nächstes steht die obligatorische Schwangerschaftsberatung bei Pro Familia an, danach sind drei Tage Bedenkzeit vorgeschrieben, bevor der medizinische oder operative Eingriff erfolgen darf.

Ciocia Basia schickte 2015 Abtreibungspillen per Drohne über die Grenze.

Die Praxis, mit der Ciocia Basia in den meisten Fällen zusammenarbeitet, liegt in einer ruhigen Seitenstraße. Auf dem Weg dorthin geht es an einer kleinen katholischen Kirche vorbei. Der Praxiseingang liegt versteckt zwischen einem Imbiss und einem Supermarkt in einem verschachtelten Einkaufszentrum aus den 90er Jahren.

Drinnen empfangen helle Räume die Frauen. Die seien immer sehr erleichtert, in einer vertrauenerweckenden Umgebung mit freundlichen Ärztinnen anzukommen, hat Dziuban beobachtet. „Man kann richtig sehen, wie die Anspannung von ihnen abfällt.“ Denn eine Abtreibungsklinik stellten sich viele Polinnen ganz anders vor. Düster, unseriös, versteckt im Keller.

Sorgen macht der Aktivistin, dass viele Frauen in Polen nichts von Organisationen wie Ciocia Basia wissen, und sich stattdessen auf Angebote in Tschechien oder der Slowakei einließen. „Da zahlen sie viel Geld im Voraus und wenn sie dort ankommen, gibt es die Klinik gar nicht.“ Abtreibungen in Kellerkliniken, Fake-Angebote – dass polnische Frauen heute wieder in solch vormoderne Verhältnisse gedrängt werden, lässt Dziuban, eigentlich eine leise, zurückhaltende Frau, aufbrausen. Zumal Polen schon einmal weiter war: Mehrere Frauen aus Dziubans Familie haben Schwangerschaften abgebrochen, ohne stigmatisiert zu werden – vor 1990. „Zumindest in dieser Hinsicht war der Staatssozialismus etwas progressiver.“ Sie selbst will erst einmal nicht mehr in ihre Heimat zurück. Die reaktionäre Stimmung im Land nehme ihr die Luft zum Atmen.

„Sie erzählt von einer guten Freundin, die nach wie vor in Polen lebt und vor einiger Zeit ungewollt schwanger wurde. Sie versuchte, übers Internet bei Abtreibungsmedikamente zu kaufen. Die erste Bestellung kam nie an. Manchmal würden sie vom Zoll abgefangen, sagt Dziuban. Erst beim zweiten Mal klappte es. Weil die Freundin in ihrem direkten Umfeld kaum Unterstützung hatte, bat sie Zuzanna Dziuban um Rat, die schon seit 2012 in Deutschland lebt. Letztendlich führte sie den Abbruch alleine zu Hause durch, während Dziuban versuchte, sie per Telefon zu unterstützen und zu beruhigen. „Sie war gestresst und verunsichert. Mich hat das so traurig gemacht. Ich habe gedacht: Niemand sollte in dieser Situation sein.“ Von Ciocia Basia hatte sie in Berlin vorher schon gehört. Jetzt entschloss sie sich mitzumachen.“

Es kostet sie viel Zeit und Nerven. Fast jeden Tag ist sie neben ihrem Job an der Freien Universität Berlin in telefonischer Bereitschaft für Ciocia Basia. Die meiste Zeit geht für die Organisation und die Koordination der Termine drauf. Und das Engagement ist auch nicht ohne Risiko: In Polen ist die Beihilfe zum Schwangerschaftsabbruch strafbar. Was sie und die anderen Aktivistinnen tun, kann dort drei Jahre Gefängnis bedeuten. „Gerade erst ist ein Mann angeklagt worden, weil er Abtreibungspillen für seine Partnerin gekauft hat“, sagt Dziuban.

Die meisten Frauen erfahren über Facebook, Internetforen oder die Presse von der Berliner Gruppe. Zugleich müssen die Aktivistinnen aufpassen, wie sie sich online präsentieren. So versuchen sie, so wenig wie möglich über Facebook-Nachrichten zu kommunizieren - das sei zu unsicher. „Wir können auch nie das Bereitschaftshandy mitnehmen, wenn wir selbst nach Polen fahren“, sagt Dziuban.

Doch trotz der Risiken brennt sie für das, was sie tut. Es gibt ihrer Wut über die Situation in Polen eine Richtung, es hilft gegen das Gefühl der Machtlosigkeit angesichts einer jungen Generation, die mehrheitlich PiS wählt. Und das nicht nur, weil sie jetzt eine Art Fluchthelferin für all jene Frauen sein kann, die – wenn auch nur für wenige Tage – der Repression im eigenen Land entkommen wollen. Vor allem gibt die politische Arbeit ihr Hoffnung.

Ohne Ciocia Basia hätte sie nie von dem Untergrundnetzwerk erfahren, das selbst in der abgelegensten Karpatenregion aktiv ist, und an das sich Frauen wenden können, die die „Pille danach“ brauchen. „Sie schreiben einfach eine SMS an eine Kontaktperson - und ein paar Stunden später können sie die Pille irgendwo in der Nähe abholen: Das ist doch großartig.“ Dziuban lächelt jetzt.

Aktivit*innen aus ganz Europa vernetzen sich, um zu helfen

Mit den feministischen Gruppen in Polen ist Ciocia Basia in engem Austausch, vor einigen Jahren haben sie gemeinsam eine medienwirksame Aktion auf die Beine gestellt: Mit einer Drohne schickten die Aktivistinnen Abtreibungsmedikamente von Frankfurt/Oder aus über die polnische Grenze und warfen sie über dem benachbarten Grenzort Slubice ab. Danach berichteten auch polnische Medien über Cocia Basia, was sonst nur sehr selten vorkommt.

Und auch jenseits von Polen sind Dziuban und ihre Mitstreiterinnen gut vernetzt: Traditionell bestehen enge Bindungen in die Niederlande, wo früher viele deutsche Frauen wegen der liberalen Abtreibungsgesetze hinfuhren, oder auch nach Großbritannien. Zu den großen Protesten in Warschau gegen ein geplantes, noch strengeres Abtreibungsgesetz kamen aus Solidarität auch Frauen aus Rumänien und Ungarn. Anfang Juli war Dziuban in London bei einem Treffen mit Aktivistinnen aus ganz Europa. „Es ist total bestärkend zu sehen, dass es überall Menschen gibt, die sich für die rechte von Frauen einsetzen.“ Was sie in einem Europa der geschlossenen Grenzen tun würden, das mag sich Dziuban gar nicht ausmalen.

Die Serie: „Du gehörst zu mir“

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Politik widmete sich in den vergangenen Wochen „Grenzgängern“ – Menschen, die Barrieren überwinden: staatliche, ethnische, materielle, physische oder einfach die im Kopf.

Heute stellt unsere Autorin Alicia Lindhoff eine feministische Initiative vor, die Frauen aus Polen dabei unterstützt, ungewollte Schwangerschaften zu beenden – in Deutschland.

Ab Montag, 29. Juli, geht es im Ressort Sport um die integrative Kraft des deutschen Fußballs, wie er seit Jahrzehnten Menschen verschiedenster Kulturen zusammenbringt und zusammenhält. Aber wir zeigen auch, wie der Fußball trennt – bei der Affäre um Mesut Özil.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? All das sind Fragen, die sich 2019 besonders dringlich stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai. Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir  

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