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Nadija Sawtschenkos impulsive Auftritte im Parlament entsetzen selbst ihre Anhänger.
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Nadija Sawtschenkos impulsive Auftritte im Parlament entsetzen selbst ihre Anhänger.

Ukraine

Die Heldin des Volkes und des Aberwitzes

Kiew will der ukrainischen Pilotin Nadija Sawtschenko den Prozess machen.

Die Vorwürfe klingen absurd: Nadija Sawtschenko, 36, ukrainische Politikerin, Berufssoldatin und Heldin des Donbasskrieges, soll einen Terroranschlag auf die Oberste Rada, das ukrainische Parlament, geplant haben. „Zuerst wollte sie die Logen der Regierung mit Granaten zerstören lassen, dann mit Minenwerfern die Kuppel des Sitzungssaals zum Einsturz bringen und mit Maschinenpistolen alle erledigen lassen, die noch lebten“, verkündete Generalstaatsanwalt Juri Luzenko vor der Rada. Heute sollen deren Abgeordnete über seinen Antrag entscheiden, ihrer Kollegin Sawtschenko die parlamentarische Immunität zu entziehen und ihrer Festnahme zuzustimmen.

Wie damals, 2014, als sie nach ihrer Gefangennahme im Donbass nach Russland verschleppt worden war, sieht sich Sawtschenko heftigen Anschuldigungen ausgesetzt. Dort machte man ihr den Prozess, weil sie angeblich als ukrainische Artillerieaufklärerin tödliches Feuer auf russische TV-Reporter gelenkt hatte – obwohl ihre Handydaten belegten, dass sie bereits Gefangene war, als die Russen beschossen wurden.

Sawtschenko wurde in Russland im März 2016 zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt; viele Beobachter verglichen Anklage und Prozess mit der kafkaesken Justiz unter Josef Stalin. Sawtschenko durchlitt mehrere lebensgefährliche Hungerstreiks und wurde im Mai 2016 gegen zwei im Donbass gefangene russische Militärs ausgetauscht. In ihrer Heimat empfing man sie als Nationalheldin, in der Rada wartete ein Abgeordnetensitz auf sie.

Jetzt aber droht ihr neuer, ukrainischer Aberwitz. Auch die Vorwürfe der Kiewer Staatsanwaltschaft klingen paradox: Darin heißt es unter anderem, Sawtschenko wollte Präsident Petro Poroschenko erst in der Rada ermorden lassen, hinterher aber ein Killerkommando in sein Haus schicken, um ihn ein zweites Mal zu töten. Die Öffentlichkeit reagiert mit Spott. „In die Luft jagen und dann mit Maschinenpistolen abschlachten“, bloggt der TV-Moderator Rostislaw Suchatschjow. „Millionen Ukrainer machen in Gedanken mit.“

Poroschenko und sein Regime gelten als korrupt und reformresistent. Der Politologe Wadim Karasew glaubt, der unpopuläre Präsident wolle nach dem in die EU deportierten Micheil Saakaschwili mit Sawtschenko eine weitere Symbolfigur drohender Straßenproteste ausschalten. „Zumal sich an diesen Straßenprotesten inzwischen viele – und insgeheim bewaffnete – Donbass-Kriegsveteranen beteiligen.“

Aberwitzig ist allerdings auch Sawtschenkos Reaktion auf die Vorwürfe: Sie werde von einer Gruppe „Objekt A“ ausspioniert, die den Auftrag habe, sie zu liquidieren, erklärte sie. Sie habe gegenüber dem Objekt A „Surrealismus geschaffen“, indem sie etwa vorschlug die Rada in eine Gaskammer zu verwandeln. „Wir haben Pläne ausgearbeitet, wo und wie man die Machtelite vernichten könne. Das Objekt A hat alles aufgenommen.“ Fast klingt das, als habe Sawtschenko selbst den Spitzeln des Regimes die Anschuldigungen gegen sie diktiert. Dazu ließ sich die einstige Kriegsheldin vor dem leeren Sitzungssaal filmen, machte ein böses Gesicht und rief: „Peng Peng! Na, habt ihr jetzt die Hose voll?“

Die Hubschrauberpilotin gilt als impulsiv und politisch ungeschickt, jetzt aber herrscht auch unter ihren Anhängern Entsetzen. „Selbst wenn Nadija scherzt“, klagt ein Freund, „solche Scherze macht man nicht.“ Und das politische Kiew wartet gespannt auf die Ton- und Bildbeweise, die der Generalstaatsanwalt an diesem Donnerstag der Rada vorlegen will.

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