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Juliane Chakrabarti vom Verein „ichbinhier“.
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Juliane Chakrabarti vom Verein „ichbinhier“.

Gewalt gegen Frauen

Hatespeech gegen Frauen: Wie die Vereine „ichbinhier“ und „Hate Aid“ das Internet zurückerobern

Wenn sich Frauen öffentlich über Klimawandel, Feminismus oder Extremismus äußern, müssen sie mit einem Sturm von Drohungen und Beleidigungen rechnen. Von Anne Klesse.

Für Juliane Chakrabarti ist die Klimakrise auch eine Krise des sozialen Miteinanders. Denn immer, wenn auf reichweitenstarken Nachrichtenseiten in Deutschland Artikel rund um das Thema menschengemachter Klimawandel erscheinen, wissen die 70-Jährige und ihre Mitstreiter:innen: Es wird eine Welle des Hasses folgen. Leser:innen posten Kommentare, beschimpfen die Autor:innen und sich gegenseitig – vor allem auf Social Media. Denn dort gibt es, je nach Kanal, manchmal überhaupt keine Moderation.

Diplom-Pädagogin Chakrabarti will der sogenannten Hatespeech im Netz etwas entgegensetzen und engagiert sich deshalb beim Hamburger Verein „ichbinhier“. Die Initiative startete Ende 2016 als geschlossene Facebook-Gruppe, seit 2017 führt Chakrabarti den Verein gemeinsam mit Gründer Hannes Ley und Mira Loeblein. Der Impuls kam damals aus Schweden, wo Ley eine ähnliche Gruppe gesehen und die Idee nach Deutschland mitgebracht hatte. Für seine Arbeit wurde der Verein 2017 mit dem renommierten „Grimme Online Award“ ausgezeichnet, Ley erhielt 2018 stellvertretend das Bundesverdienstkreuz.

#ichbin hier und Hate Aid gegen Hassrede im Netz

Themen, die Hater:innen zu reizen scheinen, sind neben Klima insbesondere Flucht, Feminismus und Extremismus. Manchmal folgen auf einen Artikel tagelange Shitstorms gegen die Autor:innen oder einzelne Protagonist:innen der Geschichten. Um dagegenzuhalten und für einen respektvollen Umgang im Netz zu werben, mischen sich Chakrabarti und die mittlerweile 44 000 aktiven deutschsprachigen Mitglieder des Netzwerks mit dem Hashtag #ichbinhier in die Diskussionen ein.

Bemerkenswert ist, dass insbesondere Frauen attackiert werden. Der Forschungsbericht des „Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft“ von 2019 sagt aus, dass Frauen in 88 Prozent der Fälle Ziel des Hasses sind. In der Studie berichten Betroffene von den Auswirkungen: Ein Drittel der Befragten erlebte durch die persönlichen Angriffe im Netz emotionalen Stress, 27 Prozent Angst und Unruhe, 19 Prozent sogar Depressionen. Etwa die Hälfte aller Studienteilnehmer:innen gab außerdem an, sich als Reaktion auf Hasskommentare seltener zu ihrer politischen Meinung zu bekennen und sich seltener an Diskussionen im Netz zu beteiligen.

Lesen Sie mehr zu unserem Schwerpunkt:

Die Macht des Öls: Abholzung im Regenwald treibt viele indigene Männer in die Städte – und Frauen in die Abhängigkeit. Eva Tempelmann berichtet über den Notstand in Peru.

Zwangsprostitution: In Nigeria zwingen Dürre und Ernteausfälle Familien dazu, ihre Töchter zu verkaufen. Viele von ihnen landen in Italien auf dem Straßenstrich.

Spirale der Abhängigkeit: Juliane Schmucker von Plan International erzählt, warum hinter Menschenhandel und Misshandlung oft eine noch größere Bedrohung steckt – der Klimawandel.

Der Verein „Hate Aid“ hat deshalb eine Petition gegen digitale Gewalt gegen Frauen gestartet. In den Forderungen an die Europäische Union, heißt es: „Millionen von Frauen und Mädchen ziehen sich aus den sozialen Medien zurück, weil sie keine Möglichkeit mehr haben, sich zu schützen. Das muss jetzt aufhören.“ Mehr als 27.000 Personen haben bislang unterzeichnet. Laut „HateAid“ unterscheiden sich die Gewalterfahrungen, die Frauen im Netz machen, stark von denen heterosexueller weißer Männer.

Im Text zur Petition schreibt der Verein: „Häufig ist die Gewalt, die sich online gegen Frauen richtet, sexualisiert und frauenfeindlich. Das bedeutet, Täter*innen greifen Frauen einzig und allein aufgrund ihres Geschlechts an. Der Inhalt, den Frauen in diesen Fällen zuvor verbreiteten, posteten oder liketen, ist häufig nebensächlich.“

Frauen erleben im Internet mehr Gewalt als Männer

Auch Chakrabarti und ihre Kolleg:innen werden regelmäßig im Netz beschimpft, beleidigt und sogar in privaten Nachrichten bedroht. Angst habe sie dennoch nicht.

„Früher habe ich gegen Atomkraftwerke demonstriert. Im Netz kann ich mich nun für Themen einsetzen, die mir wichtig sind, ohne mich vor Wasserwerfer auf die Straße setzen zu müssen.“

Die Aktivistin will sich nicht einfach so zufriedengeben, denn die systematische Verdrängung von Frauen sei eines der Hauptziele der zumeist männlichen Hater. Dabei mussten die Verfasser:innen dieser Hassrede bislang kaum Konsequenzen befürchten. Nur in wenigen Bundesländern gibt es staatliche Meldestellen im Kampf gegen Hasskriminalität im Internet.

Hassrede im Internet: Frauen, die über Klima sprechen stärker betroffen

Beispiel Baden-Württemberg: Die hier ansässige Meldestelle „respect!“ prüft bundesweit Hinweise, leitet sie gegebenenfalls an die Plattformbetreiber:innen weiter und zeigt zur strafrechtlichen Verfolgung an. Laut einem Gesetzespaket, das Ostern 2021 in Deutschland in Kraft trat, drohen für Beleidigungen im Netz nun bis zu zwei Jahre Haft. Der Strafrahmen bei Mord- und Vergewaltigungsdrohungen im Netz wurde auf bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe angehoben. Inwiefern es allerdings tatsächlich zu Verurteilungen kommen wird, ist fraglich. Expert:innen wie Chakrabarti sind skeptsch.

Also kämpft sie vorerst weiter mit Worten. Denn oft gehe es den Hassredner:innen darum, Narrative zu etablieren und die Diskussionen zu bestimmen – etwa, den menschengemachten Klimawandel zu leugnen. „Aber was wir einmal an Raum aufgeben, das ist weg“, meint Chakrabarti. Ihre Arbeit ist ein Tropfen auf den heißen Stein, das ist ihr klar. Aber für Betroffene sei es wichtig zu sehen, dass sie nicht allein sind. (Text von Anne Klesse)

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