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Umringt von Pressevertretern schreibt der deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn am 3. September 1978 nach geglückten Landung in der Sowjetrepublik Kasachstan seinen Namen auf die Landungskapsel.
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Umringt von Pressevertretern schreibt der deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn am 3. September 1978 nach geglückten Landung in der Sowjetrepublik Kasachstan seinen Namen auf die Landungskapsel.

Sigmund Jähn

Held am Himmel

Heute vor 30 Jahren verlor der Kosmonaut Sigmund Jähn die Bodenhaftung - er war der erste Deutsche im All. Von Jörg Schindler

Von JÖRG SCHINDLER

Dreißig Jahre später sitzt Sigmund Jähn vor einem Stück Zwetschgenkuchen und hält die Kaffeekanne schief. Er ist in Gedanken jetzt wieder in der kasachischen Steppe, es ist der 3. September 1978 und er schwebt in seiner Sojus 31 nur noch wenige Meter über dem Boden. Die Kaffeekanne aber, sie will nicht landen, der Wind bläst plötzlich hart von der Seite, der Fallschirm bläht sich und zieht die Kapsel ruckartig nach oben. Jähn überschlägt sich, einmal, zweimal, und als seine Welt nach einem brutalen Schlag wieder still steht, liegt er unten und Oberst Walerij Bykowski auf ihm drauf. Der Deutsche merkt, wie der Schmerz in seinen Rücken fährt. Er quält ihn bis heute. Sigmund Jähn findet, man sollte das nicht überbewerten.

Wie er überhaupt der Ansicht ist, dass man nicht zu viel Gewese um ihn machen sollte. Er findet es etwas eigenartig, dass ihm die Leute bis heute Fanpost von werweißwoher schicken. Allein die Arbeit, die das macht, er beantwortet ja alles persönlich. Gerade wollten sie ihn wieder zum Schirmherrn ernennen, er hat abgelehnt - historische Eisenbahnen sind nicht so sein Ding. Er bekommt Einladungen zu Geburtstagen, Autogrammwünsche von Vätern für ihre Söhne, von Söhnen für ihre Väter, und neulich hat sich die Staatskanzlei gemeldet und wollte auch wieder irgendwas. Es ist ihm ein bisschen unangenehm. Gut, dass sie einen Kleinplaneten nach ihm benannt haben, das fand er "schon schön" - "man bekommt ja nicht jeden Tag einen Planeten geschenkt". Aber sonst? Sigmund Jähn, 71 Jahre alt, Träger des Leninordens, Ehrenbürger Berlins, findet, jetzt ist auch mal gut. "Es hätte auch einen anderen treffen können."

Dann waren es noch zwei

Es ist ja nicht so, dass er sich darum gerissen hätte, der erste Deutsche im All zu werden. Er war Jagdflieger damals, Mitte der 70er, als die große Sowjetunion dem kleinen Bruder anbot, einen der ihren huckepack mit ins Weltall zu nehmen. Und weil er außerdem eine wissenschaftliche Ausbildung hatte und Russisch sprach, war er plötzlich eben unter den potenziellen Kosmonauten. Nach intensiven Tests blieben vier von ihnen übrig, die man nach Swjosdny Gorodok brachte, ins "Sternenstädtchen", das östliche Sprungbrett ins All. Zwei Jahre lang wurden die Deutschen im Kosmonautenzentrum "Juri Gagarin" gedrillt. Dann waren es noch zwei: Eberhard Köllner und Sigmund Jähn. Der weiß bis heute nicht, warum es ausgerechnet ihn traf.

Wenn der kleine Mann davon erzählt, wie das damals war, am 26. August 1978, als er um Punkt 15.51 Uhr den Boden unter den Füßen verlor, dann klingt das, als erzählte er vom letztem Usedom-Urlaub. Man ist halt früh aufgestanden, es war schon recht heiß, man durfte trotzdem nicht so viel trinken, am Ende wurden er und Bykowski noch einmal mit reinem Alkohol abgespritzt, um keine Bakterien in die Raumstation einzuschleusen. Dann stieg man in die Rakete. Dann widmete man noch, wie befohlen, den Flug dem "sozialistischen Heimatland". Dann hob man ab. Doch, doch, sagt Jähn, "man ist schon aufgeregt - so ein Raketenstart ist ja keine Gartenarbeit". Aber Angst, nein, "Angst hilft einem ja nicht".

