Einige Landtagsabgeordnete und die „Grünen Bergstraße“ blockieren 1989 in einer spontanen Aktion die Zufahrt zum Kernkraftwerk Biblis.
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Einige Landtagsabgeordnete und die „Grünen Bergstraße“ blockieren 1989 in einer spontanen Aktion die Zufahrt zum Kernkraftwerk Biblis.

40 Jahre Grüne

Hessens grüner Faden

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Die Landespartei erinnert sich an ihren Weg vom zivilen Widerstand gegen Flughafenausbau und Atomkraft zur langjährigen Regierungspartei.

Es gab Hirschgulasch mit hausgemachten Semmelknödeln und Rotkraut – natürlich vom Biolandhof. Der prominenteste hessische Grüne Joschka Fischer, der eigentlich gutem Essen nicht abgeneigte Ex-Turnschuh- und Ex-Außenminister, fehlte. Aber er war ja auch vor 40 Jahren noch nicht dabei im Landgasthof „Zum Löwen – beim Philipp“ im mittelhessischen Leihgestern.

Ohne ihn haben die hessischen Grünen ihr Jubiläum gefeiert – schon vier Wochen vor den Bundes-Grünen. Denn die Partei ist seinerzeit von unten gewachsen. Nach Leihgestern kamen viele von denen, die schon die Gründung der hessischen Grünen am 15. Dezember 1979 am gleichen Ort miterlebt hatten.

Martin Häusling, damals 18 Jahre alt, heute gestandener Europaabgeordneter, der in Brüssel für ökologische Landwirtschaft kämpft. Dirk Treber, seinerzeit 28-jährig, später Landtagsabgeordneter und energischer Widersacher gegen den Flughafenausbau. Oder Milan Horacek, der 1979 bereits 33 Jahre zählte, gerade aus der Tschechoslowakei ausgebürgert worden war und sich später als Bundestags- und Europaabgeordneter für die Menschenrechte einsetzte.

An jenem Samstag im Dezember 1979 legten 153 Gründungs-Grüne den Grundstein für einen erfolgreichen Landesverband der Ökopartei. Der 1982 in die Partei eingetretene Fischer wurde bereits drei Jahre später der erste grüne Minister einer Landesregierung und 1998 auch zum ersten und bisher einzigen Bundesaußenminister der Grünen.

Mit Tarek Al-Wazir, der 1989 mit 18 Jahren Parteimitglied wurde, stellen die Grünen den stellvertretenden hessischen Ministerpräsidenten. Und das in einer Koalition ausgerechnet mit der hessischen CDU von Volker Bouffier, dem langjährigen Lieblings-Widersacher der Grünen. Es könnte sein, dass der Probelauf in Hessen Vorbild für den Bund wird – wie seinerzeit bei Rot-Grün.

SPD-Wirtschaftsminister Ulrich Steger (l.) 1987 im Gespräch mit den Grünen-Abgeordneten Jochen Vielhauer und Priska Hinz (r.).

Damit nicht nur weißhaarige Gründer zum Veteranentreffen zusammenkamen, hatten sich die Grünen die Vorsitzenden der Grünen Jugend Hessen als Redner eingeladen, Deborah Düring (24) und Sascha Meier (21). „Was für ein Glück, diese Partei ist kein Generationenprojekt“, stellte Al-Wazir fest.

In Hessen steht ein Symbol für die Erfolge der Partei: das abgeschaltete Atomkraftwerk Biblis. Es wurde Mitte der 70er Jahre in Betrieb genommen, gegen den Protest der wachsenden Anti-AKW-Bewegung. 2019 meldete Hessens Umweltministerin Priska Hinz, Grünen-Mitglied seit 1980, dass alle Brennstäbe aus der Anlage entfernt worden seien. Das AKW wird jetzt abgebaut.

Nicht nur mit dem Atomausstieg habe man Meilensteine gesetzt, findet ihr Ministerkollege Al-Wazir. Aber er warnt: „Die Partei wird nicht für die Vergangenheit gewählt, sondern für die Zukunft.“ Auch hier sei ihm aber nicht bange. „Natürliche Lebensgrundlagen, Nachhaltigkeit – das sind die Themen des Jahrzehnts“, sagt Al-Wazir. „Wenn wir das gut machen, können das die grünen Zwanziger werden.“

Bestimmte Themen, sagt auch die hessische Grünen-Vorsitzende Sigrid Erfurth, zögen sich „wie ein grüner Faden“ bis heute durch die Geschichte der Partei. Umweltschutz, Naturschutz, vernünftige Landwirtschaft, aber auch die Gleichberechtigung der Frauen – all dies seien grüne Gründungsthemen gewesen.

Fläzend landete Joschka Fischer (r., mit Dany Cohn-Bendit) 1987 bei der Landesdelegiertenversammlung in Frankfurt auf Listenplatz 2.

Wobei seinerzeit drei Männer zur Gründung nach Leihgestern eingeladen hatten: der Zoologe Fritz Jantschke, der Theologe Karl Kerschgens und der Sozialwissenschaftler Jan Kuhnert.

Ende der 70er Jahre waren grüne Initiativen aus dem Boden geschossen, die politisch aus unterschiedlichen Richtungen kamen. Bei der Landtagswahl 1978 erreichte die Grüne Liste Hessen mit dem Flughafenausbaugegner Alexander Schubart und dem späteren Frankfurter Multikultur-Dezernenten und Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit mit 1,1 Prozent noch das beste Ergebnis.

Da wurde den Aktiven klar, dass sie sich besser zusammenschließen. „Liebe Freundinnen und Freunde“, schrieben also Jantschke, Kerschgens und Kuhnert an ihre Mitstreiter, „der organisatorische Schwebezustand für die ,Grünen‘ in Hessen soll nun durch die Gründung des Landesverbandes am 15.12.1979 als einer demokratisch legitimierten Organisation beendet werden.“

Der etablierten Politik und manchen Institutionen waren die Grünen seinerzeit unheimlich. In Leihgestern wurde der Wirt gewarnt, die Polizei werde vorbeikommen, weil er seinen Saal an „Personen mit langen Haaren und dicken Pullovern“ vermiete. Heute trägt Al-Wazir Anzug, wenn auch in der Regel ohne Krawatte.

Ein Teil des antiautoritären Gründungsimpulses ist aber auch in Zeiten der Regierungsbeteiligung erhalten geblieben. Nur in Hessen halten die Grünen Parteitage weiterhin nach dem Mitgliederprinzip ab. Es gibt also keine Delegierten, vielmehr darf jedes Mitglied kommen und mitstimmen. Mehr als 1000 taten das im Dezember 2013, als Schwarz-Grün beschlossen wurde.

Das macht die Organisation schwierig und kann politische Entscheidungen beeinflussen, wenn eine bestimmte Gruppe gut mobilisiert. Doch die Partei rüttelt auch heute, da Hessens Grüne die Rekord-Mitgliederzahl von 7281 erreicht haben, nicht an dem Prinzip. Kein Wunder: Mit dem Versuch ist die Parteispitze schon 2003 krachend gescheitert – an der aufmüpfigen grünen Basis.

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