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Bevor Trump kommt, lassen sich britische Besucher in historischen Uniformen auf dem US-amerikanischen Soldatenfriedhof in Colleville-Sur-Mer fotografieren.

D-Day

Wie Briten und Franzosen auf den D-Day blicken

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  • Katrin Pribyl
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„Hier wurde ganz bewusst Geschichte geschrieben“: Der D-Day sollte der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs werden. 

Der Weg in die Hölle war von Übelkeit begleitet. Schulter an Schulter und doch einsamer als je zuvor saßen die Männer in ihren schaukelnden Booten, kaum einer, der sich nicht übergeben musste, während Wasser auf die Stahlhelme prasselte. Es war kalt, miserables Wetter trotz Juni. Die letzten langen Meter wateten die Soldaten durchs kalte Wasser, unzählige sollten nie lebend den Strand erreichen. Es wurde so viel geschossen und gebombt, dass kaum noch jemand erkannte, aus welcher Richtung die Granaten und Kugeln kamen. „Sehr beängstigend, sehr beängstigend“, erinnerte sich einer der britischen Soldaten. Gleichwohl habe ein Gefühl von Aufregung geherrscht, „mit einem Knoten im Magen“. Die Männer wussten, dass sie gerade Geschichte schrieben.

Es war der 6. Juni 1944 und dieser Morgen sollte der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs werden. So jedenfalls bezeichnet die Öffentlichkeit im Vereinigten Königreich gerne diesen besonderen Tag, als mehr als 155.000 Soldaten in der Normandie landeten. Mit dem D-Day startete die Operation „Overlord“, mit der die Anti-Hitler-Koalition unter Federführung der USA und Großbritannien eine Westfront eröffnete.

Mehr als 3100 Landungsboote brachten Tausende Männer aus den USA und Großbritannien, aus Frankreich, Polen, Kanada und Australien an den rund 30 Kilometer langen Küstenstreifen, den die Alliierten in fünf Landezonen eingeteilt hatten. Im Hinterland landeten zudem rund 23.000 Soldaten in roten und weißen Fallschirmen. Die Wehrmacht hatte mit einer Invasion weiter nördlich bei Calais gerechnet, wo deshalb die meisten ihrer Divisionen stationiert waren. Am Ende hatten die Deutschen „der größten alliierten Invasion, die jemals gebildet wurde“, wie es der britische Historiker Toby Haggith vom Imperial War Museum nennt, lediglich 50.000 Mann entgegenzusetzen.

Gemeinsames Gedenken

Seither sind 75 Jahre vergangen, diese Woche finden im Königreich und in Frankreich große Gedenkveranstaltungen statt. Bei jener im britischen Portsmouth am 5. Juni erinnern Queen Elizabeth II., andere Mitglieder der Königsfamilie, Noch-Premierministerin Theresa May sowie US-Präsident Donald Trump, der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel an den D-Day. In der Normandie wiederum findet das Gedenken am 6. Juni statt, ebenfalls mit internationalen Gästen, aber ohne Merkel und ohne den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Stattdessen wird Macron an der Seite von May den Grundstein für ein britisches Erinnerungsmahnmal legen. Mit Trump soll es unter anderem eine Zeremonie auf dem US-amerikanischen Friedhof in Colleville-sur-Mer geben.

Unterschiedliche Narrative

In Frankreich werde die Operation „Overlord“ positiv bewertet, sagt der französische Historiker Olivier Wieviorka, Autor eines Buches zum Thema, das auf Englisch unter dem Titel „Normandy“ erschienen ist: „Die Landung steht hier für den Beginn der Befreiung ihres Landes von der Nazi-Besatzung.“ Allerdings werde auch das große Leid der Menschen vor Ort gesehen: Während der monatelangen Kämpfe und Bombardierungen verloren 13 600 Zivilisten ihr Leben. Bis heute finden sich entlang der französischen Nordküste Spuren dieses Krieges, sind etwa die Überreste deutscher Bunkerbefestigungen zu sehen. Teile der künstlichen Hafenanlagen aus Beton ragen noch immer aus dem Meer. Auf Militärfriedhöfen erinnern lange Reihen von Kreuzen an die rund 200 000 hier getöteten Soldaten.

In Großbritannien wird dagegen gern das Narrativ verwendet, die Befreier Europas zu sein. Und so laufen schon seit Wochen die Vorbereitungen für den D-Day, dem Tag, der laut Historiker Toby Haggith für die Briten das wohl bestimmende Event des Zweiten Weltkriegs ist, „das Schlüsselereignis“. Nach dem Scheitern der Briten in der Schlacht von Dünkirchen eröffnete sich mit dem D-Day die Möglichkeit, Rache zu üben und sich zu rehabilitieren.

Dabei achteten die Amerikaner und Briten genau darauf, dass die Invasion, die angesichts des schieren Ausmaßes „niemals kein Erfolg werden konnte“, so genau gefilmt und fotografiert wurde wie keine Schlacht zuvor. „Hier wurde ganz bewusst Geschichte geschrieben“, sagt Haggith. Erst später sei die Bedeutung der Sowjetunion für den Sieg über Nazideutschland anerkannt worden. Auch wenn die Westfront bedeutend war, sei die Wehrmacht eben doch durch die Schlacht von Stalingrad und die Niederlage an der Ostfront zerstört worden, so Haggith.

Der Historiker räumt ein, dass der Wirbel um den Jahrestag zu einem „merkwürdigen Zeitpunkt“ komme, an dem das Königreich im Drama um den Ausstieg aus der EU steckt. Die Briten hätten bei dieser Operation, die auf internationalen Zusammenhalt setzte, maßgeblich dazu beigetragen, den Weg zu einer späteren Staatengemeinschaft zu ebnen. „Und nun kehren wir in gewisser Weise dem Kontinent den Rücken zu.“

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