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Afroamerikanische Sklaven auf einer Plantage in den Südstaaten, 1862.

USA

Heikle Fragen für die Kandidaten

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US-Bürgerrechtler wollen von Präsidentschaftsbewerbern der Demokraten wissen, ob sie Entschädigungen wegen Sklaverei für schwarze Mitbürger befürworten.

Das Treffen in einem New Yorker Hotel zu Beginn dieses Monats hatte eindeutig etwas von einem Vorstellungsgespräch. Nicht weniger als 15 mögliche Kandidaten für die US-Präsidentschaft waren gekommen, um sich den bohrenden Fragen von Al Sharpton zu stellen, der sie mit Skepsis und Nachdruck darauf abklopfte, ob sie für die schwarze Wählerschaft des Landes infrage kommen.

Sharpton ist als jahrzehntelanger Anführer des „National Action Network“ in einer hervorragenden Position, eine solche Tauglichkeitsprüfung vorzunehmen. Der einstige Weggefährte von Martin Luther King ist eine der wichtigsten Figuren der US-Bürgerrechtsbewegung. Wann immer ein Thema, das die afroamerikanische Bevölkerung des Landes betrifft, auf der Tagesordnung steht, meldet sich der Prediger aus Harlem mahnend zu Wort – gleich ob es ein erneutes Opfer rassistischer Polizeigewalt gegeben hat oder ob Donald Trump einmal mehr den latenten Rassismus im Land befeuert.

Die zentrale Frage, die Sharpton mitgebracht hatte, war indes ein echter Stolperstein für ernsthafte Bewerber um ein politisches Amt. Von der richtigen Antwort konnten Millionen von Wählerstimmen abhängen. Sharpton wollte wissen, ob die Anwesenden einen Gesetzentwurf unterstützen würden, der die schwarze Bevölkerung des Landes für Jahrhunderte in Sklaverei oder durch gewaltsame Unterdrückung geleistete Beiträge zum Wohlstand der Nation entschädigen würde. Das Wort Reparationen stand plötzlich im Raum, es ging potenziell um Milliarden- oder gar Billionenbeträge.

Das Thema lange verdrängt

Dennoch traute sich keiner der Anwesenden Al Sharpton einen Korb zu geben. Vom forschen schwarzen Senator Cory Booker bis hin zum sozialdemokratischen Star der US-Millenials, Bernie Sanders, versprachen alle, den Gedanken zumindest wohlwollend in Betracht zu ziehen.

Damit hat Al Sharpton die demokratischen Politiker in eine komplizierte Lage gebracht. Wer bei der Wahl für 2020 die schwarzen Stimmen haben möchte, der kommt nun nicht mehr umhin, sich zu irgendeiner Form der Wiedergutmachung für das historische Unrecht der Sklaverei zu bekennen. Beinahe 90 Prozent der schwarzen Wähler befürworten eine solche Initiative. Der weiße Mainstream des Landes ist hingegen weit weniger enthusiastisch. Gerade einmal 26 Prozent der Bevölkerung halten das für eine gute Idee.

Dass sich das Thema der Reparationen an Afroamerikaner und, wie die Kandidatin Elizabeth Warren insistiert, auch an Native Americans, zu einem Wahlkampfthema entwickelt, ist neu und überraschend. Kein ernsthafter Kandidat hat sich in der Vergangenheit offen an eine solche Forderung herangetraut.

Das Thema an sich ist hingegen alles andere als neu. Wie der schwarze Schriftsteller und Journalist Ta-Nehisi Coates 2014 in seinem Essay „Plädoyer für Reparationen“ schrieb, gab es bereits im Jahr 1783 eine erfolgreiche Klage einer ehemaligen Sklavin vor einem US-Gericht auf Reparationen.

Im 20. Jahrhundert kochte das Thema in den 70er-Jahren hoch, nachdem Präsident Lyndon B. Johnson selbst in einer Rede auf den fundamentalen Unterschied zwischen „schwarzer und weißer Armut“ hingewiesen hatte. Johnson war nach Gesprächen mit schwarzen Bürgerrechtlern „die besonders zerstörerische Form“ der schwarzen Armut klar geworden, die auf historischem Unrecht fußt und durch fortgesetzten institutionellen Rassismus bis in die Gegenwart etwas fatal Unentrinnbares bekam.

Soziologen machten sich daran, Modelle zu entwickeln, wie ein Ausgleich geschaffen werden könne. Eines dieser Modelle sah vor, die Bevölkerungszahl der Afroamerikaner mit der Differenz von weißem und schwarzem Pro-Kopf-Einkommen zu multiplizieren und den Betrag, etwa 34 Milliarden, über zwei Jahrzehnte in ein Reparationsprogramm fließen zu lassen. Andere forderten noch wesentlich teurere staatliche Ausbildungs- und Infrastrukturprogramme für Afro-Amerikaner.

Eine Klage gegen US-Firmen, die von der Sklaverei profitiert hatten, insbesondere Versicherungsgesellschaften, die Sklavenhalter versichert hatten, scheiterte derweil vor dem Obersten Bundesgericht. Einen ernsthaften Versuch, Reparationen per Gesetz festzuschreiben, gab es jedoch nur einmal. Der Kongressabgeordnete John Conyers brachte 1989 den Antrag zur Bildung einer Kommission ein. Der Antrag liegt bis heute unbearbeitet im Repräsentantenhaus. Nun haben einige Kandidaten wie Cory Booker gelobt, ihn wieder zu beleben.

Auf die politische Agenda ist das Thema erst wieder durch den seinerzeit breit diskutierten Aufsatz von Ta-Nehisi Coates gelangt. Coates zeigt darin detailgenau, wie der amerikanische Wohlstand und somit das Fundament der amerikanischen Nation auf der Enteignung der schwarzen Bevölkerung beruht. Er zeichnet in beklemmender Klarheit nach, wie dieser systematische Raub mit dem Ende des Bürgerkriegs nicht aufgehört hat, sondern sich institutionell geplant bis in unsere Gegenwart durchsetzt.

Noch ein weiter Weg

Coates war nicht der Erste, der diese subversive Geschichte Amerikas erzählte, doch er drang als erste Stimme zumindest zum linksliberalen US-Mainstream durch. Und mit dieser Geschichte fand Coates’ Argumentation Gehör, dass Amerika erst in den Spiegel schauen kann, wenn es in irgendeiner Form diese Realität seiner Geschichte und seiner Identität anerkennt. „Reparationen würden eine Revolution des amerikanischen Bewusstseins zur Folge haben, die Versöhnung unseres Selbstbildes demokratischer Vorkämpfer mit den Tatsachen unserer Geschichte.“

Das scheinen nun wenigstens die linksliberalen Politiker des Landes einzusehen. Zu einer tatsächlichen politischen Implementierung oder gar einer wirklichen nationalen Versöhnung ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Joe Biden kandidiert

Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden will bei der Wahl 2020 als Kandidat der Demokraten gegen US-Präsident Donald Trump antreten. Der 76-jährige Biden gab seine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei am Donnerstag im Online-Dienst Twitter bekannt. Der einstige Vize von Ex-Präsident Barack Obama gilt als aussichtsreicher Anwärter bei den US-Demokraten. (afp)

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