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„Vorsicht, bissiger Rabbiner“ steht auf dem Schild an seiner Wohnungstür: Walter Rothschild hat viel Humor.

Rabbiner Walter Rothschild

Heimat, trotz allem

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Als Brite in Berlin: Nicht nur der Brexit hat den Rabbiner Walter Rothschild zum deutschen Pass gebracht.

Walter Rothschild hat schon vieles hinter sich. Er hat in Großbritannien, Österreich, Polen, den Niederlanden und Deutschland gelebt. Er war Gemeinderabbiner in Yorkshire, Wien und ein Jahr lang in der Karibik. Er leitete an der Evangelischen Hochschule Berlin einige Jahre einen Kurs mit dem Titel „Bibel für Masochisten“. Er gibt vierteljährlich ein Heft zur Geschichte des Eisenbahnwesens im Mittleren Osten heraus, das Abonnenten in Australien hat. Er schreibt Geschichten, Lehrbücher, Geschichtsbücher, Biografien, Lieder, Gedichte und Gebete. „Weltbürger, Autor, Eisenbahn-Spezialist und Kabarettist“, steht auf dem Flyer für sein Bühnenprogramm. „Rabbiner Dr. Walter Rothschild, Institut für jüdische Besserwissenschaft“, auf seiner Visitenkarte.

Walter Rothschild steht im Schlafzimmer seiner alten Berliner Altbauwohnung wie ein Bibliothekar in eigener Sache. Riesige Regale deckenhoch gefüllt mit Akten, Büchern, Ordnern. Es ist seine Familiengeschichte, die er dort aufhebt. Rothschild ist Sohn eines aus Deutschland ausgebürgerten Juden.

Seine Familie hatte seinen Vater damals, als die Nationalsozialisten in Deutschland den Vernichtungskrieg gegen die Juden begonnen hatten, nach Großbritannien geschickt. In Sicherheit. Von dort aus startete 1954 auch Walter Rothschild ins Leben. Als gebürtiger Brite, gefühlter Europäer, und seit zwanzig Jahren als Wahlberliner mit britischem Pass. Nun aber wollte Walter Rothschild nach all den Jahren den deutschen Pass beantragen. Im Land der Täter. Aber eben auch im Land seines Großvaters. Der war schon vier Jahre tot, als Walter Rothschild 1954 im britischen Bradford geboren wird. „Aber ich fühle mich mit diesem Kerl verbunden“, sagt er, „ich trage ja seinen Namen.“ Und er fühlt sich mit Deutschland verbunden.

Es ist eine pragmatische Entscheidung, der drohende Brexit macht ihm Sorgen. Und er lebt seit vielen Jahren in Berlin. Seine Vorfahren sind Deutsche. Und doch ist die Einbürgerung bisher nicht ganz so einfach gewesen. Bisher. Seit Freitag sind die Regeln für die Einbürgerung für Nachfahren von NS-Verfolgten günstiger geworden. Bereits in der Sommerpause verkündete der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Günter Krings (CDU), man wolle das bürokratische Verfahren für Holocaustopfer und ihre Nachfahren nun, 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, erleichtern.

Im Grundgesetz in Artikel 116, Absatz 2, ist das bisher so festgehalten: „Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern.“ In der Praxis gilt das bislang allerdings nicht für Exilanten, die zwar vor dem Naziregime geflohen, aber nicht explizit ausgebürgert worden sind und irgendwo „freiwillig“ eine andere Staatsbürgerschaft angenommen haben. Es gilt auch nicht für Kinder ausgebürgerter Mütter, da die Staatsbürgerschaft nach damaligem Recht nur durch den Vater erworben werden konnte. Und es gilt nicht für uneheliche Kinder ausgebürgerter Väter, da sie schlicht nicht als dessen Kinder anerkannt wurden. Das soll sich nun ändern. Am Freitag traten zwei Erlasse in Kraft, die betroffenen Kindern und Enkeln den Weg zum deutschen Pass endlich freimachen sollen. „Deutschland muss seiner historischen Verantwortung gegenüber denjenigen gerecht werden, die als Nachfahren deutscher NS-Verfolgter staatsangehörigkeitsrechtliche Nachteile erlitten haben“, sagt dazu der zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Zehntausende Menschen wurden von Nazideutschland bis Kriegende ausgebürgert. Hunderttausende Juden verließen Deutschland auf eigene Faust, wenn sie konnten, bauten sich neue Leben auf, Existenzen im Exil. Wer von ihnen wollte zurück? Und warum?

Ein Hauptgrund: Der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU hat viele vom NS-Regime Verfolgte mit britischem Pass beunruhigt. Nach dem Brexit-Referendum stieg die Zahl der Anträge auf Einbürgerung in Deutschland: Laut Bundesinnenministerium waren es 2015 noch 43, 2018 insgesamt 1506 Anträge von Briten. Darunter der Walter Rothschilds.

