+
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.

Leitartikel

Hilfe, die Spendenjäger kommen!

  • schließen

Hinter der Affäre Unicef steckt ein größeres Problem. Auch wo es mit rechten Dingen zugeht, arbeitet die Spendenindustrie oft mit fragwürdigen Mitteln. Schluss mit dem Geben also? Nein, aber genauer hinsehen. Der Leitartikel von FR-Textchef Stephan Hebel, veröffentlicht am 30. November.

Mit dem Spenden ist es wie mit dem Telefonieren. Beim "Fernsprech-Tischapparat" der Deutschen Bundespost hatte man die Wahl zwischen Grau und Grün, über den Rest machte man sich keine Gedanken. Beim Spenden war man entweder evangelisch (Brot für die Welt) oder katholisch (Misereor), der Rest war Vertrauenssache und Gutes für die Armen leicht getan.

Natürlich hinkt der Vergleich, denn auch zu Zeiten, als das Telefon noch vom Staat kam, gab es schon konkurrierende Hilfsorganisationen, die um Spenden warben. Aber eines haben die so unterschiedlichen Branchen gemeinsam: Unter massivem Konkurrenzdruck versuchen sie ihre "Produkte" zu vermarkten. Und zum Produkt ist längst auch die Not- und Entwicklungshilfe geworden.

Was das mit den undurchsichtigen Vorgängen beim Kinderhilfswerk Unicef zu tun hat? Zumindest eine Vorstellung können wir uns, falls wir sie noch hatten, spätestens aus diesem Anlass abschminken: Dass die Spendenindustrie aus lauter reinen Idealisten besteht, die mit Klientelpolitik und eigenem Vorteil wenig zu tun haben, das wäre eine naive Vorstellung. Natürlich, lässt sich einwenden, kann es selbst bei der besten Sache schwarze Schafe geben, das muss über das Ganze nichts aussagen. Richtig! Aber hinter dem Einzelfall Unicef steckt auch ein strukturelles Problem. Die Professionalisierung des Spendenmarkts hat selbst dort, wo alles mit formal rechten Dingen zugeht, zu einer gefährlichen Lücke zwischen den hehren Zwecken und den Mitteln geführt.

Um das zu erfassen, muss man nicht mal den Spendenmarketing-Profis zugehört haben, die unter sich so reden, als verkauften sie Handys. Man muss sich auch nicht an die Drückerkolonnen erinnern, die hier und da mit wenig karitativen Methoden um Spenden warben. Es genügt, sich das anzusehen, was uns auch in diesem Advent nicht erspart werden wird: den medialen Großangriff der Spendenplakate, Spendengalas und Spendenmarathons auf unser Gewissen. Ein PR-Feuerwerk aus traurigen Kinderaugen und auf Betroffenheit umgeschalteten Promis.

Noch ein Einwand: Warum nicht werben wie für ein Handy, wenn doch am Ende viel Geld herauskommt für gute Zwecke? Antwort: Die Versprechungen, die uns die simplen Werbebotschaften um die Ohren hauen, gefährden längst auch die Hilfe selbst. Nie war das so gut zu beobachten wie beim Tsunami 2004. Die Welt, aufgerüttelt durch erschütternde Fernsehbilder und Hilfe-Spots, spendete, was das Zeug hielt. Im Katastrophengebiet aber standen sich die Hilfsorganisationen bald gegenseitig auf den Füßen. Von Konkurrenzkämpfen um Projekt-Standorte war zu hören, und der Zwang zum schnellen "Erfolg" sorgte vielerorts für eine aufbauwidrige Prioritätensetzung: Geschwindigkeit vor Nachhaltigkeit. Hauptsache Hütte, das macht gute Bilder. Wo der Wiederaufbau einer Existenz bleibt, steht in den Sternen. Die Helfer-Karawane ist längst im nächsten Katastrophengebiet - die immer noch vielen löblichen Ausnahmen einmal ausgenommen.

All das bedeutet nicht, dass wir nun das Geben einstellen sollten. Keineswegs. Aber da ist es dann doch so ähnlich wie beim Telefon: Wer sicher sein will, ein gutes "Produkt" zu "kaufen", wird sich bessere Informationen holen müssen, als die Spenden-Spots sie bieten. Eine noch so gutwillige Schauspielerin, die "bezeugt", wie sehr sich die Armen freuen, ist keine Garantin für Hilfe, die wirklich hilft. Das Spendensiegel des DZI-Instituts ist ein erster, besserer Anhaltspunkt. Aber wer halbwegs sichergehen will, muss auch hier vergleichen, muss die Organisation seiner Wahl um genauere Informationen bitten und sich soweit möglich ein eigenes Bild machen.

Ein paar Anhaltspunkte gibt es: Wer die Hilfe und ihren Erfolg übermäßig personalisiert, wer also verschweigt, dass es immer auch um Gemeinschaften und ihr Umfeld geht, sollte Zweifel wecken. Wer allzu schnellen Erfolg verspricht und nicht zeigen kann, dass er über längere Zeit hilft, ebenso. Und wer mit relativ bescheidenen Mitteln zu überzeugen versucht statt marktschreierisch zu werben, könnte gerade der richtige Empfänger für unser Geld sein - schon deshalb, weil er es mit den Marketing-Kosten nicht übertreibt. Nicht ausgeschlossen, dass das - gute Aufklärung der Vorwürfe vorausgesetzt - auch Unicef sein könnte. Und dass mancher Konkurrent, der sich jetzt heimlich über die Affäre freut, am Ende durchs Raster der "Verbraucher" fällt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion