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Zhengzhou

China: Hetze gegen Journalisten nach Überschwemmungen

  • VonFabian Kretschmer
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Fast alle ausländischen Korrespondenten, die über die Flut in Henan berichten, bekamen es mit einem wütenden Mob zu tun.

Zhengzhou - Wie sich die Zeiten für Journalisten in China gewandelt haben! Ein Rückblick: Als 2012 ein Chemiewerk in der Küstenstadt Ningbo explodierte, wurden anreisende Korrespondenten mit Jubelrufen willkommen geheißen. Denn während die Staatsmedien die Katastrophe unter den Teppich kehrten, gaben die ausländischen Kolleginnen und Kollegen den Anwohnern eine Stimme. Bei der derzeitigen Flutkatastrophe in Zhengzhou hingegen wurden westliche Reporter von einem aufgebrachten Mob begrüßt.

Etwa der deutsche Videojournalist Mathias Bölinger, der gemeinsam mit der „LA Times“-Korrespondentin Alice Su über die Naturkatastrophe berichtete: Unverhofft bedrängten mehr als ein Dutzend Männer und Frauen, darunter mutmaßlich auch Sicherheitskräfte in Zivil, die zwei. Bölinger erzählt von einem chaotischen Handgemenge, wüsten Beschimpfungen und dem Versuch, sein Smartphone wegzunehmen.

Überschwemmungen in China. Rund 3000 Menschen waren in zentralchinesischen Provinz Henan durch das Hochwasser eingeschlossen.

Überschwemmungen in China: Wer Behörden kritisiert, diffamiert das Heimatland

Was war passiert? Auslöser für die Hetzjagd war wohl ein Video des BBC-Journalisten Robin Brant, der ebenfalls wegen der Katastrophe in der Stadt Zhengzhou mit einem Kamerateam unterwegs war. In einem Fernsehbeitrag spricht er über das geflutete U-Bahn-System, in dem mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen sind und kritisiert das Frühwarnsystem der Behörden. Ein chinesischer Internetnutzer lud das Video auf sozialen Medien hoch und untertitelte es mit einem falsch übersetzten Zitat: „Wir wissen nicht, warum die Menschen dem Sterben überlassen wurden.“

Daraufhin rief die lokale Jugendliga der Kommunistischen Partei eine regelrechte Jagd auf Robin Brant aus: Die Bewohner sollen unbedingt den BBC-Journalisten in der Stadt aufspüren und den Behörden melden. Tatsächlich wurde in den kommenden Tagen praktisch jeder westlich aussehende Journalist in dem Flutgebiet von aufgebrachten Bürgern bei der Arbeit behindert, bedrängt und gefilmt – und zwar nur, weil er oder sie über eine Naturkatastrophe berichtete. In der Logik von Chinas Nationalisten kommt es einer Diffamierung ihres Heimatlandes gleich, wenn Behördenversagen und gesellschaftliche Übel aufgedeckt werden.

Überschwemmungen in China: Shitstorm mit beängstigenden Ausmaßen

Im Fall von Mathias Bölinger lösten Kurzvideos auf Chinas sozialen Medien einen Shitstorm mit beängstigenden Ausmaßen aus: Die Hasskommentare reichen von Beleidigungen bis zu Morddrohungen. „Wie konnten diese Journalisten überhaupt nach China kommen? Wo ist unsere nationale Sicherheit?“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer meint: „Sofort abschieben!“ Und wiederum ein anderer fragt: „Wieso ist niemand zu ihm hingegangen und hat ihn getötet?“

Ein chinesischer Journalist, Xu Jianhui, gab seinen drei Millionen Followern auf der Online-Plattform Weibo gar einen Leitfaden mit, wie sie ausländischen Berichterstattenden begegnen sollten: sofort nach dem Journalistenausweis fragen, mit dem Smartphone filmen, den Sicherheitsbehörden Bescheid geben und Taxifahrer daran hindern, die Journalisten mitzunehmen.

Drangsalierung von Journalisten ist in China längst Alltag

Drangsalierungen gehören für internationale Korrespondentinnen und Korrespondenten in China zwar längst zum Alltag. Doch bislang beschränkten sich Überwachung, Polizeiverhöre und Internierungen vor allem auf „sensible“ Gebiete wie Xinjiang. Doch spätestens seit letztem Jahr hat sich die Situation für die kritische Presse deutlich verschärft. Gegen den BBC-Korrespondenten John Sudworth starteten Chinas Staatsmedien eine Hasskampagne, die letztlich dazu führte, dass Sudworth mit Frau und Kindern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Taiwan flüchten musste. Zudem haben die chinesischen Behörden fast sämtliche US-Journalisten von „New York Times“, „Washington Post“ und „Wall Street Journal“ aus dem Land verwiesen.

Doch auch wenn Staatschef Xi Jinping immer stärker gegen kritische Berichterstattung vorgeht, ist der historische Tiefpunkt längst nicht erreicht: Noch unter Mao Zedong stellten die Roten Garden 1967 den Reuters-Journalisten Anthony Grey für 27 Monate unter Hausarrest, töteten seine Katze und schmierten das Blut auf sein Bett. (Fabian Kretschmer)

Rubriklistenbild: © Cai Yang/dpa

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