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„Diese Freiheit, die hart erkämpft und wertvoll ist, ist eben nicht grenzenlos, auch wenn das oft so verstanden wird.“

High Noon im Netz

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Im Netz merkt man nichts von der Unantastbarkeit der Menschenwürde - Candy Crash spricht da aus Erfahrung.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So heißt es ganz am Anfang und seit nun 70 Jahren. Es ist ein simpler Satz mit großer Bedeutung. Doch online merkt man davon oft nichts. Sie nannten es Neuland. Das Netz der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein bisschen Wilder Westen eben. Bis zum nächsten Jubeljahr würde ich mir wünschen, dass wir noch ein Stückchen deutlicher, einfach beherzter gegen Cybermobbing und Hetze im Netz vorgehen. Und das, so gut es geht, gemeinsam und das Kind beim Namen nennend.

Wir, die User, die Techkonzerne, Politik, Medien und Gesellschaft, müssen ein Zeichen setzen und mit einer Stimme sprechen, gegen Hass und Intoleranz. Niemand sollte wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung beleidigt und angegriffen werden. Sei es in Kommentaren oder gar in ekelhaften „Abschiebe-Challenges“, die in letzter Zeit durchs Web schwirren. Hier gilt es hinzugucken, laut zu sein, deutlich zu widersprechen. Achselzucken und Ignorieren ist nicht!

Youtuberin ubnd Dragqueen Candy Crash.

Candy Crash ist Dragqueen und eine der Protagonistinnen der Dokumentation „24h Europe – The Next Generation“, die am heutigen Samstag unter anderem im TV-Sender Arte zu sehen ist. Instagram: thecandycrash

Das Grundgesetz schützt meine Würde, gibt mir aber gleichzeitig das genauso wertvolle Gut der Meinungsfreiheit. Darauf wird sich immer wieder berufen. Leider auch von denen, die ständig und gezielt versuchen, unsere Verfassung zu untergraben. Sie berufen sich auf Meinungsfreiheit, aber heißt das automatisch „Anything goes“? Diese Freiheit, die hart erkämpft und wertvoll ist, ist eben nicht grenzenlos, auch wenn das oft so verstanden wird. Mit ihr kommen Pflicht und Verantwortung. Wenn Hetzer davon sprechen, nur ihre Meinung zu äußern, auch wenn sie andere Menschen beleidigen und verletzen, disqualifizieren sie sich damit nicht selbst? Das heißt doch im Grunde nur: Hey, bessere Argumente hab’ ich nicht.

Zum 70. Geburtstag geht es weniger um neue Gesetze als um das Hochhalten und Verteidigen der bereits vorhandenen in einer sich schnell verändernden Welt. Ein Leben ohne Smartphone und soziale Netzwerke ist besonders für Jugendliche kaum mehr vorstellbar. So einfach es ist, sich einzuloggen und mit dabei zu sein, umso einfacher ist es, sich hinter seinem Profil oder bunten Avatar zu verstecken. Das wirkt enthemmend. Ein Klick genügt, und schon hat man seinen Senf zu allen möglichen Themen abgegeben. Selbst in banalen, positiv gemeinten Postings steckt Konfliktpotenzial. Der Shitstorm lauert hinter jeder Ecke. Das kann ganz schnell ganz schön heftig werden.

Auch ich kann davon ein Lied singen. Seit 2016 bin ich mit meinem Channel „Süßigkeiten Unfall“ bei Youtube unterwegs. Dort geht es neben dem Beauty-Thema auch um sexuelle Vielfalt und Gender Diversity. Neben viel Zuspruch und lieben Kommentaren, die mich tagtäglich erreichen, gibt es eben auch Hater. „Haters gonna hate“, sage ich dann immer. Doch vollkommen kalt lässt es mich natürlich nicht. Ich würde mir wünschen, dass wir miteinander diskutieren. Über das, was uns vereint, aber auch über das, was uns trennt. Reden ist wichtig. Aber lasst es uns mit gegenseitigem Respekt voreinander tun. Auf der Straße und im Netz. In der Schule und im Chat. Happy Birthday, Grundgesetz!

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