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Relief in Windhuk zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord.

Politik

Deutschland bekennt sich zu Völkermord an Herero und Nama

  • Cora Zinn
    VonCora Zinn
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Nach vielen Jahren will sich Deutschland mit seiner früheren Kolonie vertragen. Dabei geht es um ein Schuldeingeständnis und viel Geld.

Berlin/Windhuk - Nach jahrelangen Verhandlungen will sich Deutschland mit seiner früheren Kolonie, dem heutigen Namibia, aussöhnen. Es geht um ein Schuldeingeständnis, eine Bitte um Vergebung – und um einen Milliardenbetrag. Mehr als 100 Jahre nach den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht im heutigen Namibia erkennt die Bundesregierung die Gräueltaten an den Volksgruppen der Herero und Nama als Völkermord an. Die Nachkommen will Deutschland in den kommenden 30 Jahren mit 1,1 Milliarden Euro unterstützen und offiziell um Vergebung bitten.

Darauf haben sich Regierungsdelegationen aus beiden Ländern nach fast sechs Jahren Verhandlungen verständigt, wie Außenminister Heiko Maas am Freitag (28.05.2021) bekanntgab. „Ich bin froh und dankbar, dass es gelungen ist, mit Namibia eine Einigung über einen gemeinsamen Umgang mit dem dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu erzielen“, sagte er.

Herero und Nama: Deutsches Reich schlug Aufstände brutal nieder

Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia und schlug Aufstände brutal nieder. Während des Herero-und-Nama-Kriegs von 1904 bis 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika begingen die Kolonialherren einen Massenmord. Historikern zufolge wurden etwa 65.000 von 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama getötet.

Bereits seit 2015 verwendet das Auswärtige Amt den Begriff des Völkermords in seinem allgemeinen Sprachgebrauch für den Vernichtungskrieg in Namibia. Jetzt werden die Gewalttaten offiziell als Völkermord bezeichnet. Im Jahr 1948 beschloss die UN-Generalversammlung als Konsequenz aus dem Holocaust die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ und machte Völkermord zum Straftatbestand. Deutschland hat nach der Anerkennung des Völkermords aber keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten, weil die Konvention nicht rückwirkend gilt.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) gibt ein Statement vor einem virtuellen Treffen der EU-Außenminister im Außenministerium.

Herero und Nama: Bundesregierung sieht Entschädigung als „Verpflichtung“

Die Bundesregierung hat immer wieder betont, dass es aus ihrer Sicht keinen Rechtsanspruch auf Entschädigung gibt. Dass sie nun trotzdem eine Summe von 1,1 Milliarden Euro zahlt, sieht sie als politisch-moralische Verpflichtung. Das Geld soll über einen Zeitraum von 30 Jahren hauptsächlich in Projekte der Siedlungsgebiete der Herero und Nama fließen. Dabei geht es um Berufsbildung, Landreform, Landwirtschaft, ländliche Infrastruktur und Wasserversorgung.

Der dritte Aspekt der gemeinsamen politischen Erklärung ist die Bitte um Vergebung. Sie soll Berichten zufolge durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem feierlichen Akt im Parlament von Namibia ausgesprochen werden. „Unser Ziel war und ist, einen gemeinsamen Weg zu echter Versöhnung im Angedenken der Opfer zu finden“, sagte Maas. Er betonte aber auch, dass die Vereinbarung mit Namibia keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit bedeute.

Völkermord an den Herero und Nama
Wo?Kolonie Deutsch-Südwestafrika
Wann?1904 bis 1908

Herero und Nama: Jahrelange Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia

Die Verhandlungen wurden von Beauftragten der beiden Regierungen geführt, die Herero und Nama waren aber eng eingebunden. Bei einigen Vertretern der Volksgruppen hatten erste Hinweise auf das Abkommen jedoch bereits Kritik ausgelöst. Es sei nichts weiter als ein PR-Coup Deutschlands und ein Akt des Betruges der namibischen Regierung, hatte es in einer Erklärung der Ovaherero Traditional Authority und Nama Traditional Leaders Association geheißen.

Deutschland hatte sich ab 1884 Kolonien in Afrika, Ozeanien und Ostasien angeeignet. Es verfügte damit über das viertgrößte koloniale Gebiet und war Besatzungsmacht nicht nur in Deutsch-Südwestafrika (Namibia), sondern auch in Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika (Tansania), im chinesischen Tsingtao und auf Pazifikinseln. Mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wurden ihre Kolonien dann unter den Siegermächten aufgeteilt.

Deutsche Kolonien

  • Deutsch-Südwestafrika (1884-1915): Ältestes „Schutzgebiet“ und einzige Kolonie mit einer nennenswerten Anzahl deutscher Siedler. Das Gebiet der Kolonie ist deckungsgleich mit dem heutigen Namibia.
  • Deutsch-Ostafrika (1885-1918): Mit fast einer Million Quadratkilometern und 7,75 Millionen Einwohnern größte deutsche Kolonie. Auch hier gab es immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen mit Einheimischen. Der Maji-Maji-Krieg (1905-1908) gilt als einer der größten Kolonialkriege. Deutsch-Ostafrika umfasste große Teile des heutigen Tansania sowie Burundi, Ruanda und kleine Teile von Mosambik.
  • Kamerun (1884-1916): Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet bedeutendste Kolonie; großflächiger Kakao-Plantagenanbau.
  • Togo (1884-1914): Handelskolonie mit geringer europäischer Bevölkerung (nie mehr als 350 Personen); wurde neben Samoa als einzige Kolonie ohne Reichszuschüsse verwaltet.
  • Deutsch-Neuguinea (1885/1899-1919): Umfasste unter anderem Nauru und die Palau-Inseln sowie Teile von Papua-Neuguinea, Mikronesien und den Salomonen.
  • Deutsche Samoa-Inseln (1900-1914): Deutschlands „Perle in der Südsee“ blieb ebenso wie Deutsch-Neuguinea wirtschaftlich unbedeutend, kam aber wie Togo ohne Reichszuschüsse aus.
  • Kiautschou (1898-1914): Gedacht als Flotten- und Handelsstützpunkt, erfüllten sich die Erwartungen nicht. Stattdessen war die brutale Niederschlagung des Boxeraufstands (1900) ein weiterer Tiefpunkt in der kurzen Geschichte des deutschen Kolonialismus.

Deutschland war es wichtig, sich vor der Bundestagswahl im September mit Namibia zu einigen

Die jetzt abgeschlossenen Verhandlungen hingen lange Zeit an der heiklen Frage einer finanziellen Entschädigung für koloniale Ausbeutung und Unterdrückung fest. Aus deutscher Sicht war es wichtig, noch vor der Bundestagswahl 2021 zu einer Einigung zu kommen. Auch die beiden Parlamente sollen noch zustimmen. (czn/dpa)

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