Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

60 JAHRE DANACH

Heldenspiele

Für den damals zehnjährigen Peter Brendel war die Trümmerstadt Leipzig ein großer und gefährlicher Spielplatz. Und er erfuhr, wie schnell man bei den Nazis zum "Helden" werden konnte.

Am 18. April 1945 - ich war damals knapp zehn Jahre alt - war für uns in Leipzig der Krieg zu Ende. Nach elf fürchterlichen Luftangriffen blutete die Stadt wie ein großes Tier aus vielen Wunden. Meine Eltern, mein jüngerer Bruder und ich wohnten im Stadtzentrum, nahe dem Hauptbahnhof - wichtiges Ziel der Angriffe. Ich erinnere mich, nie etwas Schrecklicheres als diese Bombennächte im Keller bei Kerzenlicht erlebt zu haben. Durch die Bombeneinschläge und Detonationen flackerte jedes Mal das elektrische Licht, die Decken und Wände erzitterten, Putz fiel herab, Frauen schrieen, Kinder heulten angsterfüllt.

Wenn aber dann alles ruhig wurde, warteten wir Jungen nicht stundenlang auf das lang gezogene Entwarnungssignal der Luftschutzsirenen, wie es vorgeschrieben war. Die Straße, ausgebrannte Häuser, die Trümmer und Ruinen - das waren unsere verlockenden Spielplätze mit all ihren oft tödlichen Gefahren. Es gab Hobbys, die nur wir damaligen Kinder hatten, zum Beispiel Granatsplitter sammeln.

Bei einem unserer Erkundungszüge entdeckten mein Freund und ich im vierten Stockwerk unseres Hauses eine Stabbrandbombe, die sich in die Dielen gebohrt hatte und schon brannte. Ängstlich rannten wir in den Keller und meldeten das dem "Blockwart", einem strammen Nazi. Der Brand wurde mit Sand erstickt, und unser Haus war gerettet. Der propagandistischen Großtuerei der damaligen Zeit entsprach es, dass wir beide als "Helden" auf ein imaginäres Podest gehoben wurden. Wäre der Krieg eine Woche später für Leipzig nicht endgültig vorbei gewesen - vielleicht hätten wir noch einen Orden bekommen!

Am 18. April 1945 zogen nämlich von Westen her die ersten US-Panzer in Leipzig ein. Meine Großeltern, die im Westen von Leipzig (Lindenau) wohnten, kamen keuchend zu uns ins Zentrum. Sie riefen: "Die Amerikaner kommen! Ihr müsst weiße Fahnen hissen!" Das war wieder so ein Signal für meinen Freund Harry und mich. "Los gomm, das mach'n mor!", sagte er und zog mich ins Treppenhaus. "Na, wie denn?", fragte ich. "Mensch, mir nähm ä Nachthämde von meiner Mudder und spieß'ns uff ä Einreißhagn", antwortete er in seiner draufgängerischen Art. In der Tat hing sofort in der Löhstraße 11 eine riesige, weithin sichtbare weiße "Fahne" aus dem vierten Stock. Keiner hatte was gemerkt, vor allem Harrys Mutter nicht. Bis plötzlich der "Blockwart" erschien und wie ein Wilder rumschrie. Wir standen vor dem Kerl wie vor dem Kriegsgericht. Nur unsere Heldentat vor einer Woche rettete uns vor dem Schlimmsten. Oder waren es die mutigen Worte meiner Großmutter, deren liebster Sohn noch am 29. Januar 1945 als Panzerkommandant in Ungarn für Führer, Volk und Vaterland den "Heldentod" gestorben war?

Bald hörte man auch die ersten amerikanischen Panzer. Die Vorhut postierte sich mit ihren Jeeps vor unserem Haus, das die Offiziere für sich in Beschlag nahmen. Aber das ist eine andere Geschichte. Drei Monate später kamen dann die Russen. Das ist wieder eine andere Geschichte. Und jetzt ist Leipzig endlich wieder eine schöne Stadt! Das ist die schönste Geschichte!

Peter Brendel, Wetzlar

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten von den letzten Wochen des Krieges im großen Dossier 60 Jahre Kriegsende

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare