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Heiligabend in Australien bei 35 Grad: Bye-bye, Weihnachtsstimmung

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Von: Katharina Loesche

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Mehrere Menschen plantschen mit Weihnachtsmützen im Meer.
Über die Feiertage ist in Australien Hochsommer. © Saeed Kahn/afp (Archivfoto)

In Australien feiern tausende deutsche Auswanderer jedes Jahr weit weg von ihren Familien Weihnachten unter Palmen. Typisch deutsche Weihnachtsstimmung kommt allerdings kaum auf. Eher schon Heimweh.

Brisbane – Es riecht nach Plätzchen, auf rot-goldenen Tellern locken Lebkuchen, Marzipan-Duft liegt in der Luft, das Kaminfeuer knistert, leise rieselt der Schnee. Es gibt Glühwein zum Aufwärmen auf dem Weihnachtsmarkt. Doch sieht so auch Weihnachten im tropischen Australien aus? „Ich erinnere mich, dass ich im ersten Jahr mit meiner Freundin Susi bei voll aufgedrehter Klimaanlage drinnen saß und Glühwein getrunken habe“, sagt Stephanie der Frankfurter Rundschau von IPPEN MEDIA. Wie viele deutschsprachige Einwanderer wird sie ihr erstes Weihnachtsfest bei 35 Grad im schwülen Brisbane nie vergessen. „Als ich vor acht Jahren nach Australien gezogen bin, hat sich bei mir die Weihnachtsstimmung erstmal gar nicht eingestellt. Vor allem, weil es so heiß war und weil wir zu Hause immer einen echten Baum mit echten Kerzen hatten. Bei meinem ersten Adventskranz hier sind die Kerzen nach drei Tagen umgekippt von der Hitze, die sind einfach weggeschmolzen“, berichtet Gesa. 

Zur Weihnachtszeit ist Hochsommer in Down Under. Es sind Sommerferien, die Schüler haben von Anfang Dezember bis Ende Januar fast zwei Monate frei. Es ist einfach zu heiß. Das Bild von der weißen Weihnacht existiert in der südlichen Hemisphäre eben nur in den Schaufenstern der großen Kaufhäuser. Die meisten australischen Familien verbringen die Feiertage mit Freunden und Familie am Strand oder im eigenen Garten im Pool. Bei fröhlichem Geplansche werden Weihnachtslieder gesungen.

Weihnachten in Australien: Nadelbäume würden vertrocknen

Der Australier liebt die Weihnachtszeit – es kann gar nicht früh genug losgehen. Der Tannenbaum wird bereits am 1. Dezember aufgestellt. Trotz der Hitze hält dieser locker bis in den Januar – denn die Blautanne ist aus Plastik. Ein echter Nadelbaum würde bei der Hitzewelle sofort vertrocknen. Warum es daher aber des Deutschen liebster Baumschmuck – Lametta in allen Farben – bis heute nicht auf den Kontinent geschafft hat, ist unklar. 

Marie kommt aus Österreich. Ihr Partner ist Australier. Der gemeinsame Sohn wird mit beiden Traditionen groß. „An Heiligabend treffen wir uns mit unseren deutschen und österreichischen Freunden. Nachmittags schwimmen wir im Pool und am Abend singen wir Weihnachtslieder. Die sind mir am allerwichtigsten für die weihnachtliche Stimmung“, sagt sie. Der Klassiker „O Tannenbaum“ gehört zum festen Repertoire der jungen Familie. „Das kann sogar mein australischer Partner, der hat vor Jahren die erste Strophe gelernt.“

Anders sieht es mitten im Outback bei Familie Röske auf einer Schaffarm rund 800 Kilometer nordwestlich von Adelaide aus. Das traditionelle Plätzchen backen mit den Kindern fällt aus. „Trotz Klimaanlage zerfließt der Teig, bevor wir überhaupt die Kekse ausgestochen haben“, sagt Stefanie enttäuscht. Weihnachtsstimmung kommt bei ihr nur schwer auf, sie hat ihren Kindern gegenüber schon ein schlechtes Gewissen, da die deutschen Traditionen rund um das Fest eine ihre schönsten Kindheitserinnerungen sind. „Das ist schon schade, dass ich das nicht an meine Kinder weitergeben kann.“

