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Divisionsweise kehrten russische Bauernsoldaten der Front, dem Krieg, den Rücken, um sich zu Hause der Revolution anzuschließen. Lenin verbreitete die Überzeugung, die Revolution über den Februar 1917 hinaus fortzusetzen.

Erster Weltkrieg - Russland

Hebamme der russischen Revolution

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Die Schlacht bei Tannenberg läutete den Untergang des Zarenreichs ein. Die Revolutionäre erbten die Ruine, doch sie waren eine Minderheit. Das Proletariat konnte die politische Macht nicht von unten her errichten. Die Partei tat dies von oben her. Das nannte sich fortan: kommunistisch.

Als Willys Telegramm ihn erreichte, schöpfte Nicky noch einmal Hoffnung. Unter Verwandten musste man sich doch einigen können. Und Willy und Nicky hatten sich eigentlich immer ganz gut verstanden. Warum sollte in der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1914 also Streit sein? Willy, genauer: Kaiser Wilhelm II., hatte Nicky, genauer: Kaiser Nikolaus II., telegrafisch mitgeteilt, man könne vielleicht noch vermitteln. Nikolaus II., Haupt der seit 300 Jahren in Russland herrschenden Romanow-Dynastie, nahm also seinen Ukas zur allgemeinen Mobilmachung vom Vormittag zurück.

Nur: Im imperialistischen Zeitalter entschieden nicht gekrönte Häupter über Krieg und Frieden, sondern die Interessen der wirtschaftlichen und militärischen Eliten. Wenn die Militärs befanden, dass "es sein muss", dass wirtschaftliche und politische Interessen, heilige Güter der Nation, auf dem Spiel stehen, musste es eben sein. Nachmittags sah Nikolaus II. das ein. Am nächsten Morgen zogen Berlin und Wien nach: Mobilmachung gegen Russland.

"Der Geist der Soldaten ist ausgezeichnet", schrieb der russische General Alexej Brussilow seiner Frau. "Sie sind beflügelt durch einen festen Glauben in die Rechtmäßigkeit und Ehre ihrer Sache, daher besteht kein Grund zur Nervosität."

Die russische Armee war durchaus auf diesen Krieg vorbereitet. Sie war so stark und so gut gerüstet wie die des Deutschen Kaiserreichs, konnte sich auf ein neu ausgebautes Eisenbahnnetz stützen und war auch durchaus nicht so schwerfällig, wie es die preußisch-deutschen Strategen vorausgesetzt hatten. Generaloberst Max von Prittwitz und Gaffron, der Ostpreußen halten sollte, ordnete nach dem ersten Gefecht denn auch den Rückzug bis hinter die Weichsel an. Darauf ersetzte die Oberste Heeresleitung ihn durch Generaloberst Paul von Benckendorff und von Hindenburg. Unter dessen Kommando schlug die 8. Armee die doppelt überlegene russische Narew-Armee bei Tannenberg, machte bis zum 30. August 93 000 Gefangene und hatte zwei Wochen später auch die NjemenArmee aus Ostpreußen vertrieben.

Das war die Grundlage für einen deutschen Geschichtsmythos und für europäische Katastrophen. Der Mythos trug den "Helden von Tannenberg" Hindenburg später bis ins Amt des Reichspräsidenten, als die Weimarer Demokratie starb.

Die erste europäische Katastrophe kann man in Zahlen fassen. Russland hatte insgesamt zwölf Millionen Menschen zum Militär eingezogen, jeden fünften männlichen Staatsbürger. 1,7 Millionen wurden an der Front getötet, fast fünf Millionen kamen verwundet zurück. Zwei Millionen Zivilpersonen starben durch den Krieg.

Hungersnot im zweiten Kriegsjahr

Vom Zusammenbruch der imposanten russischen Militärmacht und ihren bürgerlichen Folgen muss die Rede sein. Das Transportwesen kollabierte, Nachschub erreichte nicht die Soldaten und nicht mehr die Städte. Die Versorgung der Hauptstadt Sankt Petersburg - bald wurde sie höchst patriotisch in Petrograd umbenannt -, der Metropolen Moskau und Kiew, des Uralgebiets und der Industriezentren in der Ukraine versagte total. Die Landwirtschaft verfiel, weil die Jüngsten und Kräftigsten Militärdienst leisten mussten; die Arbeiter und Angestellten in den Städten, Frauen und Kinder - die für den Krieg und den Zusammenbruch am wenigsten Verantwortlichen - waren schon im zweiten Kriegsjahr von Hungersnot akut bedroht.

Russlands Kaiser Nikolaus II. erwies sich als intellektuell und moralisch überfordert. Seine Untergebenen fielen der Korruption anheim, die Zarin verfiel den Einflüsterungen des Wunderpredigers Grigorij Rasputin, bis ein Anschlag des Fürsten Felix Jussupow dessen Leben beendete, am 30. Dezember 1916 unter dem Eis der Newa in Petrograd. Die russische Gesellschaft löste sich an Haupt und Gliedern auf. Aus dieser Katastrophe des Regimes wuchs die Revolution.

Seit 1916 berichtete die Presse über "Brotkrawalle" und Streiks. In Petrograd ging die zum Schutz der Hauptstadt berufene Garnison allmählich auf Distanz zum Regime und weigerte sich, gegen das rebellierende Volk vorzugehen. Am 15. März 1917 beendete ein gewaltloser Aufstand die Zarenherrschaft; nach russischem Kalender: die Februarrevolution. Eine bürgerlich-adlige Provisorische Regierung übernahm, was von der Macht übrig geblieben war, aber sie beendete nicht den Krieg.

