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Helge Braun

Helge Braun: „Das Land ist wie ein Tanker, der ganz, ganz langsam wendet“

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CDU-Kanzleramtsminister Helge Braun spricht über seine Arbeit als Corona-Krisenmanager, soziale Folgen für die Gesellschaft und Mängel in unserem Gesundheitssystem.

Bei ihm laufen alle Fäden zusammen: Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) ist oberster Krisenmanager des Landes. Täglich telefoniert der 47-jährige Hesse – zufällig der erste Arzt auf diesem Posten – mit den Staatskanzleichefs der Länder, er sitzt im Corona-Kabinett der Bundesregierung, die Ministerien stimmen sich mit ihm ab.

Herr Braun, Bund und Länder warnen vor großen Osterfeiern und –besuchen. Wie bedenklich ist die Lage?

Die Lage ist wirklich ernst. Das Coronavirus verbreitet sich sehr schnell. Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl von schweren Verläufen. Deshalb ist es für die Regierung das oberste Ziel, das Gesundheitswesen auf mehr schwer kranke Patienten einzustellen. Gleichzeitig arbeiten wir daran, das Tempo der Neuinfektionen deutlich zu drosseln.

Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, dass das gelingt?

Die richtige Aussage ist: Wir können noch nicht sagen, ob es gelingt, aber wir kämpfen dafür. Wir haben erste Hinweise in den Zahlen, dass sich das Infektionsgeschehen seit dem 12. März, als wir mit den Maßnahmen begonnen haben, etwas verlangsamt hat. Statt innerhalb von drei Tagen verdoppelt sich die Infektionszahl nur noch alle sechs, sieben Tage. Aber das reicht noch lange nicht aus: Nötig sind zehn oder besser 14 Tage. Das Land ist wie ein Tanker, der ganz, ganz langsam wendet. Deswegen müssen wir noch eine Weile abwarten.

Wird es dann entspannter?

Ich will darüber nicht spekulieren. Man kann sich auch andere Maßnahmen überlegen, die nicht als Verschärfung empfunden werden, sondern uns helfen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Wichtig ist, Kontaktpersonen von Infizierten zu finden, so dass es nicht zu weiteren Ansteckungen kommt. Wir schaffen für diese Nachverfolgung 20 000 zusätzliche Stellen in den Gesundheitsbehörden.

Es gibt zu wenig Schutzausrüstung, auch weil aus Kostengründen viel im Ausland produziert wird. Rächt sich das nun?

Wir haben schon für einigen Nachschub gesorgt. Wir kaufen weltweit ein und sind auch mit deutschen Unternehmen im Gespräch, die ihre Produktion umstellen und künftig Masken herstellen. Es kann sein, dass wir künftig bei kritischen Gütern sagen: Weil es uns das wert ist, eine Produktion in Deutschland oder Europa zu haben, zahlen wir auch ein oder zwei Cent mehr.

Den Pflegenotstand, der jetzt sichtbar wird, gab es auch vor Corona. Der Mangel an Personal lag auch an der Bezahlung. Muss das Tarifsystem umgekrempelt werden?

Wie wir unser Gesundheitssystem zukünftig aufstellen, ist eine der Fragen, die wir nach der Krise beantworten müssen. Dazu gehört die Personalfrage, die Kapazitäten in der Intensivmedizin und die Verfügbarkeit kritischer Güter.

Hat die Bundesregierung zu spät reagiert?

Der Zeitpunkt war sehr vertretbar und angemessen. Wir hätten die Kontaktbeschränkungen nicht später verhängen dürfen. Wir sehen ja, wie langsam sich ein Infektionsgeschehen beruhigt. Aber viele Menschen hätten nicht verstanden, wenn wir deutlich früher so massiv eingegriffen hätten.

Manche setzen ihre Hoffnung in die Theorie der Herdenimmunität, bei der die Bevölkerung sich in Wellen ansteckt. Das würde eine zwischenzeitliche Lockerung der Beschränkung ermöglichen.

Das ist eine Theorie. In der Praxis ist es etwas differenzierter. Wenn man eine gewisse Zahl der Infektionen in Kauf nimmt, muss man die Risikogruppen besonders gut schützen. Und auch junge Menschen sollten die Gefahr nicht zu leichtfertig abtun. Und bei diesem Virus ist es umgekehrt wie beim Auto: Es ist sehr langsam zu bremsen, aber sehr schnell beim Gas geben. Wir sollten also alles versuchen, um Neuinfektionen zu vermeiden.

Armutsforscher warnen vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft durch Corona. Wie wollen Sie das verhindern?

Wir haben mit unseren Beschlüssen historisch einmalige Summen aufgewendet, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise abzufedern, etwa mit Kurzarbeitergeld und Kündigungsschutz für Mieter. Wir schauen uns aber auch an, wo neue soziale Härten entstehen.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Regierung nicht zusammenklappt?

Wir arbeiten in unterschiedlichen Teams, manche im Büro, andere von zu Hause, um zu verhindern, dass ganze Arbeitseinheiten bei einem Infektionsfall gleichzeitig ausfallen. Und wenn wir uns treffen, halten wir Abstand.

Zieht es Sie als Arzt gerade zurück ins Gesundheitswesen?

Wenn im Kanzleramt die Krise gemanagt ist, kann ich mich zur Verfügung stellen.

Interview: Daniela Vates

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