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Heldenschreiber: Ernst Jünger, hier aufgenommen mit dem Orden "Pour le merite" am 29.3.1989, seinem 94. Geburtstag, in Wilflingen. Jünger starb im Alter von 102 Jahren.

MYTHEN

Lob des Heldentums

Britische Vorstöße in Stahlgewittern. Ernst Jünger lässt kaum ein Detail aus. Auf einen weiteren Kampf seien seine Truppe und er selbst nicht erpicht

Von MATTHIAS ARNING

Britische Vorstöße in Stahlgewittern. Ernst Jünger lässt kaum ein Detail aus. Auf einen weiteren Kampf seien seine Truppe und er selbst nicht erpicht gewesen: "Wir bauten eine Barrikade und ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr zurück. Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom Sturmtrupp, die mich lebhaft an den alten Simplicissimus erinnerten. Ich lernte hier einen Schlag von Kämpfern kennen - den Kriegsfreiwilligen von 1918, allem Anschein nach von der Disziplin noch wenig beleckt, doch tapfer aus Instinkt."

Junge Kerle, die davon träumten, Helden zu werden. Im Namen des Vaterlands. Sie gehörten zu einer Generation, die sich die Konsequenz der Bismarckschen Reichsgründung als Weltmachtpolitik vorstellte. Dabei trat der alte Gegner in den Hintergrund: Frankreich, der Erzfeind, spielte eine untergeordnete Rolle, wenn es um die Gründung eines eigenen Imperiums ging. Jetzt rückte England als Widersacher ins Blickfeld. Die traditionelle Weltmacht. Aus der Perspektive des weit in die Generation wirkenden Heinrich Treitschke stellt sich das Königreich als "alte Nation" dar. Ihr gegenüber die junge Nation, die unverbrauchte, die nicht mit ihrem baldigen Zusammenbruch zu rechnen hatte - das Deutsche Reich.

Werner Sombart führte die Differenzierung nach jungen und alten Nationen in seiner 1915 erschienenen Studie über "Händler und Helden" fort. Und traf den Nerv junger Deutscher, die zumeist eine mittelständische soziale Verankerung hatten. Sombart stellte einem auf eigenartige Weise mit Deutschland verbundenen Freiheitsbegriff das kapitalistische System der Briten entgegen, eines Volks von kleinkarierten Krämern, allein darauf aus, Profite zu machen.

Dagegen stünden die Deutschen als Bewahrer kultureller Ideale, als tugendhafte, nicht allein am individuellen Eigennutz orientierte Wesen, denen klar sei, dass sie als Helden den Händlern etwas entgegensetzen müssten: "Der Krieg", merkt Sombart an, "der Krieg, der die Vollendung der heldischen Weltanschauung bildet, der aus ihr hervorwächst, ist notwendig, damit diese heldische Anschauung selber nicht den Mächten des Bösen, nicht dem kriegerischen Händlergeiste zum Raube werde."

Sombart hatte die Begeisterung vieler Menschen im Augenblick des Kriegsbeginns klar vor Augen, als er seine Lobpreisung des Heldentums verfasste. Ein Enthusiasmus, mit dem sich die Aussicht auf Höheres eröffnete. Auf den Schlachtfeldern konstituierte sich "eine Volksgemeinschaft", eine Form des Zusammengehörigfühlens jenseits aller sozialer Klassen und Gegensätze, eine Form der Verfasstheit, die für Helden Platz bot, nicht aber für Profiteure. Die Hoffnung auf ein gemeinsames Projekt. An die Wiederkehr des Geistes von 1914 glaubten nicht wenige Menschen im Januar 1933 - sie verstanden es so, als wenn sich für Deutschland mit den Nationalsozialisten noch einmal eine zweite Chance biete.

Zur Propagierung des Märtyrertums im Namen des Vaterlands gehört die Bekundung der Unschuld am Ende des Krieges. Deutsche Militärs griffen auf einen Mythos zurück, als sie eine Verbindung schufen zwischen dem darnieder liegenden Heer und dem Todesstoß gegen Siegfried im Nibelungenlied. Noch gab es in Deutschland keine parlamentarische Regierung, doch für Erich Ludendorff stand außer Frage, dass die Sozialdemokraten zu Vaterlandsverrätern geworden seien und für die Niederlage die Verantwortung zu tragen hätten: "Nun", raunzte er, "sollen sie die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben."

Was "die Volksgemeinschaft" zu Beginn des Krieges zu leisten vermochte, bot die Formel "Im Felde unbesiegt" am Ende der Auseinandersetzungen an. Zumindest für den Augenblick.

Ein Mitarbeiter im Stab der Obersten Heeresleitung beschrieb den Moment, in dem Ludendorff das Waffenstillstandsgesuch bekanntgab: "Als wir versammelt waren, trat Ludendorff in unsere Mitte, sein Gesicht von tiefem Kummer erfüllt, bleich, aber mit hocherhobenem Haupt. Eine wahrhaft germanische Heldengestalt. Ich musste an Siegfried denken mit der tödlichen Wunde im Rücken von Hagens Speer."

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