Acht Tage sind sie oben geblieben, der deutsche Offizier und der sowjetische Oberst, haben angedockt an die Raumstation Saljut 6 und danach noch 125 Mal die Erde umkreist. Gemeinsam züchteten sie Kristalle und experimentierten mit der Schwerelosigkeit, ab und an schaute Jähn aus dem Fenster und gönnte sich einen kurzen Moment der Euphorie. Dann fiel er vom Himmel. Und als er unten wieder aufschlug, war er plötzlich nicht mehr der Forstarbeitersohn aus dem vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz - sondern ein "Held der DDR". Gefragt hat man ihn nicht und er verhielt sich auch nicht so. Als er am Tag seiner Rückkehr aus dem Hubschrauber stieg und ein kleines Mädchen seinen Blumenstrauß fallen ließ, bückte er sich und hob ihn auf. Obwohl er kaum gerade gehen konnte.

Die Botschaft aber, die von seinen spektakulären All-Tagen ausging, war klar: Das kleine Deutschland hatte es dem großen Nachbarn gezeigt. Wie schon beim Sputnik-Start hatte der Ostblock den Westblock überflügelt. Fünf Jahre sollte es noch dauern, bis die Bundesrepublik mit Ulf Merbold endlich auch einen Mann im Weltraum hatte. Fünf Jahre, eine Ewigkeit. Der Westen reagierte entsprechend vergrätzt, schmähte Jähn als "Mitesser auf der Russenrakete" (Welt) und "ersten Sachsen im All" (Süddeutsche Zeitung). In der DDR dagegen war der stille Mann mit dem bubenhaften Schmunzeln nicht weniger als ein Volks-Idol.

Sigmund Jähn redet nicht gerne darüber, wie sie ihn damals missbraucht haben. Wie die Staatsführer seine Nähe suchten, damit das Helden-Bazillus auch auf sie überspringt. Wie sie ihn herum reichten, auf dass seine Geschichte von der ruhmreichen Überlegenheit des Sozialismus künde. Wie sie ein Dutzend Schulen nach ihm benannten und später auch ein Schiff. Vor dem Planetarium in Prenzlauer Berg stand auch jahrelang eine wuchtige Sigmund-Jähn-Büste, es war eines der ersten Dinge, um die er sich nach der Wende kümmerte. Sie ist jetzt nicht mehr da.

"Ich bin natürlich kein Held", sagt Sigmund Jähn heute. Er ist ein freundlicher alter Herr mit lichtem Haarkranz und halbfestem Händedruck, der froh ist, wenn er draußen in Strausberg, vor den Toren Berlins, seine Ruhe hat. Er wohnt dort mit seiner Frau in einem ganz normalen Haus am Straussee, das sich von den Nachbarhäusern nur durch eine kleine blaue Erde über dem Eingang unterscheidet. Ein Freund hat sie ihm zum 70. geschenkt.

Seine Welt war der Kosmos

Natürlich, sagt Jähn, sei er linientreu gewesen. "Die DDR, das war mein Land." Aber das ganze Pi-Pa-Po, die Märsche, die Fanfaren, die Empfänge, sie sind ihm immer fremd geblieben. Seine Welt, das war der Kosmos, da stehen keine Mauern, und wenn man schwerelos mit 28000 Kilometern in der Stunde um die Erde rast, liegen Osten und Westen ohnehin verdammt nah beieinander.

Er hat ja schon früh dem Klassenfeind geholfen. 1988, ein Jahr vor dem Ende seines Landes, erhielt der inzwischen zum General beförderte Veteran die Ausnahmegenehmigung, als Berater ins Kölner Zentrum für Luft- und Raumfahrt zu gehen. Über den Wolken war da schon längst eine neue Freiheit aufgezogen: Die Westdeutschen verhandelten mit den Sowjets, weil es mit den Amerikanern nicht wirklich voran ging. Jähn half. Genutzt aber hat es ihm nichts: Am 3. Oktober 1989, um Punkt null Uhr, wurde er nicht besonders ehrenhaft aus der Nationalen Volksarmee entlassen. Er war halt Held des Klassenfeindes.

Jähn blieb danach trotzdem der Raumfahrt treu. Fungierte als Berater, Vermittler, Mädchen für alles, erst im vereinten Deutschland, dann im vereinten Europa, flog regelmäßig ins Sternenstädtchen, wo längst Belgier, Spanier, Holländer, Italiener, Russen und Deutsche an der gemeinsamen Eroberung des Kosmos tüfteln. Der PDS, die jetzt auch nicht mehr so heißt, sagte er ab. "Für Politik", so Jähn, "bin ich nicht geeignet - da braucht man Leute, die das eine denken und das andere sagen."

Sigmund Jähn denkt, dass er bis hierhin ein "ganz schön eigenartiges" Leben gelebt hat. Aber er glaubt, dass es ihm da auch nicht anders geht als vielen anderen. Der erste Deutsche im All wird den 30. Jahrestag seines außerirdischen Abenteuers nicht allzu ausgiebig feiern. Vielleicht ein Stück Kuchen essen. Einen Schluck Kaffee trinken. Und dabei die Kanne ab und an schief halten.

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