Der Rabbi steht in seiner Wohnung und hält die vergilbte Geburtsurkunde seines Großvaters in den Händen: Walter Fritz Louis Rothschild, geboren 1890 in Hannover. Er zeigt die Urkunde für das „Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer“ im Namen von Reichspräsident Hindenburg. Und er hält sein politisches Todesurteil hoch: Die „Niedersächsische Tageszeitung“ vom 22. Januar 1933, Hakenkreuz-Adler auf dem Titel, ein offener Brief im Lokalteil: „Wir verbitten es uns, daß man Vollblut- und Halbblutjuden als Richter über deutsche Menschen einsetzt.“

Sein Großvater, Amtsgerichtsrat in Hannover, verliert seine Arbeit, sein Haus, sein Ansehen. Er flieht mit der Familie nach Baden-Baden, kommt 1938 ins KZ Dachau, kann sich von dort freikaufen, sagt sein Enkel. Ein Jahr später, kurz vor Kriegsausbruch, schickt Walter Fritz Louis Rothschild seinen 16 Jahre alten Sohn Edgar nach England. Fur Walter Rothschilds Vater ging es als Teenager mit dem Zug über Paris nach Bradford in Nordengland. Die weiteren Stationen in seinem Leben hat er mit seinen beiden Schwestern viel später rekonstruiert, vor zehn Jahren erst, als sie Koffer voll Briefe, Tagebücher und Dokumente im Haus der Eltern fanden.

Seit er denken kann, verbrachte die Familie Ferien in Deutschland. Im Land der Täter? Als jüdische Familie? „Sie machen denselben Fehler wie alle“, antwortet Rothschild und seufzt. „Es gibt nicht die Deutschen! Heute nicht und damals nicht. Es gab Nazis, und es gab nette Deutsche, auch solche, die helfen wollten.“ Also besuchten die Rothschilds Sommer für Sommer die netten Deutschen, fuhren nach Hallwangen, Ebersteinburg, immer entlang der Schwarzwaldhochstraße. Er spricht diese Orte mit einem herrlichen britischen Akzent aus. Mit Deutschland verbindet er viel Schönes. Auch sein Vater habe nie ganz mit den Deutschen gebrochen, er sprach zwar den Rest seines Lebens Englisch, spielte aber weiter Beethoven und Brahms am Klavier. „Seine Heimat war deutsch“, sagt Walter Rothschild, „seine Modelleisenbahnen von Märklin waren deutsch. Er liebte deutsche Eisenbahnen, und bevor Sie fragen: Ja, trotz der Deportationszüge für Juden.“

Vieles nimmt Rotschild mit Humor, aus Tragik schafft er Komik, macht Kabarett ebenso gern wie Trauerfeiern. Er ist ein Mann mit extrem britischem Humor. „Vorsicht bissiger Rabbiner“ steht auf dem Türschild im Wohnungseingang. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er einmal, natürlich nehme er den Holocaust ernst. „Ich bin geprägt davon. Ich bin mehrmals nach Auschwitz gereist mit Gruppen und so weiter. Aber wenn ich sage: Ich fahre häufig nach Auschwitz, aber immer mit einer Rückfahrkarte – ist es ein Witz oder nicht?“

In zwei Gemeinden verlor er seine Stelle, manchen sei er dann doch zu direkt, sagt er. Seitdem ist er freiberuflich Rabbiner und Komiker. „Ich wäre hier auch als Brite gestorben“, sagt er. „Aber der Brexit machte einen Strich durch die Rechnung“. Bleibe ich krankenversichert, fragte er sich, bekomme ich die staatliche Rente? Kann ich noch frei reisen, Mutter und Schwestern in England besuchen? Also fuhr er zum Rathaus Schöneberg und füllte den Antrag auf Einbürgerung gemäß Artikel 116 Absatz 2, Satz 1 des Grundgesetzes aus. Dem Bundesverwaltungsamt in Köln musste er dann nachweisen, wer er ist, wer sein Vater ist, sein Großvater – und was ihnen passiert ist. „Ich hatte ein Riesenglück, dass alle Papiere da waren“, sagt Rothschild. Sogar die Ausbürgerung seines Großvaters war in der im NS-“Reichsanzeiger“ veröffentlichten Liste vermerkt, die Gedenkstätte Dachau hatte ihm einen Auszug schicken können. Ein halbes Jahr und 63 Euro später war er deutscher Staatsangehöriger.

Ob die Erleichterung der Einbürgerung jetzt nicht ein bisschen spät kommt? „Die meisten, die einen deutschen Pass haben wollen, werden schon einen haben“, sagt Rothschild. Wichtig sei es vielmehr für die jungen Leute, die Enkel und Urenkel, die mobil sein wollen, Europäer. „Grenzen sind doch ein rein künstliches Produkt.“

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