Ein heller Fleck, der Name ausgelöscht

Der Briefwechsel der Jüdin Lilli Jahn (1900 -1944) ist Dokument und Anklage zugleich

Von Elke Schubert

Erstaunlicherweise gibt es sie immer noch: jene Kartons mit Dokumenten, die beim Tod eines Angehörigen auf Dachböden oder an ähnlich versteckten Orten gefunden werden. Als Gerhard Jahn, ehemaliger Justizminister unter Willy Brandt, im Oktober 1998 starb, entdeckte seine Familie beim Ordnen des Nachlasses 250 längst verloren geglaubte Briefe von Jahns Mutter Lilli - Liebesbotschaften an ihren Verlobten Ernst Jahn, Nachrichten an ihre Freunde, aber vor allem den Briefwechsel mit ihren Kindern, den Mitgefangene aus einem Arbeitserziehungslager der Nazis geschmuggelt hatten. Durch sie kann man nicht nur die allmähliche Entrechtung der Juden in Deutschland und die Zerstörung einer Familie verfolgen, sondern sie sind, wie der Herausgeber und Enkel, Spiegel-Redakteur Martin Doerry, im Vorwort schreibt, "ein Lehrstück gegen die Gleichgültigkeit der Menschen im Kriege". In ihrer chronologischen Ordnung erzählen sie "von den verheerenden Folgen, die ganz alltägliche Schwächen wie Feigheit und Egoismus in einem totalitären System zeitigen können".

Lilli Jahn stammte aus einer begüterten jüdischen Familie, die ihre Tochter zum Medizinstudium an die Universität schickte. Ihre Verbindung mit dem Christen Ernst Jahn wurde erst zögernd akzeptiert, denn schon in den zwanziger Jahren konnte man ahnen, dass es Probleme wegen Lillis Herkunft geben könnte. Lillis Eltern schienen dem labilen Ernst Jahn nicht zuzutrauen, diese Probleme zu meistern. Trotz aller Vorbehalte hielt Lilli Schlüchterer zu ihrem Verlobten, obwohl die Liebe "zuweilen einseitige Angelegenheit" ihrerseits war. Diese Verbindung sollte sie unter den Nazis das Leben kosten. Während Schwester und Mutter noch rechtzeitig emigrieren konnten, hielt Lilli an ihrer Ehe fest und wurde von ihrem Mann verlassen, als es für eine Emigration zu spät war. Unvorstellbar ist, dass sich Ernst Jahn 1942 von ihr scheiden ließ und sie damit dem sicheren Tod auslieferte.

Das Ehepaar betrieb gemeinsam eine Praxis in dem kleinen hessischen Ort Immenhausen, nach langem Suchen die einzige Möglichkeit für Ernst Jahn, als Arzt Fuß zu fassen. Fünf Kinder kamen zur Welt, ein Junge und vier Mädchen. Schon 1933 wurde die Praxis boykottiert und die Familie im Ort geächtet. Mehr als alle Worte zeugen daher zwei in das Buch aufgenommene Fotos von der allmählichen Entrechtung derJahns. Das eine zeigt Ernst und zwei seiner Kinder im Hauseingang mit den Praxisschildern von Ernst und Lilli Jahn, das andere, in der selben Einstellung fünf Jahre später aufgenommen, einen hellen Fleck anstelle von Lilli Jahns Praxisschild. Lilli verließ kaum noch das Haus, um Bekannte nicht in Verlegenheit zu bringen, Freunde zogen sich zurück.

In dieser prekären Situation nahm sich Ernst Jahn eine Geliebte, die einige Zeit später ein gemeinsames Kind zur Welt brachte. Lilli Jahn versuchte sich zu arrangieren, doch irgendwann ging es nicht mehr, wohl auch, weil die Geliebte zur Heirat drängte. Mit ihren Kindern bezog Lilli Jahn eine Wohnung in Kassel, in der naiven Hoffnung, so den Naziterror überstehen zu können. Als sie im August 1943 wegen einer Nichtigkeit verhaftet wurde, waren ihre Kinder, die älteste Tochter Ilse ist gerade mal 14 Jahre alt, die Jüngste Dorle noch ein Kleinkind, auf sich allein gestellt, denn die zweite Frau des Vaters weigerte sich, sie aufzunehmen.

Lilli wurde ins Lager Breitenau verbracht, und hier begann ein reger Briefwechsel. Kaum jemand hatte eine Vorstellung, wie es in einem Arbeitserziehungslager aussah, und Lilli Jahn wollte ihre Kinder nicht beunruhigen. Die ersten Briefe sind von Ungläubigkeit geprägt, aber auch von der festen Hoffnung, dass die Abwesenheit der Mutter sich höchstens auf ein paar Tage oder Wochen beschränken würde. Noch war die Familie von der Möglichkeit eines Irrtums überzeugt, und so handeln die Briefe von alltäglichen Begebenheiten, Beschwichtigungen, von der Sehnsucht, sich bald wieder zu sehen, aber auch von den Schwierigkeiten, den Haushalt zu organisieren. Nur kleine Nebenbemerkungen und die Bitte um Lebensmittel lassen erahnen, welche Not die Muter litt, die bei mangelhafter Ernährung täglich zwölf Stunden arbeiten musste.

Äußerst behutsam hat Martin Doerry diese Dokumente kommentiert und nur, wenn nötig, erklärende Zwischentexte eingefügt. Die Briefe sprechen für sich selbst und besitzen darüber hinaus ihre eigene Dramaturgie, die von Hoffnung bis hin zu Resignation reicht. Sind sie anfänglich noch sehr ausführlich und verzweifelt, werden sie im Laufe der Monate knapper und routinierter. Gerhard Jahn wird als Luftwaffenhelfer eingezogen, die Wohnung in Kassel durch die massiven Luftangriffe zerstört und die Lebensmittelversorgung immer komplizierter. In einem verzweifelten Augenblick versucht die Älteste Ilse, noch einmal alle Kräfte für die Freilassung ihrer Mutter zu mobilisieren. Ob Ernst Jahn, wie von Kindern und Freunden gefordert, tatsächlich die Gestapo aufsuchte, um sich für seine ehemalige Frau einzusetzen, kann heute nicht mehr eruiert werden, wahrscheinlich tat er es nicht. Ob es etwas genutzt hätte, ist ebenso fraglich. Im März 1944 wird Lilli Jahn nach Auschwitz deportiert, von dort gibt es nur einen Brief, den sie einer Schicksalsgenossin diktiert hat, weil sie wahrscheinlich schon zu schwach war. Wenige Tage nach dem Eintreffen des Briefes wird die Familie telefonisch vom Tod der Mutter unterrichtet.

Lilli Jahns Briefwechsel mit den Kindern ist erschütterndes Dokument und Anklage zugleich. Wie Ernst Jahn nach dem Kriege mit seiner Schuld fertig wurde und ob ihm seine Kinder jemals verzeihen konnten, beide Frage werden in diesem Buch nicht beantwortet. In einem Interview hat Ilse Jahn angedeutet, dass sie nach langen Zögern doch wieder Kontakt mit dem Vater aufgenommen hat.

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