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Rassismus in Frankreich

Hetze gegen Roma in der Banlieue

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Die Verfolgung von Roma in den Vorstädten von Paris zeigt die ungelösten Probleme von Frankreichs Elendsquartieren auf.

Das Quartier, das man im Pariser Vorort Bobigny auf dem Weg von der Metro zum Roma-Lager durchquert, trägt seinen Namen zu Recht: La Folie – der Wahnsinn. Was diese Woche nebenan geschah, kann nur als verrückt bezeichnet werden: 50 Männer, bewaffnet mit Eisenstangen, Messern, Spitzhacken und Stangen, verfolgten einen Lieferwagen, der auf das Elendslager der Roma zusteuerte, und warfen ihm Backsteine hinterher. Sie bedrohten die Fahrer und steckten später andere Autos in Brand. Die Polizei verhaftete 17 der Angreifer.

Zehn Kilometer östlich davon, in Clichy-sous-Bois, drangen Leute zur gleichen Zeit gewaltsam in ein verlassenes Wohnhaus ein; die dort übernachtende Roma-Familie konnte sich gerade noch in einen nahen Supermarkt retten. Zuvor hatten sich Anwohner der umliegenden Wohnblöcke, darunter besorgte Mütter, vorm Rathaus der Banlieue versammelt und verlangten für ihre Kinder Behördenschutz – weil sie sonst von Roma entführt würden.

Mit „Fake News“gegen Roma

Solche Fantasiemeldungen zirkulieren via Twitter und Facebook in den Vorstädten: „Entführungsversuch in Montfermeil. Es ist ein rumänisches Netz, das Organhandel betreibt“ oder „Ein weißer Lieferwagen verkehrt zwischen Nanterre und Colombes, um junge Frauen zu entführen“.

Alles frei erfunden. Die Präfektur ließ am Dienstag wissen, es handele sich um „völlig haltlose“ Angaben. Mit „Fake News“ in fetten, roten Lettern warnte die Polizei: „Verbreiten Sie diese Informationen nicht weiter. Stiften Sie niemanden zur Gewalt an.“

Es half nichts. Auch in Aubervilliers, Aulnay-sous-Bois, Sevran und Bondy kam es zu Aufläufen besorgter Eltern, zu Attacken auf Roma, zur Bildung improvisierter Bürgerwehren. „Wir haben Angst um unsere Kinder“, sagte eine Frau mit Kopftuch dem Fernsehen. Gefragt, ob sie konkrete Anhaltspunkte habe, verneinte sie: „Aber ich habe davon gehört und im Internet gesehen.“

Diverse Bürgermeister, so in Sarcelles und Villiers-le-Bel, publizierten offizielle Dementis: Für die Behauptungen, die Roma suchten junge Menschen für Kinderprostitution und Organhandel, gebe es „keinerlei Belege“. Kein einziges Kind sei in den vergangenen Wochen in der Umgebung entführt worden.

Verschwörungstheorien im Umlauf

Der Sicherheitsdirektor des betroffenen Departements Seine-Saint-Denis, François Léger, schüttelt fassungslos den Kopf: So etwas habe er in 35 Dienstjahren nicht erlebt. In den 70ern habe es mal in Orléans geheißen, Frauen verschwänden aus Umkleidekabinen von Geschäften – geradezu harmlos, wenn man das mit dem Ausmaß der jetzigen Verschwörungstheorien vergleiche. Eine bulgarische Familie mit zwei Kindern habe sich jüngst erst zu den Behörden retten müssen, nur weil sie in einem Lieferwagen mit ausländischen Kennzeichen unterwegs gewesen seien.

Die neuen Gerüchte über Kindesentführungen kamen laut Léger schon vor Wochen auf. Hartnäckig hält sich dabei die Mär von einem weißen Lieferwagen. Überall in Frankreich will man ihn gesehen haben – in Agen im Südwesten hatten Eltern im Januar erstmals deswegen Alarm geschlagen, und sogar die Schulleiterin verschickte eine E-Mail, laut der zwei Männer in einem weißen Lieferwagen „den Kindern Bonbons anbieten“. Etwas später hieß es, ein Mann schenke Kindern 20 Euro, wenn sie zu ihm in den weißen Lieferwagen stiegen. Anfang März erreichte die Hysterie die Hauptstadt. In Noisy-le-Sec alarmierten mehrere Personen die Polizei, der Fahrer eines weißen Lieferwagens wolle Kinder entführen. Zwei Jugendliche gaben zu Protokoll, sie seien gerade noch mal davongekommen.

„Mythos der kinderraubenden Zigeuner“

Das Duo machte genaue Angaben über den Standort des Fahrzeuges und hatte auch das Nummerschild notiert. Die Polizei fand den Fahrer; nahm gar eine DNA-Probe, sah die Aufnahmen von Überwachungskameras durch – und fand nichts. Die Regierung, die die Attacken als „inakzeptabel“ und „abscheulich“ gebrandmarkt hat, lässt Provokateure wie die zwei von Noisy-le-Sec polizeilich verfolgen.

Und Frankreich fragt sich: Wie ist das möglich? Woher kommt diese Hysterie? Niemand weiß es. War es der „Mythos der kinderraubenden Zigeuner“, wie die Zeitung „Le Monde“ vermutet? In Internetforen wird gefragt, ob mittelalterliche Ängste vor „fahrendem Volk“ nun in modernem Gewand digitaler Diffamierung gegen die Roma gewendet würden – so wie man einst die Juden verdächtigte, Kinder zu fressen. Der Verband „SOS-Racisme“ forderte die Internetplattformen auf, die Gerüchteküche zu stoppen. Rechte behaupten, die Attacken gingen von einer weitgehend islamischen Banlieue-Bevölkerung aus. Aber viel eher könnten soziale denn religiöse Faktoren eine Rolle spielen: Die Behörden schieben Roma oft in die verelendeten Vorstädte ab, wo sie von den eingesessenen Unterprivilegierten als noch eine Klasse tiefer angesehen werden.

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