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Sechzehnte Station: NürnbergEs ist ein gewöhnlicher Vormittag bei den "Little Giants" in Nürnberg, einer Kindertagesstätte. Wer hierher kommt, wird im zarten Alter von acht Wochen auf Englisch angesprochen.

Schindler Wahl-Heimat - Station 16

High-End-Erziehung für kleine Riesen

Es ist ein gewöhnlicher Vormittag bei den "Little Giants" in Nürnberg, einer Kindertagesstätte. Wer hierher kommt, wird im zarten Alter von acht Wochen auf Englisch angesprochen. Von Jörg Schindler

Von Jörg Schindler

Jetzt versucht Frau Rossi ihr Glück bei Konrad. "Do you know what this is?", fragt sie freundlich. "Blmmb", macht Konrad. "Have you seen this before, Konrad?" Aber Konrad kann gerade nicht. Er hat Durst. "Trinken!", ruft er und stürmt an seine erdbeerrote Pulle, was fünf weitere Dreijährige auf die Idee bringt, dass sie sich auch einen Schluck genehmigen könnten.

"It´s a...", hebt Frau Rossi wieder an - "Seepferdchen", grätscht Leon dazwischen. "That´s correct!", lobt Frau Rossi. Und wieder neigt sich eine erfolgreiche Englisch-Lektion ihrem Ende entgegen. Time for lunch.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Vormittag bei den "Little Giants" in Nürnberg, einer Kindertagesstätte, wie es sie nicht oft, aber immer öfter in Deutschland gibt. Sie liegt ganz nah an der Altstadt, gleich hinter der Franz-Josef-Strauß-Brücke, und wer hierher kommt, der wird auch im zarten Alter von acht Wochen schon ganz selbstverständlich auf Englisch angesprochen.

Treibende Kraft hinter der anspruchsvollen Privat-Kita ist Jelena Wahler, eine sehr gepflegte und sehr wache Schwäbin, der man ihre Vergangenheit als Unternehmensberaterin auf den ersten Blick ansieht. Im März gründete sie mit ihrem Mann Peter die "Little Giants"-Filiale in Nürnberg. Es ist - nach Stuttgart, Frankfurt und zweien in München - bereits die fünfte, aber noch lange nicht die letzte. Ein halbes Dutzend soll nächstes Jahr dazu kommen, erstmals auch im Osten. Offenbar gibt es einen Markt für die High-End-Erziehung von Halbwüchsigen.

Die Idee zu ihrem Betreuungs-Business hatten die Wahlers, nachdem sie 2002 von einem Auslandsaufenthalt in den USA zurückgekehrt waren und ein zweites Kind erwarteten. Die Qualität hiesiger Krippen und Kindergärten habe sie frappiert, sagt Jelena Wahler. "Also haben wir uns hingesetzt und überlegt, was das Optimum für unseren Sohn ist."

Dieser sollte, einmal auf der Welt, ein sicheres und sauberes Umfeld und immer eine Bezugsperson um sich herum haben, schon früh allerhand lernen und quasi nebenbei zweisprachig aufwachsen. Ab September 2006 war es dann in Stuttgart soweit.

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In allen Filialen haben die kleinen Riesen seither jede Menge Platz, in Nürnberg zum Beispiel sind es 600 Quadratmeter für gut 40 Mädchen und Jungen. Es gibt Sport- und Kunsträume, Werkstätten und Kinderküchen, freundlich, bunt und ökonomisch eingerichtet. In der jüngsten Gruppe kommen gerade mal drei Babys auf eine Erzieherin, beim Englisch-Stuhlkreis für die Dreijährigen sitzen elf Kinder drei Erwachsenen gegenüber. Und wenn die Eltern es wünschen oder zeitlich knapp sind, dann werden die Little Giants am Nachmittag noch schnell beim Klavier-, Ballett- oder Tennisunterricht abgegeben. Little-Giants-Eltern haben zwar vieles - aber offenbar wenig Zeit.

Immer schön wichtig, so heißt es, sei jedoch, dass die Kinder Spaß an der Sache hätten. "Wir sehen Kinder nicht als Menschen, die wir einfach aufheben, sondern als Personen, die selbstständig denken und arbeiten können", sagt die Nürnberger Leiterin Eva-Maria Arends. Verhältnisse sind das, von denen der Rest des Berufsstandes, der im Sommer flächendeckend streikte, vermutlich nicht mal träumt.

Das Ganze freilich hat seinen Preis. In Frankfurt zum Beispiel müssen Eltern mal eben 1200 Euro im Monat berappen, wollen sie ihr Baby früh zum kleinen Riesen machen. Den Vorwurf, deshalb einem Elite-Projekt vorzustehen, will Jelena Wahler aber nicht gelten lassen: "Wenn wir Elite sind, dann ist das eine Entscheidung der Politik." Sie hätte nichts dagegen, sagt die schlanke Frau im Businessanzug, auch Kinder aus "bildungsfernen Schichten" zu betreuen, gerade diese könnten das ja gut gebrauchen. Da müssten aber eben auch alle Bundesländer mitspielen. Die nämlich können seit dem neuen Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2005 selbst entscheiden, ob und wie sie private Kita-Anbieter fördern.

Was Hessen verneint, scheint Bayern zu bejahen: In Nürnberg jedenfalls kostet ein Krippenplatz bei den Little Giants "nur" 500 Euro im Monat. Ganz selbstlos freilich haben die Wahlers ihre Kinder-Kette nicht aufgezogen. "Natürlich müssen wir auch von etwas leben", sagt Jelena Wahler. "Aber glauben Sie mir, als Unternehmensberaterin habe ich deutlich mehr verdient."

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