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In der Welt geehrt: Paul Rusesabagina mit Hillary Clinton 2013.

Ruanda

Held in Handschellen

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Ruandas Regierung nimmt einen prominenten Kritiker fest. Als Hotelmanager soll Paul Rusesabagina 1994 während des Völkermordes Hunderte gerettet haben. Die Aktion wurde zum Hollywoodfilm.

Die mutmaßliche Entführung des in dem Hollywood-Film „Hotel Ruanda“ als Held gefeierten Hotel-Managers Paul Rusesabagina und seine Inhaftierung in der ruandischen Hauptstadt Kigali zu Beginn dieser Woche zieht immer weitere Kreise. Die Familie des 66-jährigen Ruanders warf der Regierung in Kigali Kidnapping vor und forderte ein internationales Gerichtsverfahren.

Die US-Regierung rief unterdessen die Strafbehörden des ostafrikanischen Staates zu Transparenz und zur Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien auf. Rusesabagina wird die Unterstützung terroristischer Vereinigungen vorgeworfen. Seiner Familie zufolge leidet er unter hohem Blutdruck. Zu befürchten sei, dass er im Gefängnis in Kigali nicht die notwendigen Medikamente erhalte, sagte seine Tochter Carine Kanimba der Nachrichtenagentur AP.

Der frühere Hotel-Manager, der während des Völkermords 1994 in Ruanda mehr als 1000 Menschen das Leben gerettet haben soll, verließ bereits vor 24 Jahren Ruanda und lebte seitdem in Brüssel und den USA. Er verfügt sowohl über die belgische Staatsangehörigkeit wie über eine Greencard der USA. Umso überraschender kam es, als ihn die ruandische Staatsanwaltschaft am Montag in Kigali in Handschellen der Öffentlichkeit präsentierte: Seine Überführung in den ostafrikanischen Staat sei „internationaler Kooperation“ zuzuschreiben, ließ die ruandische Regierung lediglich wissen.

Rusesabaginas in den USA lebende Kinder werfen Kigali vor, ihren Vater aus Dubai verschleppt zu haben. Sie habe am vergangenen Donnerstag noch mit ihrem Vater in Dubai telefoniert, sagte Anaise Kanimba der BBC – danach sei der Kontakt mit ihm abgebrochen. „Ich bin davon überzeugt, dass er entführt worden ist“, so die Tochter weiter: „Freiwillig hätte er sich nie nach Ruanda begeben.“ Die Vereinten Arabischen Emirate äußerten sich zu dem Vorgang bislang nicht.

Die ruandische Staatsanwaltschaft wirft Rusesabagina Terror, Mord, Entführung und Brandstiftung vor. Der prominente Kritiker des ruandischen Präsidenten Paul Kagame trat als Mitbegründer der oppositionellen Bewegung „Mouvement Rwandais pour le Changement Démocratique“ (MRCD) in Erscheinung und soll als Führer deren militärischen Flügels „Front de libération nationale“ (FLN) für mehrere Rebellenangriffe aus dem Kongo auf ruandisches Gebiet verantwortlich sein. Seine Familie bestreitet das. In einem Youtube-Video vom Dezember 2018 wird Rusesabagina jedoch als Chef der MRCD und FLN vorgestellt.

Während des ruandischen Völkermords, bei dem innerhalb von 100 Tagen mehr als 800 000 Tutsi und moderate Hutu umgebracht wurden, fungierte Rusesabagina als Manager des Fünf-Sterne-Hotels „Milles Collines“ in Kigali. Nach seinen eigenen Angaben rettete er damals Hunderte Menschen vor dem Tod, indem er sie in den Räumen des Hotels wohnen ließ und die regelmäßig auftauchenden Hutu-Milizen mit Bestechungsgeldern zufrieden stellte. Entsprechend wurde die Geschichte auch in dem 2004 veröffentlichten Hollywood-Streifen „Hotel Ruanda“ dargestellt, in dem der US-Schauspieler Don Cheadle die Rolle Rusesabaginas übernahm.

An der Darstellung des für einen Oscar nominierten Hollywood-Films wurden in Ruanda selbst schon damals Zweifel geäußert. Augenzeugen und Betroffene meldeten sich zu Wort, die die beschriebenen Heldentaten des Managers bestritten und ihm stattdessen Kaltherzigkeit und Geldgier vorwarfen. Er habe sich den Aufenthalt der Flüchtlinge in dem Hotel teuer bezahlen lassen und Zufluchtsuchende, die sich die Preise nicht leisten konnten, den mordenden Hutu-Milizionären überlassen, hieß es. „Ich verstehe noch immer nicht, warum mir die Milizionäre nicht kurzerhand eine Kugel in den Kopf schossen und sämtliche Hotelbewohner umbrachten“, schrieb Rusesabagina in seiner im Jahr 2006 erschienenen Autobiografie „Ein ganz normaler Mann.“

Rusesabagina wirft dem ruandischen Präsidenten Kagame einen diktatorischen Führungsstil sowie die blutige Verfolgung Oppositioneller vor. Tatsächlich ließ der Chef der einstigen Tutsi-Rebellentruppe RPF, die den Völkermord 1994 durch ihren Einmarsch aus dem Nachbarland Uganda beendet hatte, bereits mehrere Oppositionspolitiker unter dem Vorwurf des Landfriedensbruchs hinter Gitter bringen. Ein von Kagame abgefallener Geheimdienstchef wurde in Südafrika ermordet, ein anderer Renegat im Generalsrang entkam nur knapp zwei Attentaten.

Seinen harten Umgang mit Oppositionellen begründet Kagame mit der Gefahr eines weiteren Bürgerkriegs. Derzeit gilt Ruanda als wirtschaftlicher Vorzeigestaat: Vor allem bei der Digitalisierung hat sich das Land einen Spitzenplatz in Afrika erobert.

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