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Ob im Gottesdienst oder bei der Steuer: Die Kirchen verlieren mit ihren Mitgliedern auch massiv an Geld.

Austritte

Hausgemachte Kirchen-Krise

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Der dramatische Mitgliederschwund aus den Kirchen, den eine Studie vorhersagt, ist nur zum Teil demographisch begründet.

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland kämpfen schon seit Jahren mit Mitgliederschwund und Steuerverlusten. Erstmals liegt nun eine Projektion bis ins Jahr 2060 vor. Es zeichnet sich eine dramatische Entwicklung ab – wenn die Kirchen nicht gegensteuern.

Die Mitgliederzahlen der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland werden sich bis 2060 gegenüber heute nahezu halbieren. Auch die Kirchensteuer-Einnahmen werden in 41 Jahren nur noch für die Hälfte der heutigen Ausgaben reichen. Das sind Ergebnisse einer von den Kirchen bei dem renommierten Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg in Auftrag gegebenen Studie, die Donnerstag veröffentlicht wurde.

Gegenwärtig sind 44,8 Millionen Deutsche Mitglieder einer der beiden christlichen Kirchen, 2035 werden es noch 34,8 Millionen sein, für das Jahr 2060 errechnete die Forschungsgruppe 22,7 Millionen Kirchenmitglieder. Erstaunliche Erkenntnis: Der Mitgliederschwund um 49 Prozent geht nur zu 21 Prozent auf demografische Faktoren wie Geburten oder Sterbefälle zurück. 28 Prozent sind „kirchengemacht“.

Das liegt vor allem daran, fanden Raffelhüschen und seine Mitarbeiter heraus, dass nicht alle konfessionsgebundenen Mütter ihre Kinder taufen lassen und kontinuierlich vor allem die 25- bis 40-Jährigen aus der Kirche austreten. 2017 lag der Anteil von Kindertaufen an allen Geburten bei 43 Prozent, bis 2060 wird er laut Projektion auf 22 Prozent sinken. Bei den Austritten im dritten und vierten Lebensjahrzehnt ist zu beobachten, dass sie mit dem Eintritt ins Erwerbsleben und den ersten Kirchensteuerzahlungen zusammen fallen. Da in dieser Lebensphase junge Paare Kinder bekommen, wirkt sich das auch auf die Taufen aus.

Lesen Sie dazu auch das Interview „Charismatische Seelsorger sind unerlässlich“ und den Kommentar zu Kirchenaustritten: „Bindungskraft gesucht“

Vor allem die Landeskirchen und Diözesen im Osten (2017: 3,2 Millionen Mitglieder) und im Norden (7,6 Millionen) müssen sich bis 2060 auf herbe Verluste und Mitgliederzahlen von 1,5 Millionen beziehungsweise 3,8 Millionen einstellen. Den stärksten Rückgang verzeichnen die Kirchen im Westen – von 17,3 Millionen im Jahr 2017 auf 8,5 Millionen Mitglieder 2060. Der Süden verliert 7,8 Millionen Kirchenmitglieder und zählt in 41 Jahren 9 Millionen. 90 Prozent der deutschen Katholiken leben im Süden und im Westen.

Die Höhe des Kirchensteuer-Aufkommens werde sich zwar durch steigende Einkommens- und Steuerentwicklungen bis 2060 mit 12 Milliarden Euro kaum verändern, prognostiziert Professor Raffelhüschen. Das Geld sei dann aber nicht mehr so viel wert. Das Doppelte werde benötigt, um wie heute Gehälter für Pastoren und Pastorinnen sowie Löhne für Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen zahlen zu können. Außerdem fallen Kosten für Gebäudesanierungen und die Verwaltungen an. Auch bei der Kirchensteuerkraft sind daher die Auswirkungen im Osten und im Norden dramatisch. Die nördlichen Landeskirchen und Diözesen werden 2060 nur noch knapp 900 Millionen Euro an Kirchensteuern einnehmen, die östlichen höchstens 350 Millionen Euro. Die süddeutschen und westdeutschen Kirchen werden dann noch knapp 2,4 Milliarden Euro Kirchensteuern erhalten.

Der Wissenschaftler Raffelhüschen empfahl den Kirchen, sich noch stärker den veränderbaren Indikatoren der Entwicklung wie etwa Konfirmationen und Taufen zuzuwenden. „Hier liegt eine echte Generationenaufgabe. Und unsere Analyse macht deutlich: Die Kirchen verfügen in den kommenden zwei Jahrzehnten weiterhin über die Ressourcen zur Umgestaltung.“

Die Ergebnisse der Langzeitprojektion werden nun in den Gremien der 20 evangelischen Landeskirchen und 27 Erzbistümern der katholischen Kirche beraten werden. „Die Kirchen wollen die Erkenntnisse der Studie nutzen, um sich langfristig auf Veränderungen einzustellen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. „Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten.“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sagte: „Diese Veränderungen werden kommen und es ist gut, in einer heute wirtschaftlich guten Lage die Fragen von morgen in den Blick zu nehmen.“ Der bayrische Landesbischof betonte, dass sich schon heute Millionen Menschen freiwillig in Gemeinden und diakonischen Einrichtungen engagieren würden. „Deutschland wäre ärmer ohne die vielen Christinnen und Christen, die sich aus der Kraft des Glaubens heraus für das Gemeinwesen einsetzen.“

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