Die radikale Arbeiterschaft Petrograds baute eine Gegenmacht auf, organisiert in spontan gewählten Räten (Sowjets), denen rasch solche der Petrograder Soldaten folgten. Noch war sie orientierungslos und wagte nicht, die Provisorische Regierung von Georgie Fürst Lwow, nach etlichen Zwischenspielen des Linken Alexander Kerenski herauszufordern; der folgten aber die Arbeiter und Soldaten nicht mehr. Es bestand Doppelherrschaft. Eine Entscheidungssituation, ein revolutionärer Zustand.

Landreform hatte die Provisorische Regierung versprochen - für später, im Frieden, den sie nicht herbeiführte. Für die Umverteilung des Grundbesitzes stimmten die Bauern und die Bauern-Soldaten, letztere "mit den Füßen": Divisionsweise kehrten sie der Front, dem Krieg, den Rücken. Auch auf dem Lande: revolutionäre Situation.

Im Lauf des Jahres 1917 kehrten die nach Sibirien verbannten und ins Ausland emigrierten Revolutionäre, Intellektuelle mit dem Ideal des Sozialismus, nach Petrograd zurück. Wladimir Iljitsch Lenin verlangte: "Alle Macht den Sowjets!" und bekannte sich zur Theorie Leo Trotzkis, die Revolution müsse über "den Februar" hinaus fortschreiten. Die liberalen und liberal-konservativen Kräfte hatten weder den Krieg beendet noch die brennenden Versorgungsfragen gelöst, nichts Neues geschaffen und sich mit der Stellvertreterrolle begnügt.

Arbeiter übernehmen die Macht

Die radikalen Kräfte, gebündelt in der schnell wachsenden Partei der Bolschewiki, müssten die Macht im Namen der Räte übernehmen. Das geschah, zunächst wieder fast gewaltlos, am 7. November 1917, nach russischer Zählung am 23. Oktober.

Legenden gibt es, die die Tatsachen überhöhen. So, dass der Beschuss des Winterpalais durch den Panzerkreuzer Aurora das Signal gewesen sei; tatsächlich feuerte die Aurora Blindpatronen auf den Sitz der Provisorischen Regierung, als die seit Stunden schon entmachtet war. So die Legende vom ganz Russland umfassenden Volksaufstand; es war aber die von Trotzki brillant rhetorisch vorbereitete und entschlossen organisierte Machtübernahme durch die Petrograder Arbeiter und Soldaten, im Namen des Allrussischen Sowjets und faktisch unter Führung eines bolschewistischen Machtorgans, des Revolutionären Militärkomitees. Es war der Sieg einer entschlossenen Minderheit, den Lenin treffend mit dem deutschen Satz kommentierte: "Es schwindelt…"

Dem Petrograder Beispiel folgten Moskau - dort gab es Widerstand und Straßenkampf - und entlang den Eisenbahnlinien allmählich die anderen Industriezentren. Lenin hatte von der smytschka gesprochen, dem Zweck-Bündnis der Arbeiter und Bauern; doch deren Revolutionsziel war mit der spontanen und oft gewaltsamen Umverteilung des Landbesitzes erreicht. Den Hoffnungen der Bolschewiki, Russlands Umwälzung werde zum Zündfunken der europäischen Revolution werden - sie wurde es dann nicht -, gewannen die Bauern nichts ab. Das hatte Folgen, auch auf lange Sicht.

Das Friedensversprechen einzulösen war die erste Aufgabe des Kommissars fürs Auswärtige, Trotzki. In Brest-Litowsk konfrontierte er die deutsch-österreichische Seite mit der Forderung: Frieden ohne Annexion und ohne Kontribution (Zahlungen und Lieferungen als Preis). Richard Baron von Kühlmann ging darauf nicht ein, stellte seinerseits harte Bedingungen: Das Baltikum und die Ukraine werden deutsch besetzt.

Gegen den erbitterten Protest der Linken akzeptierte Lenin das schließlich, noch hoffend, die deutsche Revolution werde diesem Spuk ein Ende machen. Das geschah so nicht; bis Kiew rückten die Truppen des Kaisers vor. Der Krieg, der im August 1914 begonnen hatte, war zur Hebamme der russischen Revolution geworden. Auf diese folgte aber nicht die Weltrevolution, sondern die Intervention: jene der Deutschen und jene zweite der Alliierten, die Russland unbedingt im Krieg halten wollten und Lenin, der im Frühjahr 1917 aus der Schweiz nach Russland hatte reisen dürfen, ohnehin für einen Agenten Wilhelms II. hielten.

Der Krieg hatte das Gebäude Zaren-Russland zerstört. Die Revolutionäre erbten die Ruine. Sie waren eine Minderheit. Das Proletariat - drei Millionen unter 120 Millionen Einwohnern - konnte die politische Macht nicht von unten her errichten. Die Partei tat dies von oben her, nach einem vierjährigen Bürgerkrieg sich selbst verwandelnd in ein Instrument der Diktatur. Das nannte sich fortan: kommunistisch.

Unter diesem Namen diente es im Westen als abschreckendes Beispiel. Im eigenen Land folgte - zehn Jahre nach der Revolution - der Stalin-Terror. Der befreiende Akt von 1917 schlug um in eine Katastrophe ganz anderer Art.

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