Leserbericht

Mit heißem Herzen

Wie in Berlin der Zorn auf die Obristen wuchs

In den 68er Jahren studierte ich in Berlin Veterinärmedizin. Der Vietnamkrieg flimmerte allabendlich über die Bildschirme in den Studentenheimen, griechische Studenten empörten sich über das Obristenregime in Griechenland, der Schah von Persien wurde "gebührend" vor der Oper empfangen.

Springer hatte mit seinen Zeitungen alles "im Griff", und der Zorn gegen die US-Politik nahm Formen an, die so manchen jungen Menschen dazu brachten, selbst Unrecht zu üben. Ich erinnere mich daran, wie in einer Nebenstraße vom Ku'damm das griechische Generalkonsulat angezündet wurde; die Schreckensmeldungen aus dem Nato-Staat Griechenland konnte niemand verarbeiten, ohne dass ihm die Empörung darüber das Herz heiß machte.

Ich erinnere mich daran, wie wir eine Zeitung gründeten mit dem Namen "A", um die Studentenschaft an den Berliner Unis über den Vietnamkrieg, das chilenische Desaster und alle möglichen Interventionen der USA zu informieren. Ich hatte Kontakt zu "harten" Linken, die im Ostblock Waffen für die Auseinandersetzung mit dem deutschen Staat organisieren wollten, und ich bewunderte den Mut so mancher, die Springer-Autos anzündeten.

Die Konfrontation mit dem Grauen der US-Kriege in Südostasien, in Mittel- und Südamerika, das verkrampfte Lächeln der Politiker der Großen Koalition zu all den Vorgängen hat die Seelen Unzähliger bis heute erschüttert, obwohl sie "den Marsch durch die Institutionen" angetreten und Familien gegründet haben.

Ein Lied von damals, Georges Moustakis "Ma liberté", gehört zu denen, die bis heute - nicht nur bei mir - Sturzbäche der Tränen auslösen. Die 68er werden das Wahrgenommene ein Leben lang nicht verarbeiten können.

Dirk Schrader, Hamburg

www.fr-online.de/1968

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