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Cédric Herrou (Mitte) vor dem Gericht in Aix-en-Provence.

Flüchtlinge

Ein Held des zivilen Ungehorsams

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Nicht er, sondern der Staat gehöre auf die Anklagebank, findet Cédric Herrou. Der Franzose hilft Flüchtlingen. Auch von einer drohenden Haftstrafe lässt er sich nicht abschrecken. Ein Porträt.

Aus dem erhofften beschaulichen Leben eines Biobauern ist nichts geworden. Zum einen, weil der von Cédric Herrou erworbene Hof mit den Olivenhainen und den frei laufenden Hühnern an einer Flüchtlingsroute liegt. Zum anderen, weil der Franzose angesichts der Not der vorbeiziehenden Sudanesen, Eritreer oder Afghanen einfach nicht wegschauen kann. Der 38-Jährige hilft. Aus Sicht der Behörden und der Justiz hilft er zu viel.

Am Dienstag hat ein Gericht in Aix-en-Provence den Bauern zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Die Richter befanden, er habe 200 an der italienisch-französischen Grenze gestrandeten Flüchtlingen zur illegalen Einreise verholfen. In erster Instanz war Herrou noch mit 3000 Euro Geldstrafe auf Bewährung davongekommen.

Der Mann, der in Nizza „unter Schwarzen und Arabern aufwuchs“, wie er sagt, bevor er sich in die hinter der Stadt aufragenden Seealpen absetzte, steht zu seinen Taten. Mit dem Kleinbus pflegt er das Roya-Tal entlang zu fahren und Flüchtlinge einzusammeln, die am italienisch-französischen Grenzübergang aufgehalten wurden und sich auf Gebirgspfaden nach Frankreich durchzuschlagen versuchen. Manchmal fährt er auch ins italienische Ventimiglia, wo gestrandete Flüchtlinge unter einer Autobahnbrücke hausen.

Feldküche, Trockentoiletten und 80 Schlafplätze

Der Franzose nimmt die Fremden bei sich auf. Sein Gehöft weist mittlerweile eine Feldküche auf, Trockentoiletten und 80 Schlafplätze. Er klärt die Flüchtlinge über ihre Rechte auf, begleitet sie nach Nizza oder Marseille, wo sie Asylanträge stellen können. Auch hat er die Bürgerinitiative Roya Citoyenne gegründet, deren Mitglieder ihn nach Kräften unterstützen.

Was Herrou erbost, sind die Schlussfolgerungen der Justiz. Nicht nur, dass sie sich angesichts des Ausmaßes der Flüchtlingshilfe darüber hinweggesetzt hat, dass in Frankreich seit 2012 straffrei bleibt, wer Migranten „ohne Gegenleistung“ unterstützt „mit dem Ziel, ihre Würde und physische Unversehrtheit zu bewahren“. Aus Sicht Herrous hat sie auch noch den Falschen zur Rechenschaft gezogen.

Nicht er, sondern der Staat gehöre auf die Anklagebank, findet Herrou. Totales Versagen in der Flüchtlingskrise wirft er ihm vor sowie Rassismus. „Wenn die Flüchtlinge blond und blauäugig wären, würde man sie passieren lassen“, glaubt er. Der Verurteilte will weitermachen. „Ich bereue nichts“, hatte er bereits im Gerichtssaal wissen lassen. Nach der Urteilsverkündung stellte er unter dem Applaus der vor dem Gebäude versammelten Mitstreiter klar, dass er es weiterhin als seine demokratische Pflicht ansehe, den vom Staat im Stich gelassenen Migranten beizustehen.

200 Morddrohungen, sechsmal U-Haft

Für seine Anhänger ist der Bärtige mit der rundlichen Brille und den im Nacken zusammengebundenen Haar ein Held des zivilen Ungehorsams: einer wie der grüne Rebell und EU-Abgeordnete José Bové, der einst genmanipulierte Maispflanzen ausriss, einer wie Jon Palais, der zum Zeichen des Protestes gegen Steuerhinterziehung in Bankfilialen Stühle zerstörte.

Für die, das an Italien grenzende Département Alpes-Maritimes dominierenden konservativen Republikaner und die dort kaum minder starken Anhänger des Front National ist Herrou indes ein Provokateur, der illegale Einwanderung fördert. An die 200 Morddrohungen hat er erhalten. Sechsmal schon saß er in Untersuchungshaft. Die Eröffnung des nächsten Verfahrens ist nur eine Frage der Zeit. In Grasse ist es anhängig. Über den 24. Juli soll dort verhandelt werden. Einer der vielen Tage war das, an denen Herrou mit Asylanträgen gewappnete Flüchtlinge nach Marseille begleitete. In Cannes war die Zugreise zu Ende. Herrou wurde festgenommen.

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