Yoshihide Suga (71) Japans neuer Premier

Japans neue Regierung um Yoshihide Suga: Herrschaft der alten Männer

  • vonFelix Lill
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Japan hat eine neue Regierung um Premierminister Yoshihide Suga (71) – von Aufbruchstimmung aber keine Spur. Die Tradition hat das Land weiter fest im Griff.

  • Yoshihide Suga (71) wurde zu Japans neuem Premierminister gewählt.
  • Das Durchschnittsalter des japanischen Kabinetts liegt jetzt bei 60,4 Jahren.
  • Nur zwei Frauen sind in der neuen japanischen Regierungsmannschaft vertreten.

Japan - Das Land mit einer der ältesten Gesellschaften hat jetzt eine passende Regierung. Zu diesem vorschnellen Schluss könnte kommen, wer an die Repräsentation des Volks durch Politiker denkt und sich das neue Kabinett der japanischen Regierung ansieht. Am Mittwoch präsentierte der Konservative Yoshihide Suga, der gerade vom Parlament zum neuen Premierminister gewählt worden war, seine neuen Minister. Neben den 20 Namen blieb vor allem deren demografisches Profil hängen: Sie sind überwiegend männlich, mit großer Mehrheit alt.

Japans neuer Premierminister Yoshihide Suga ist 71 Jahre alt – und bei weitem nicht der Älteste im Kabinett.

Der durchschnittliche japanische Spitzenpolitiker steht theoretisch direkt vor seinem Ruhestand

Bei 60,4 Jahren liegt das Durchschnittsalter des japanischen Kabinetts. Nach den Regeln zum Renteneintrittsalter in Japan, das seit 2013 schrittweise von 60 auf 65 angehoben wird, steht der durchschnittliche Spitzenpolitiker damit theoretisch direkt vor seinem Ruhestand. Die Führungsriege Japans ist jetzt so alt, dass es selbst dem regierungstreuen öffentlichen Rundfunksender NHK aufgefallen ist. In einer Vorstellung der Personalien heißt es: „Politische Veteranen auf Schlüsselpositionen im neuen Kabinett.“

Denn der Altersdurchschnitt ist selbst für Japan hoch. Zwar ist es richtig, dass die Gesellschaft mit hohem Tempo altert, weil die Frauen einerseits relativ wenige Kinder bekommen und die Menschen andererseits immer später sterben. Mit durchschnittlich 85 Jahren hat Japan neben Hongkong die weltweit höchste Lebenserwartung. Allerdings liegt auch unter diesen Umständen das mittlere Alter in Japan – 48,4 Jahre – noch deutlich unter dem der nun mächtigsten Politiker.

Auch in der japanischen Arbeitswelt sind Ältere bessergestellt

In dem ostasiatischen Land ist das ein typisches Phänomen. Das Prinzip der Seniorität, dass also maßgeblich Dienstjahre und Erfahrung über Einfluss und Karriere entscheiden, ist in der Arbeitswelt Japans stark ausgeprägt. So bestimmen sich auch die Gehälter von Angestellten vor allem in Abhängigkeit der Jahre, die sie im Betrieb verbracht haben.

In der Politik scheint diese Logik besonders zu greifen. Der neu gewählte Premierminister Yoshihide Suga ist 71 Jahre alt, hat vorher acht Jahre lang dem nun 65-jährigen Shinzo Abe als Kabinettssekretär gedient, ehe dieser vor kurzem aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat. Sugas Vizepremier, Taro Aso, ist schon 79 Jahre alt. Shinjiro Koizumi senkt den Altersdurchschnitt des Kabinetts allerdings deutlich: Der 39-Jährige wurde von Sugas Amtsvorgänger Abe im vergangenen Jahr vor allem deshalb zum Umweltminister befördert, weil er der Sohn des einstigen Premierministers Junichiro Koizumi ist.

Nur zwei Frauen im neuen japanischen Kabinett

Koizumi junior gilt als potenzieller zukünftiger Premier und soll der regierenden Liberaldemokratischen Partei ein jugendliches Antlitz verpassen. Dabei geben gerade in der konservativen Partei die Älteren die Richtung vor. Suga wurde nach Abes Rücktritt Mitte September zum Parteivorsitzenden gewählt und hat nun ein fünfköpfiges Führungsgremium vorgestellt, dessen Durchschnittsalter 71,4 Jahre beträgt – und das nur aus Männern besteht.

Ähnlich wie junge Menschen sind auch weibliche in der japanischen Politik kaum sichtbar. Im Kabinett befinden sich mit Justizministerin Yoko Kamikawa und der Olympiaministerin Seiko Hashimoto nur zwei Frauen. Auch dies passt zum generellen Bild. Bei internationalen Vergleichen zur Geschlechtergleichheit schneidet Japan regelmäßig schlecht ab. Um dieses Problem anzupacken, hat Ex-Premier Abe schon 2013 die Vision vorgegeben, Japan wolle ein Land werden, „in dem alle Frauen strahlen“. Bis auf eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen ist aber nicht viel passiert.

Politikverdrossenheit: Wahlbeteiligung in Japan liegt nur noch bei 53 Prozent

Auch wegen dieser mangelhaften Repräsentativität hat sich über die vergangenen Jahre der Eindruck erhärtet, die Politik in Japan sei nicht für die Menschen da und es mache keinen Unterschied, wen man wähle. Die Wahlbeteiligung ist seit Ende der 1990er Jahre von 60 auf zuletzt 53 Prozent gefallen. Vor allem junge Menschen beteiligen sich selten. Dabei stand die nun neu angetretene Regierung nicht allgemein zur Wahl. Aufgrund des Rücktritts von Abe fand die Abstimmung über die neuen Posten nur innerhalb der Regierungspartei statt. Bei den nächsten Wahlen, die im Herbst 2021 anstehen, wird dann dieses sehr männliche und betagte Kabinett um seine Wiederwahl werben. (Von Felix Lill)

Rubriklistenbild: © CHARLY TRIBALLEAU/afp

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