+
„Macron fühlt sich als Sieger, gleichzeitig konnte Merkel eine langjährige Verbündete an die Spitze der EU setzen.“

Interview

„Die Heldin ist natürlich wieder einmal Angela Merkel“

  • schließen

Die Schriftstellerin Jagoda Marinic über von der Leyens Nominierung, Hinterzimmer-Entscheidungen und den Karriere-Herbst von Frauen.

Die EU braucht eine Kommissionspräsidentin. Das forderten im Juni 19 europäische Schriftstellerinnen in einem offenen Brief mit dem Titel „Es ist Zeit“ in der FR. Unter ihnen auch die deutsche Autorin Jagoda Marinic. Mit der Nominierung Ursula von der Leyens könnten es nun sogar zwei Frauen in Brüssel an die Spitze der EU schaffen – die Dänin Margrethe Vestager wird als Vize-Kommissionspräsidentin gehandelt.

Frau Marinic, was halten Sie denn von dem Deal, wie er jetzt steht?
Macron und Merkel haben eine Wundertüte geschnürt, mit der niemand gerechnet hat. Natürlich kann man das von den Defiziten her lesen: keine Spitzenkandidatin, Demokratie-Mangel, dann die Nominierung der Ministerin in Merkels Kabinett, die unter heftigster Kritik steht. Die Fehler wurden jedoch schon im Vorfeld gemacht: Vestager wurde in den Verhandlungen zu früh geopfert. Im Postengeschacher Ende Juni fielen sehr bald keine Frauennamen mehr. Wir freuen uns sehr, dass Macron zu den letzten Verhandlungen mit dem Ansage erschien: Hier muss Parität herrschen im Jahr 2019.

Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Sheroes“ veröffentlicht, das steht für Heldinnen. Wer ist die Heldin in dem Spiel? Von der Leyen, die nun noch einen unerwarteten Karriereschritt macht?
Die Sheroe ist natürlich wieder einmal Angela Merkel, denn sie wird Weber los und mit ihm ein Stück Abhängigkeit von der CSU. Macron fühlt sich als Sieger, gleichzeitig konnte Merkel eine langjährige Verbündete an die Spitze der EU setzen. Vom Verhandlungsgeschick der Kanzlerin profitiert von der Leyen nun. Unverdienterweise, sagen die Kritiker. Gleichzeitig gelang es, hinter der Personalie die 28 Staatschefs zu versammeln, was zuvor eben nicht möglich zu sein schien.

Schriftstellerin Jagoda Marinic.

Was ist mit Vestager, die öffentlichkeitswirksam Größe zeigt und eigentlich auch gewonnen hat?
Vestager ist natürlich eine Sheroe, die Kandidatin, die bei den meisten beliebt war und doch am schlechtesten gehandelt wurde. Sie war das erste Opfer des Geschachers, obwohl sie für viele die ideale Besetzung war – ein typisches Schicksal von Frauen mit Machtbestrebungen übrigens. Sie ist auch als Vize-Kommissionspräsidentin eine Politikerin, von der wir hören werden und wer weiß: Vielleicht läuft sie sich warm für die nächste Wahl. In ihrem Tweet nach der Nominierung von der Leyens hat sie klar gesagt: Zwei Frauen an der Spitze der EU zu haben, ist ein historischer Moment. Es wird spannend, wie die Frauen ihre Macht ausfüllen werden. Lagarde war damals für einen Schuldenschnitt für Athen, auch ihre sonstigen Auseinandersetzungen mit Schäuble, um die Deutsche Bank etwa, sind legendär.

Und was sagen Sie zu dem Hinterzimmer-Vorwurf? Überwiegt die Tatsache, dass eine Frau an die Spitze kommt, den Nachteil, dass es eine Frau im Herbst ihrer Karriere ist, die nicht zur Wahl stand?
Die Geschichte der Politik ist voller Hinterzimmer-Entscheidungen. Was wäre die Alternative gewesen: Europa gibt sich die Blöße, wie die Briten es derzeit tun? Es wäre in der aktuellen weltpolitischen Lage die falsche Botschaft an autoritäre Herrscher, dass Europa zu keinem Konsens in der Lage ist. Die Visegrad-Staaten haben Timmermans verhindert, sich nun aber hinter eine Politikerin gestellt, die schon 2011 von den Vereinigten Staaten von Europa sprach und nach 2015 einen Geflüchteten in der Familie aufnahm. Das ist in Zeiten starker anti-europäischer Bewegungen ein Verhandlungssieg, der darf von mir aus in Hinterzimmern erreicht werden.

Und wann genau beginnt der Herbst einer Frauenkarriere?
Bei Frauen scheint eine andere Zeitschiene zu gelten, sehen Sie sich mal Joe Biden und Bernie Sanders an, die wollen mit Ende Siebzig gerade nochmal loslegen. Bei Merkel schreibt man schon jahrelang an der Merkeldämmerung – übrigens auch bei diesen Europa-Verhandlungen. Es scheint auch so zu sein, dass an Frauen höhere moralische Ansprüche gestellt werden, denn von der Leyens Ministerium ist nachweislich nicht das einzige, dem McKinsey seine Aufträge verdankt. Diese Vergabepraxis muss generell anders geregelt werden. Man kann das nicht an von der Leyen allein austragen – sie steht dafür jedoch härter in der Kritik als ihre männlichen Kollegen. Bleibt abzuwarten, was sie aus dieser nicht ganz verdienten Chance macht.

Interview: Jan Sternberg

Zur Person

Jagoda Marinic wurde 1977 als Tochter kroatischer Einwanderer in Waiblingen geboren. Sie ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg, veröffentlichte Theaterstücke, Essays und Romane. Zuletzt erschien ihr Buch „Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“ im Fischer Verlag.  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion