+
Gewalt war eine der Verkehrssprachen der Epoche: Paris, Quartier Latin, 10./11. Mai 1968.

"High sein, frei sein, Terror muss dabei sein"

  • schließen

Wolfgang Kraushaar wirft all sein Wissen über die 68er-Bewegung in vier spektakuläre Bände.

Soviel 68 war nie. Diese vier Bände übertreffen alles, das man bisher über die Zeit lesen und betrachten konnte. Keine Bettlektüre. Dazu sind die Bände zu groß und zu schwer. Vor ihnen sitzend, die Fotos betrachtend, Kraushaars Texte lesend, vergehen Stunden. Der Nostalgie und des Entsetzens. Es ist unfassbar, was Wolfgang Kraushaar hier alles zusammengetragen hat. Aus Deutschland und aus allen Ecken der Welt. Die vier Bände bieten einen Blick auf die 68er Jahre in Cinemascope.

Dieses Jahr hat Wolfgang Kraushaar schon „Die blinden Flecken der 68er Bewegung“ veröffentlicht, eine Studie über das Verhältnis der Linksradikalen jener Jahre zu Antisemitismus und Israel, zu Demokratie und Gewalt. Vor zwanzig Jahren legte er eine dreibändige Dokumentation vor über „Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail“. Ohne die lässt sich nichts Sinnvolles sagen über das Verhältnis von Theorie und Praxis bei den 68ern. 2006 erschienen die beiden Bände „Die RAF und der linke Terrorismus“, die deutlich machten, dass sehr, sehr viele nicht nur skandierten „High sein, frei sein, Terror muss dabei sein“, sondern auch so zu leben versuchten.

Diese vier Bände sind überwältigend. Sie beginnen am 1. Januar 1960: Heinz Galinski, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, fordert das Verbot aller neonazistischen Organisationen und die Überprüfung aller in Politik, Justiz, Erziehung und Wirtschaft tätigen Personen auf ihre NS-Vergangenheit hin. Die lag ja nicht einmal 15 Jahre zurück.

Die Bundesrepublik wäre eine andere geworden, wäre sie Galinski gefolgt. Man erklärt solche Versuche, sich alternative Wege, die die Geschichte hätte nehmen können, vorzustellen, gerne für müßig. Aber wir können nicht anders und wenn wir begreifen wollen, was wir getan und nicht getan haben, müssen wir immer auch über Alternativen nachdenken. Und nun gar 1968! Das ist die Zeit, in der man an Alternativen nicht nur glaubte, sondern auch bastelte. Von Kindergärten bis zum bewaffneten Kampf.

Wer die Zeit erlebt hat, der blättert in den Bänden, sucht nach Ereignissen, bei denen er dabei war. Im August 1966 wurde ich zwanzig. Kraushaar berichtet von Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“. Das Buch schlug damals ein wie eine Bombe. Auch in meinen Kopf. Sartre schrieb in seinem Vorwort: „Einen Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.“ Noch auf derselben Seite wird an die Kulturrevolution in der Volksrepublik China erinnert. Gewalt war eine der Verkehrssprachen der Epoche.

Wer zur Verklärung seiner Vergangenheit neigt, dem helfen die vier Bände dabei und sie helfen ihm gleichzeitig hinaus. Natürlich bleibt man in dem Jahr 1968 gewidmeten Band 3 hängen beim Porträt des pakistanischen Autors Tariq Ali, der damals einer der Sprecher der Studentenbewegung in London war.

Er inspirierte Mick Jagger 1968 zu seinem Song über den „Street Fighting Man“ – einer der größten Hits der Rockgeschichte. Gleich daneben das Massaker vom 16. März 1968 im vietnamesischen My Lai. Sofort ist man wieder mitten drin in der Zeit und liest über die große Demonstration gegen den Vietnamkrieg in London, bei der Berliner SDS-Genossen den Briten zeigen wollten, dass zu einer richtigen Demo gehört, dass man auf den Putz haut.

Und am 18. März 1968 dann Wolfgang Kielings Übersiedlung aus Westberlin in die DDR. Einer der bekanntesten deutschen Fernsehschauspieler erklärt: „Meine Sympathie gehört der jungen Generation in Westdeutschland und West-Berlin, die angefangen hat, politisch zu arbeiten, die angefangen hat, gegen Gewalt, Missbrauch von Autorität, Manipulation und Gleichschaltung Widerstand zu leisten, die begonnen hat, ihrer Solidarität mit der südvietnamesischen Befreiungsfront nicht mehr nur in Worten Ausdruck zu geben, sondern sie durch Taten effektiv zu machen. Ich verlasse Westdeutschland aus Solidarität mit ihnen. Ich glaube, dass ich als einzelner, als Schauspieler diesen Schritt tun muss, dass mir nichts anderes bleibt, als meine Mitwirkung an diesem verlogenen Kulturbetrieb zu verweigern, will ich nicht selbst einer sein, der der Manipulation, der Täuschung, dem Betrug Vorschub leistet.“

Der heutige Leser versteht nicht, warum Kieling aus Solidarität mit der westdeutschen Linken in die DDR geht. Der damalige verstand es wahrscheinlich auch nicht. 1970 zog Kieling zurück in die BRD. Die vier Bände sprengen mit solchen Textauszügen immer wieder den engen Rahmen einer Chronologie. Gerade dadurch aber sind sie erst eine. Man glaubt, die Zeit zu schmecken.

