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Ungarn, Debrecen: Flughafenpersonal prüft Reisende, die aus Italien kommen.

Finanzmittel

WHO hechelt der Krise hinterher

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Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet einen globalen Corona-Ausbruch.

Dr. Tedros ist im Dauerstress. Immer wieder eilt der Generaldirektor in das Krisenzentrum seiner Weltgesundheitsorganisation. In dem Zentrum, das den Namen SHOC trägt (Strategic Health Operations Centre), verfolgt der WHO-Chef wie das neue Coronavirus um sich greift.

Die Krise breitet sich auf den Monitoren im SHOC aus. Gleichzeitig wendet sich Tedros vom WHO-Sitz in Genf an das globale Publikum. Er informiert, appelliert, warnt: „Die Möglichkeiten, den Ausbruch einzudämmen, gehen zurück“. Doch will der WHO-Chef von „Hysterie“, von „Panik“ nichts wissen. Bis Montagabend erfasste die WHO knapp 80 000 bestätigte Corona-Fälle, die allermeisten davon in China. Mehr als 2 600 Patienten starben, wiederum die meisten in China. Außerhalb des Reiches der Mitte tauchte der Erreger in rund 30 Staaten auf, Europas Brennpunkt ist Italien.

Knapp vier Wochen nachdem der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief, meldet die WHO noch keine griffigen Erfolge gegen Covid-19. Im Gegenteil. Die globale Gesundheitswächterin hechelt der Krise hinterher.

„Für die WHO ist es nicht einfach die Führung im internationalen Kampf gegen das Coronavirus zu übernehmen“, urteilt ein Genfer Diplomat. Das liegt zum einen an den Kompetenzen. Die WHO kann die souveränen Regierungen nur beraten und ihnen Empfehlungen geben, etwa bei der Infektionsprävention. Ob die Staaten dem folgen, entscheiden sie selbst.

Ein anderer Grund für die mangelnde Durchsetzungskraft der WHO ist das fehlende Geld. Anfang Februar rief die WHO die Staaten und Institutionen zu Zahlungen von 675 Millionen US-Dollar auf – eine bescheidene Summe im globalen Maßstab. Damit sollen Maßnahmen gegen Covid-19 von Februar bis April finanziert werden: etwa Diagnoseinstrumente, Quarantäneeinrichtungen und Behandlungen, besonders in armen Ländern. Die Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates sagte schnell bis zu 100 Millionen US-Dollar zu. Doch danach kamen kaum noch nennenswerte Summen an.

Von den 61,5 Millionen US-Dollar, die für die Aktivitäten der notorisch klammen WHO selbst anfallen, wurde der Organisation bis Anfang dieser Woche ) erst 1,2 Millionen US-Dollar überwiesen. Dem standen Zusagen von 26 Millionen US-Dollar und eine Finanzierungslücke von mehr als 34 Millionen US-Dollar gegenüber.

„Komplett dumm“

UN-Generalsekretär António Guterres prangerte die Knausrigkeit der Staaten scharf an. Es sei „komplett dumm“, der WHO das dringend benötigte Geld im Kampf gegen Corona zu verweigern. Ohne die Finanzmittel könnte die Seuche in einen „globalen Alptraum“ eskalieren.

Trotz der knappen Mittel lieferte die Organisation nach eigenen Angaben an „viele“ bedürftige Länder die dringend benötigten Masken, Handschuhe, Anzüge und andere Schutzbekleidung. Zudem finanzierte sie die Ausbildung von Gesundheitspersonal. Ein Team mit WHO-Spezialisten hilft den Gesundheitsbehörden in Italien.

Die Gesundheitsorganisation schaffte es auch, rund 300 Wissenschaftler, Mediziner und Geldgeber kurzfristig zu einer Krisenkonferenz zusammenzubringen. Die Ergebnisse waren jedoch eher ernüchternd. „Dieses Treffen erlaubte uns, die wichtigen Forschungsprioritäten zu identifizieren“, erklärte der Pariser Infektionsspezialist Yazdan Yazdanpanah. Das klang nach Ratlosigkeit. Und WHO-Chef Tedros überbrachte der Welt während der Konferenz eine wirklich schlechte Nachricht. Er räumte ein, dass ein Impfstoff gegen Covid-19 wohl erst in etwa anderthalb Jahren zur Verfügung stehen könnte. Bis dahin müsse die Welt mit den vorhandenen „Waffen“ kämpfen. Wie das aussieht, zeigt China: Ganze Regionen werden abgeriegelt und Institutionen mit möglichen Corona-Fällen sofort geschlossen. Daneben häuften sich die Berichte von schlampiger Bürokratie, Vertuschungen und Drangsalierungen mutiger Menschen, die über das Ausmaß der Corona-Krise Zeugnis ablegen.

Der WHO-Repräsentant in China, Gauden Galea, äußerte Kritik, besonders an den drakonischen Maßnahmen wie der Isolierung der Stadt Wuhan mit elf Millionen Einwohnern. „Meines Wissens nach, ist der Versuch, eine Stadt mit elf Millionen Menschen zu isolieren neu für die Wissenschaft“, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Es sei unmöglich zu sagen, ob es wirkt oder nicht.

Galeas Chef im fernen Genf hingegen hält an seinem Lob für Peking fest. China habe mit seinen Schritten „der Welt Zeit gekauft“, sagte WHO-Chef Tedros.

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