Hennen in der Röhre

Nach allerlei Flops wollen US-Sicherheitsberater jetzt ein Waffen-Dossier über Irak veröffentlichen

Von Dietmar Ostermann (Washington)

Wenn ein Mann wie Kenneth Pollack die Welt und seine Regierung nicht mehr versteht, dann machen die Hardliner in Washington etwas falsch. Pollack, einst Nahost-Experte der CIA und im Nationalen Sicherheitsrat Bill Clintons für den Persischen Golf zuständig, zählt in Washington zu den seriöseren Falken. Er glaubt, dass Saddam Hussein schon bald wieder zu einer akuten Bedrohung für die Golfregion und US-Interessen wird, wenn man ihm nicht militärisch in den Arm fällt. Er ist überzeugt, dass Irak heimlich weiter an Massenvernichtungswaffen arbeitet. Und er ist sich sicher, dass die USA dafür über einschlägige Beweise verfügen.

Warum die Bush-Regierung das Belastungsmaterial aber nicht längst der kriegsskeptischen Weltöffentlichkeit vorgelegt hat, ist dem Ex-Geheimdienstler ein Rätsel. "Sie sagen: Nächste Woche kommen wir mit Beweisen", stöhnt Pollack, "ich höre das seit zwei Monaten. Und dann nichts." Tatsächlich hat US-Außenminister Colin Powell am Montag nicht zum ersten Mal die baldige Vorlage eines Irak-Dossiers angekündigt. Schon im vergangenen Jahr hieß es, man wolle nur den irakischen Waffenbericht Anfang Dezember abwarten, um die UN-Inspekteure gezielt mit Geheimdiensterkenntnissen zu versorgen. Das aber dauerte dann Wochen und lief nur schleppend an. Die UN-Inspekteure beklagten sich am Montag erneut über die Qualität der Zuarbeiten. Zwar gab es bei ihren Untersuchungen kleinere Funde und Verdachtsmomente - aber keine von den USA erhofften "rauchenden Colts".

Für die USA ist die Lage unangenehm: Manch vermeintlich heiße Spur erwies sich als Luftnummer. Das prominenteste und für Washington peinlichste Beispiel schrieben die Inspekteure am Montag erneut ins Stammbuch: Jene illegal importierten Aluminiumröhren, mit denen Irak nach US-Angaben Zentrifugen zur Urananreicherung bauen wollte, hätten sich bei Kontrollen als für diesen Zweck untauglich erwiesen. Vielmehr seien sie für die von Irak erklärte Verwendung geeignet - zum Bau von Raketen kürzerer Reichweite. Bei seiner Rede vor den Vereinten Nationen am 12. September hatte Präsident George W. Bush die Aluminiumröhren als Beleg dafür angeführt, dass Irak binnen eines Jahres in der Lage sein könne, Atomwaffen zu bauen. Dieses Debakel freilich ist kein Einzelfall. Als die Kontrolleure am 15. Januar bei Dora dem Hinweis eines "westlichen Geheimdienstes" nachgingen, stießen sie nicht auf ein Raketenversteck, sondern eine verlassene Hühnerfarm. Die offenbar von Satelliten als verdächtig ausgemachten, langgestreckten Gebäude waren zu niedrig und die Türen zu eng, als dass dort je die vermuteten Scud-Raketen hätten lagern können.

Derlei Flops sind nicht nur für Washington ärgerlich. Sie können im Kriegsfall für die Zivilbevölkerung lebensgefährlich sein: Gut möglich, dass die US-Luftwaffe die Hühnerfarm bei einer Invasion vorsorglich platt gebombt hätte. Vor allem aber unterhöhlen sie die Glaubwürdigkeit der übrigen, bislang unter Verschluss gehaltenen US-"Beweise". Bei der Beurteilung von deren Stichhaltigkeit muss sich die Öffentlichkeit auf das Wort der Regierung verlassen. "Die Vereinigten Staaten besitzen mehrere Informationen durch die Arbeit unserer Geheimdienste, die zeigen, dass Irak verbotene Waffen besitzt", beteuerte Powell am Montag erneut.

Angesichts der internationalen Anti-Kriegsfront und einer wachsenden Skepsis in der eigenen Bevölkerung dämmert freilich auch der Administration, dass es mit derlei Erklärungen nicht länger getan ist. Bislang hat die US-Regierung bei Fragen nach schlüssigen Beweisen stets entweder vertröstet oder argumentiert, es gebe keine Bringschuld: Nicht die USA müssten Irak Verstöße gegen UN-Resolutionen nachweisen. Vielmehr müsse Irak beweisen, dass er über keine Massenvernichtungswaffen mehr verfüge.

Nun will Washington einige Karten auf den Tisch legen. Im Weißen Haus sichtet eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Vize-Sicherheitsberater Stephen Hadley das von den Geheimdiensten zusammengetragene Material, um ein Dossier zusammenzustellen. Auf dem Tisch liegen Satelliten-Aufnahmen verdächtiger Gebäude, Mitschnitte abgehörter Gespräche von irakischen Offiziellen, Berichte von Überläufern und sensiblen Geheimdienstquellen in Irak. Material also, von dem US-Offizielle beteuern, es belege "unzweideutig" illegale Rüstungsbemühungen. Das Außenministerium drängt das Hadley-Team, möglichst viel des Materials öffentlich zu machen. Die Diplomaten hoffen, damit skeptische Alliierte zu überzeugen. CIA und Pentagon drängen hingegen auf maximale Geheimniskrämerei. Die Schlapphüte, glaubt der Ex-Geheimdienstmann Pollack, fürchteten um ihre Quellen.

Dossier: Krieg gegen Irak?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion