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Ein Wohnwagen vor der zum Teil bereits abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters.

Lehren aus Lüdge

Die Lehren aus Lügde: „Kinder selbst anhören“

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Heinz Hilgers, Chef des Kinderschutzbundes, über Lehren aus Lügde.

Herr Hilgers, unter all den Fehlern und Pannen im Fall Lügde: Welche haben Sie am meisten schockiert?
Da ist ja vieles im Nachhinein passiert. Allein in dem Ermittlungsverfahren hat es eine ganze Serie von Pleiten gegeben. Was uns aber große Sorgen machen muss, ist die Frage, wie all diese Taten an so vielen Kindern über einen so langen Zeitraum trotz all der Aufklärung der vergangenen 20, 30 Jahre geschehen konnten, ohne dass etwas entdeckt worden wäre.

Gibt es Lehren, die man aus dem Fall Lügde ziehen kann?
Es gibt bereits zahlreiche Präventionskonzepte. Aber wenn man auf das Pflegekind sieht, das bei dem mutmaßlichen Haupttäter untergebracht wurde, stellt sich die Frage: Ist es vor und nach der Inobhutnahme selbst gehört worden? Hat es sensible Gespräche gegeben? Oder hat man in traditioneller Weise über den Kopf des Kindes hinweg entschieden? Das Beteiligungsrecht der Kinder ist essenziell.

Sie meinen, dadurch hätte es Hinweise gegeben?
Genau. Und natürlich brauchen wir für die Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht sind, Möglichkeiten, sich an jemanden zu wenden. Wir sind leider erst am Beginn der Einrichtung von Ombudsstellen.

Heinz Hilgers ist Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes.

Im Fall Lügde hatte eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes schon früh Hinweise auf einen Missbrauch an die Behörden gegeben ...
... die dann nicht weiterverfolgt wurden. Wenn eine solche Meldung von Fachleuten kommt, von Ärzten oder anderen aus dem Helfersystem, dann müssen diese auch an der Gefährdungsbeurteilung beteiligt werden. Es geht nicht, dass man sie aus dem weiteren Prozess ausschließt und sie nicht erfahren, was aus den Hinweisen geworden ist.

Vor dem Prozess wurde den Betreuern von Opfern gesagt, sie sollten mit der Therapie warten, diese könne die Aussage verfälschen. Kann man so einen Rat verantworten?
Nein. Andere Länder vernehmen das Kind einmal und nehmen die Aussage auf Video auf. Dann kann das Kind therapiert werden. Hier, so haben es Anwälte berichtet, sind die Opfer zum Teil fünf- bis sechsmal vernommen worden. Das ist eine unglaubliche Belastung, führt oft zur Retraumatisierung und ist auch ermittlungstechnisch – nach dem, was Fachleute sagen – sinnlos. Deshalb müssen wir endlich dazu kommen, dass die therapeutische Versorgung der Opfer Vorrang hat.

Halten Sie es für möglich, dass es noch weitere Opfer gibt?
Wir wissen längst noch nicht alles. Ich halte es durchaus für möglich, dass es ein Netzwerk gibt, das bis in Behörden reicht. Daher würde ich es begrüßen, wenn Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gemeinsam eine unabhängige Expertenkommission einsetzten. Das Nebeneinander von Kreisen, Polizeibehörden und Landesjugendämtern hat die Taten sicher begünstigt. Deshalb wären beide Länder gut beraten, ein Gremium aus Kriminologie und Erziehungswissenschaft einzusetzen.

Interview: Thorsten Fuchs

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