Bald kommt Weihnachten. Wer 68er-Eltern oder -Großeltern hat, der schenke ihnen diese vier Bände. Die Alten werden wochenlang darin blättern, sich festlesen, sich losreißen und dann wieder weiterlesen.

Am 20. November 1966 erschien „Der Spiegel“. Auf dem Cover die NPD und die Zeile „Gefahr von rechts?“ Bei den Landtagswahlen in Hessen hatte die SPD 51 Prozent der Wählerstimmen bekommen, die Christdemokraten 26,4 Prozent und die NPD 7,9 Prozent. 14 Tage später in Bayern erhielt die NPD 7,1 Prozent. Es ist alles so lange her – 1968 war das Kaiserreich so lange vorbei wie heute 1968 –, alles ist ganz anders und doch in manchem so ähnlich.

Der vierte Band endet am 24. Juni 1970. An diesem Tag wurde vom baden-württembergischen Innenministerium der SDS-Heidelberg verboten. Der Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, der ein paar Jahre lang die treibende Kraft der 68er Bewegung gewesen war, hatte sich am 21. März bereits selbst aufgelöst.

Als Epilog erinnert Kraushaar noch an den 24. Dezember 1979 – den Todestag Rudi Dutschkes – und an den 3. Januar 1980. An diesem Tag wurde Sven Simon, der Sohn Axel Springers auf einer Parkbank an der Alster gefunden. Er hatte sich mit einer Smith & Wesson zwischen die Augen geschossen. Am selben Tag wurde in Berlin Rudi Dutschke beerdigt.

Der Band verfolgte mich in meine Träume. Ich wachte auf und dachte an die vier Bände. Mir fielen die vielen ein, deren Namen sich mit keinem Ereignis verbinden, für die 68 aber ein einschneidendes Erlebnis war. Sie wurden zum Beispiel Erzieher und Lehrer statt Ärzte und Staatsanwälte. Sie gingen in Fabriken oder aufs Land. So abstoßend einem die eigene damalige Begeisterung für die chinesische Kulturrevolution heute erscheint, so demagogisch und eklig zum Beispiel die Parole „Dem Volke dienen“ war, so übersetzten sich viele sie doch so in die bundesrepublikanischen Verhältnisse, dass diese verbessert wurden und sei es nur dadurch, dass es endlich auch männliche Kindergärtner und Grundschullehrer gab.

Ich erinnerte mich an „Der Clown Teufel ist tot“. Das hatte der inzwischen im Untergrund lebende Fritz Teufel im Februar 1970 erklärt. Ein Datum, das ich mir merken sollte: Der Protest will Widerstand werden. Das war der Anfang vom Ende. Im November 1967 war der Angeklagte Fritz Teufel der Aufforderung des Richters, sich zu erheben, noch gefolgt. Seine Bemerkung dazu: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“ war eine der wirkmächtigsten Säuren bei der Auflösung alter autoritärer Strukturen. Bei der Bekämpfung der neuen hat sie, wie die Entwicklung ihres Autors belegt, wenig geholfen.

„Die 68er Bewegung“ zerlegen Geschichte in Momentaufnahmen. Das stimmt. Es ist aber auch falsch. Die Momentaufnahmen nämlich fügen sich zusammen. Ganz von selbst. Wie bei einem Film, der ja auch aus 24 Einzelaufnahmen pro Sekunde besteht. So entsteht auch beim Lesen aus vielen Einzelstücken ein Erzählfluss. Es bilden sich Stränge, die sich zusammenfügen zu einem Bild.

Zu Kraushaars 68 gehören nicht nur Prag und Paris, Berkeley und Chicago, sondern auch Ostberlin, Peking, Tokio, Saigon Moskau, Mexiko usw. usw. Es war eine den Erdball umspannende Bewegung, deren Protagonisten auch im Fernsehen aufmerksam verfolgten, was rund um den Globus geschah. Und es gab, erinnert Kraushaar unermüdlich, die Musik. Die Beatles und die Rolling Stones. Die Musik pries nicht nur immer mal wieder den Aufstand. Viel mehr noch schien sie selbst einer. Ebenso wichtig und ebenso bis heute wirkend: die Drogen.

Kraushaars Bände zeigen, wie – bei einigen – aus Protest Krieg wurde, wie aus individuellen Fluchten mächtige Industrien hervorgingen und aus dem Versuch der Befreiung die Unterwerfung unter neue Götter: „High sein, frei sein, Terror muss dabei sein“. Das klingt wie eine ironische Satire. Das sollte es auch. Aber es war von Anfang an auch blutig ernst gemeint. Ein gutes, mahnendes Geschenk auch für die Großväter an ihre Enkel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion