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Die Polizei beschlagnahmte das Fluchtauto von Tobias R.

Tobias R.

Aus Hass und Größenwahn

Der mutmaßliche Täter von Hanau verbreitete im Internet Verschwörungstheorien, die stark an die Ideologie von „Reichsbürgern“ erinnern.

Ein Mann, der keine Frau findet. Ein Mann, der an geheime Mächte glaubt, die ihn überwachen und sich auch in sein Hirn „einklinken“. Der Sündenböcke sucht, die er für Probleme in seinem Umfeld und für sein selbst empfundenes persönliches Scheitern verantwortlich machen kann. Im Internet hinterlässt er ein Video, in dem er krude Verschwörungstheorien verbreitet und davon spricht, dass ganze Völker „komplett vernichtet werden müssen“.

Tobias R. (43), der von Größenwahn und rassistischem Hass getriebene mutmaßliche Attentäter von Hanau, entspricht in vielerlei Hinsicht dem Tätertypus des um Aufmerksamkeit heischenden, äußerlich unauffälligen rechtsradikalen Gewalttäters. Parallelen zu dem Attentäter von Halle, der im Oktober erst versucht hatte, in eine voll besetzte Synagoge einzudringen und dann zwei Menschen erschoss, sind offensichtlich.

Der mutmaßliche Schütze von Hanau war nach ersten Erkenntnissen der Ermittler nicht vorbestraft. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft gibt es auch keine Verfahren mit politischem Bezug gegen ihn. Für die Sicherheitsbehörden sind Attentäter wie R. oder der Schütze von Halle, die sich nicht mit bekannten Rechtsextremisten treffen oder an Kundgebungen teilnehmen, schwer ausfindig zu machen. Allerdings – glaubt man den Aussagen von Tobias R. – könnte es Warnsignale gegeben haben. In einem von ihm aufgezeichneten Video, das mit den Worten „Das, was bleibt, ist das Volk“, endet, berichtet er von mehreren Besuchen bei der Polizei. Angeblich versuchte er 2002 vergeblich, Anzeige zu erstatten, da er sich illegal überwacht fühlte. Im Herbst 2004 und im Jahr 2019 habe er es erneut versucht – wieder ohne Erfolg.

Doch hier enden die merkwürdigen Theorien nicht. Der Mann aus Hanau glaubte auch, dass bestimmte Hollywood-Filme nur entstanden seien, weil er dafür „unwissentlich die Grundidee geliefert“ habe. Auch hinter dem Ausscheiden der deutschen Nationalelf bei der Fußball-Europameisterschaft 2004 witterte er eine Verschwörung.

Dass jemand Wahnvorstellungen hat, ist nicht unbedingt ein Fall für die Polizei. Wenn so jemand eine Waffenbesitzkarte hat, ist aber zumindest Vorsicht geboten. Vor allem da die merkwürdigen Verschwörungstheorien, denen der Täter anhing – zum Terroranschlag vom 11. September 2001 und zu einer „kleinen sogenannten Elite“, die „über ein Geheimwissen verfügt, das sie der breiten Masse vorsätzlich vorenthält“ –, stark an die Ideologie von „Reichsbürgern“ erinnern, die Deutschland als Staat infrage stellen und von der „Firma BRD“ sprechen.

Dass R. als „einsamer Wolf“ gehandelt hat, hält der Gewalt- und Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld für unwahrscheinlich. „Es gibt nach Forschungslage keine einsamen Wölfe“, sagte Zick dem Bielefelder „Westfalen-Blatt“ (Freitagsausgabe). „Diese Annahme hat die Analyse von Einzelfällen widerlegt.“ Es gebe zum Tatzeitpunkt Einzeltäter, aber in der wichtigen Phase ihrer Radikalisierung seien sie vernetzt, hätten Gruppen, die sie stärkten und Druck ausübten und wesentlich seien für die Radikalisierung. „Der Täter in Hanau kommt aus Gruppen, seien es auch nur digitale Gruppen, und er handelt für Gruppen, auch wenn diese so, wie er denkt, nicht existieren. Ebenso hat er ein Unterstützungsnetzwerk, wo er die Ideologien und Waffen beschaffen kann“, so Zick weiter.

Die Bundesregierung hat vor wenigen Wochen das Waffenrecht verschärft. Künftig müssen die Behörden immer beim Verfassungsschutz nachfragen, bevor sie Waffenerlaubnisse vergeben. Das soll Extremisten den Zugriff auf Waffen erschweren. Außerdem müssen Jäger und Sportschützen nach fünf und dann noch einmal nach zehn Jahren nachweisen, dass ihr „Bedürfnis“ nach Waffenbesitz fortbesteht. „Ja, das wird den Zugang zu Waffen für Radikale erschweren, aber es ist keine Vollkaskoversicherung“, sagt Jörg Radek, der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei.

Tobias R. will mit seiner grausamen Tat, so sagt er selbst, Aufmerksamkeit erzwingen. In seinem Video kündigt er das Blutbad zwar nicht an. Er macht jedoch deutlich, dass er erwartet, bald zu sterben. Und sagt, „aus all diesen Gründen blieb mir nichts anderes übrig, als so zu handeln, wie ich es getan habe, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen“. Wenige Stunden nach der Tat ist seine Website, auf der er das Video eingestellt hatte, gesperrt.

Auch wenn Tobias R. nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden keine Kontakte zu bekannten Rechtsextremisten unterhielt: In diesen Kreisen stößt sein Anschlag auf Interesse. Ein Kanal, der eine seiner Video-Botschaften im Internet verbreitet, nennt sich Kommando 18. In der Szene steht die Zahl 18 für A und H, den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets, die Initialen von Adolf Hitler.

Konfliktforscher Andreas Zick hält nach dem Attentat von Hanau weitere rechtsextremistische Anschläge für möglich: „Diese Terrorakte kommen in Wellen, und wir kennen seit den 1990er Jahren die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstaten. Es leben hier einige hochradikalisierte Personen, die gewaltbereit sind und sicherlich darüber nachdenken, welches Zeichen sie nun setzen können.“ 

dpa/fr

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