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Heilbronn

Hatte der NSU Mordhelfer?

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Im Fall der getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter haben die Ermittler lange Zeit Hinweise auf mögliche Mittäter vernachlässigt. Auch die These, die 22-jährige Beamtin sei ein Zufallsopfer, wackelt.

Seit knapp dreieinhalb Jahren ist bekannt, dass es den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gab, dessen Mitglieder Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Menschenleben auf dem Gewissen haben sollen. Seit fast zwei Jahren steht die überlebende Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München.

Eines der zahlreichen Mysterien der Mordserie ist, warum im April 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter sterben musste. Nun gibt es immerhin Hinweise darauf, dass der NSU Kiesewetter nicht allein umbrachte, sondern dabei mit einer ebenfalls geheim agierenden rechtsextremen Terrorgruppe namens „Neoschutzstaffel“ (NSS) kooperiert haben soll. Damit erscheint die Sache in einem neuen Licht.

Der ehemalige Rechtsextremist Florian H. informierte die Polizei schon Anfang 2012 über die Existenz der Gruppe. Überdies soll er gegenüber früheren Mitschülerinnen erklärt haben, er könne die Täter benennen. Ähnliches berichtete der Vater des jungen Mannes mit den Worten, sein Sohn habe den Prozess gegen Zschäpe einmal als reine Farce bezeichnet, solange nicht weitere Personen auf der Anklagebank säßen. In dem Zusammenhang habe er auch einen gewissen „Matze“ genannt.

Die Polizei glaubte all das nicht. Aussagen kann H. heute nicht mehr. Der 21-Jährige verbrannte Mitte 2013 in seinem Wagen in Stuttgart – genau an jenem Tag, an dem er erneut von der Polizei hätte befragt werden sollen. Die Ermittler gingen von Selbstmord aus Liebeskummer aus und legten den Fall zu den Akten. H. war mit mehreren jungen Frauen gleichzeitig liiert und in psychiatrischer Behandlung. Bei seinem Tod hatte er zahlreiche Medikamente intus.

Wer ist "Matze"?

Nach der Aussage eines früheren Ermittlers glaubt der Vorsitzende des seit 2014 existierenden NSU-Untersuchungsausschusses im baden-württembergischen Landtag, Wolfgang Drexler (SPD), jetzt, dass H. recht hatte und die Neoschutzstaffel ebenso existiert wie besagter „Matze“. Der Beamte sagte, es sei früher nicht gelungen, „Matze“ anhand von H.s Beschreibungen zu identifizieren. Erst eine Aussage im Ausschuss habe dies ermöglicht.

Hinter dem Spitznamen verbirgt sich nach Informationen der „Stuttgarter Nachrichten“ ein gewisser Matthias K. aus Neuenstein im Hohenlohekreis, der NSS auf seinen Körper tätowiert habe. Dessen Vater, ein Sozialarbeiter, habe sein Büro im „Haus der Jugend“ in Öhringen bei Heilbronn. Dort wiederum sollen laut Aussage von H. mehrere Treffen der „Neoschutzstaffel“ stattgefunden haben – und 2010 ein Treffen mit dem NSU. Dass „Matze“, wie die Zeitung „Stuttgarter Nachrichten“ ebenfalls berichtet, Soldat sein soll, wird in Bundeswehr-Kreisen bestritten.

Eva Högl, seinerzeit Obfrau der SPD-Fraktion im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, sagte der Frankfurter Rundschau, die These, wonach die 22-jährige, aus Thüringen stammende Polizistin Kiesewetter ein Zufallsopfer gewesen sei, habe sie nie überzeugt. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das nur die drei NSU-Mitglieder plus einer Handvoll Unterstützer waren. Denn die Tatorte sind so, dass man sie richtig auskundschaften muss.“

Insbesondere der Tatort von Heilbronn sei von allen Seiten einsehbar. Man könne dort kaum einen Mord begehen ohne logistische Hilfe vor Ort. „Es muss ein breites Netzwerk von Unterstützern und Mitwissern geben“, betonte Högl. „Aber da ist der Generalbundesanwalt nie rangegangen.“ In Baden-Württemberg bestehe jedenfalls eine bestens vernetzte rechtsextreme Szene, anders als anderswo. „Ich glaube, da gibt es handfeste Bezüge.“

Der Rechtsextremismus-Experte Hajo Funke spricht von einem „Ballon aus Lügen, Verdeckungen und Verstrickungen in Stuttgart“. Dieser sei soeben geplatzt.

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