Joshua Wong und Agnes Chow sind führende Aktivist*innen der Demokratiebewegung in Hongkong.
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Joshua Wong und Agnes Chow sind führende Aktivist*innen der Demokratiebewegung in Hongkong.

Interview

„Heute Hongkong, morgen Taiwan, dann der Rest der Welt“

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Aktivist Joshua Wong über wachsende Angst, die weiteren Pläne der Demokratiebewegung und seine Erwartungen an Europa

Nachdem Chinas Volkskongress das neue umstrittene Sicherheitsgesetz für Hongkong verabschiedet hat, ist die Finanzmetropole zum geopolitischen Spielball geworden. Die USA haben angekündigt, Einreiseverbote für chinesische Staatsbürger zu erlassen und Hongkongs handelspolitischen Sonderstatus aufzuheben. China kündigte am Montag Vergeltungsmaßnahmen an. Doch auch die Lage vor Ort spitzt sich zu. Gerade erst hat die Polizei zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Massakers am Tian’anmen-Platz verboten.

Herr Wong, wie ist die Situation in Hongkong – ist es noch gefährlicher geworden, auf die Straße zu gehen?

Das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ ist verschwunden. Jetzt heißt es „Ein Land, ein System“. Die chinesische Geheimpolizei kann uns jetzt festnehmen und zum Prozess nach China ausliefern. Früher wurde ich in Hongkong ins Gefängnis geworfen. Bald könnte ich in einem Knast in Peking landen.

Haben Sie Angst davor? Und gehen die Hongkonger noch auf die Straße unter diesen Umständen?

Natürlich habe ich Angst. Aber wir machen weiter und planen für den Sommer einen Studentenstreik. Tausende Hongkonger sind am Wochenende auf die Straße gegangen, haben sich Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen gegenübergestellt. Wir sind bereit, weiter zu protestieren und zu kämpfen.

Zur Person

Joshua Wong (23) ist der bekannteste Vertreter der Demokratiebewegung in Hongkong und Generalsekretär der Partei Demosisto. Schon als kleiner Junge lief er auf Gedenkmärschen für das Tiananmen-Massaker mit, 2011 gründete er eine Schüleraktivistengruppe mit – und 2014 wurde er als einer der Wortführer der Proteste international bekannt.

Die USA unterstützen Hongkong zumindest mit deutlichen Worten – nicht nur Donald Trump, sondern auch die Demokraten. Großbritannien erleichtert die Einreise für Hongkonger. Muss die EU mehr tun?

Mehr als 100 000 Hongkonger haben eine Petition unterschrieben, dass die EU handeln und das chinesische Sicherheitsgesetz zurückweisen muss. Wir zählen auf Europa. Das Sicherheitsgesetz würde das Ende der Meinungsfreiheit bedeuten – und damit das Ende von Hongkong, wie wir es kennen.

Wie weit wird China gehen?

Heute Hongkong, morgen Taiwan, und dann der Rest der Welt. Hongkong ist nur der erste Schritt für die Tyrannen aus China. Jetzt greifen sie hier durch. Wenn sie Erfolg haben, wird Peking in Zukunft dieselbe Taktik anderswo anwenden.

Interview: Jan Sternberg

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