Weihnachten am Strand: Plastik-Baum und bunte Christkugeln dürfen nicht fehlen

Die volle „Aussie-Experience“ hingegen leben und lieben Susanne und Peter: Ihr Auto ist mit Küche an Bord, Zelt auf dem Dach, einem starken Allradantrieb und einem sogenannten Schnorchel für Wasserdurchfahrten mit allem ausgestattet, was nötig ist, um auf einem der rund 12.000 Strände des Kontinents ganz autonom zu campen. „Die kalte Jahreszeit in Deutschland vermissen wir auch an den Feiertagen echt gar nicht. Wir genießen es, morgens direkt am Meer aufzuwachen, fernab von jeglichem Weihnachtstrubel und Verpflichtungen“, sagt der 55-Jährige. Nur ein kleiner Plastik-Weihnachtsbaum mit bunten Christkugeln, der muss dann doch mit. Auch Stella kann sich an ihr erstes Fest Down Under noch gut erinnern. „Wir fahren da am Wasser entlang, rauf nach Rainbow Beach. Das ist eine viel befahrene Strecke, wie eine Strand-Autobahn, da brettert man so mit 80 km/h über den Sand. Und plötzlich ist da eine Polizeikontrolle, mehrere Spuren abgesteckt und jeder, wirklich jeder, wurde rausgewunken und musste pusten“, erklärt Stella. „Sowas gibt’s wirklich nur hier.“

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Für die Kinder mit deutschen Wurzeln ist hingegen eins besonders wichtig: Wann gibt es denn nun Geschenke? In Deutschland kommt am 24. das Christkind oder der Weihnachtsmann, in Australien am 25. sehr früh morgens Santa. Da kann man als Eltern auch ohne sommerliche Temperaturen schon mal ins Schwitzen kommen. Wie man es als Auswanderer macht, macht man es falsch. Stephanie ist schon seit über zehn Jahren in Australien und hat jetzt endlich den goldenen Mittelweg für ihre Familie gefunden. „Also bei uns kommt der Weihnachtsmann, der hier dann eben Santa heißt. Und natürlich kann der ja nicht am 24. kommen, weil am 24. ist er ja in Deutschland. Dann reist er über Nacht hierher und ist dann am 25. morgens hier. Allerdings packen wir Geschenke von unseren Familien aus Deutschland am 24. aus“, sagt Stephanie.

Geschenke gibt es erst am 25. Dezember

Auch Marie bindet ihre Familie in Österreich mit ein. „Wenn es bei uns dann am 25. bei uns fünf Uhr in der Früh ist und daheim noch der 24. acht Uhr abends, dann skypen wir mit meiner Familie und da werden dann auch über Skype Weihnachtslieder gesungen. Ich werde dann immer ein bisschen nostalgisch, denn dann sieht man den Christbaum mit den Kerzen darauf, den richtigen Kerzen, nicht die Plastikdinger, und dann denke ich mir: Oh, jetzt wäre es schön, in Österreich zu sein.“

Traditionelle Weihnachten mithilfe moderner Technik. Zoom, Skype, Facetime und anderer Videotelefonie sei Dank sind sich Australien und Deutschland am Heiligabend näher, als es die geografische Lage zulässt. Denn auch wer 364 Tage im Jahr sein Heimweh im Griff hat: Die Weihnachtszeit ist doch anders. „Heimweh ist natürlich immer ein Thema zu Weihnachten, mehr als sonst. Ich glaube, man muss einfach versuchen, in Kontakt zu sein und sich mit Freunden hier zu umgeben und mit unserer Familie zu facetimen und vielleicht sogar dann gemeinsam Geschenke auszupacken. Und dann funktioniert das eigentlich ganz gut für uns“, sagt Stefanie.

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