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Shaila Rao.

Mut-Geschichte 4

Heide-Vernichterin

Hier oben faszinieren hoch aufragende, bis zu 500 Jahre alte Kiefern.

Vom Bergsteigerdorf Braemar in den östlichen Highlands Schottlands sind es zehn Minuten den River Dee entlang zum Mar Lodge Estate: 30 000 Hektar, seit 1995 im Besitz des National Trust for Scotland. Shaila Rao (Bild), die Ökologin des Guts , führt den Besucher auf einen mit Kiefern bewachsenen Hügel. Der Blick fällt hinab ins weite Tal des River Dee. Den Fluss, dessen Ufer früher befestigt waren, überlasse sie jetzt sich selbst, sagt Rao.

Hier oben faszinieren hoch aufragende, bis zu 500 Jahre alte Kiefern – mit ausladenden Kronen und leuchtend roter Rinde. Nicht umsonst ist die Scots Pine der Nationalbaum Schottlands. Shaila Rao jedoch lächelt milde: „Dies war, als ich kam, ein Heim für granny pines – ohne nachwachsende junge Bäume.“

Schottland – bekannt für baumlose Highlands mit Hochmooren, lila blühender Heide und Weitblick – war lange dicht bewaldet, bis der Mensch den Wald auf fünf Prozent der Fläche schrumpfen ließ. Nach dem Ersten Weltkrieg aber begann eine in Europa beispiellose Aufforstung; heute sind es wieder 20 Prozent Wald.

Mar Lodge war 200 Jahre lang ein Jagdgut. Die Jagd auf Hirsche, Rehe und Moorhühner sei die wichtigste Einnahmequelle gewesen, erzählt die Ökologin. Deshalb habe man die Zahl der Wildtiere möglichst hoch gehalten; und die hätten sämtliche junge Bäume verbissen. Der National Trust for Scotland will nun Mar Lodge Estate wieder zu einem Mischwald mit Scots Pines jedes Alters machen. Es gebe zwei Wege, nachwachsende Bäume vor Wildverbiss zu schützen, erklärt Rao.

Wie vielerorts in Schottland könne man erstens den Wald einzäunen; Zäune aber verhinderten die natürliche Ausdehnung des Walds. Zweitens könne man viel Wild abschießen – was aber zu Konflikten mit Nachbargütern führe, die mit der Jagd Geld verdienen. Das nahm der National Trust for Scotland in Kauf, als er Tausende Hirsche erlegen ließ. „Wenige Jahre später merkten wir, dass der Wald angefangen hatte, sich zu regenerieren“, sagt die Ökologin und deutet hinunter in ein Seitental des River Dee. Am Hang gegenüber wachsen aus kniehoher Heide heraus Hunderte junge, bis zu sechs Meter hohe Kiefern.

An den Talhängen entsteht nun allmählich wieder Wald. „Der wird die Heide immer stärker beschatten. Und weil Heide keinen Schatten mag, wird sie verschwinden, während die Bäume wachsen und auch Waldvögel zurückkehren: Goldhähnchen, Spechte, Kreuzschnäbel.“ Die Landschaft werde wieder zu dem, was sie einst war, sagt Shaila Rao. Und es gebe immer noch Rotwild im Wald – jetzt aber im Gleichgewicht mit all dem anderen Leben hier. (tkr)

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