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Trauer vor der Synagoge in Halle: Zwei Menschen wurden am Mittwoch Opfer rechter Gewalt. Die jüdische Gemeinde entging nur knapp einem Massaker.

Terror in Halle

Es reicht

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Seit Jahrzehnten ist Deutschland blind für rechten Terror. Zuspruch genügt den Opfern nicht. Wann entwaffnet der Staat die Neonazis?

Die Nachbarn in der Straße des Aufbaues in Benndorf im Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt) saßen gerade vor dem Fernseher und guckten das Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien, als plötzlich die Decken im Wohnzimmer hektisch blau flackerten. Dutzende Mannschaftswagen fuhren am Mittwochabend vor, Beamte in Schutzwesten stürmten in die Wohnung im ersten Stock links. Hier wohnt der mutmaßliche Halle-Attentäter Stephan B. bei seiner Mutter, einer Grundschullehrerin.

Der VW Golf mit dem auswärtigen Kennzeichen ist Eckhard Höppner schon am Montag aufgefallen. Der Rentner führt seinen Hund spazieren. „Ich bin ein Autofreak“, sagt Höppner über sich, deswegen habe er sich den Neuwagen gemerkt, den Stephan B. für seine Terrorfahrt angemietet hatte. Zwei Tage stand der Wagen vor dem Block, am Mittwochvormittag dann lud der 27-Jährige seine selbst gebauten Waffen und Sprengsätze mit vier Kilogramm Sprengstoff in den Golf und machte sich auf den Weg.

45 Minuten würde er brauchen, hatte er ausgerechnet, das könnte ein Risiko darstellen, entdeckt zu werden. Doch niemand hatte Stephan B. auf dem Schirm. Auch die Benndorfer Bürger nicht.

Es wirkt, als wäre er nur körperlich im Ort anwesend gewesen, geistig aber ganz woanders, in Online-Welten und Chaträumen, in denen sich Rechtsradikalismus und Antisemitismus mit Waffen-Bauanleitungen und gegenseitiger Radikalisierung zu einer tödlichen Terror-Mischung verbinden. „Er war immer online“, sagt sein Vater, den die „Bild“-Zeitung im Nachbarort Helbra herausgeklingelt hat. Und: „Er war nicht im Reinen mit sich und der Welt“.

Das fiel auch in Benndorf auf. „Wenn er einem auf der Straße begegnete, zog er die Schultern ein und guckte zu Boden“, sagt Mario Zanirato, der schräg gegenüber wohnt. „Er ist immer gebückt gegangen, als wenn er in sich gekehrt wäre.“ Zanirato, ein agiler 73-Jähriger, ist nicht nur Nachbar, sondern auch Bürgermeister von Benndorf.

Der Sachse verdankt seinen Namen dem italienischen Vater, er kam als junger Mann ins Mansfelder Land, ging in den Kupferbergbau wie fast alle hier.

1990 schlossen die Gruben. „38 000 Menschen mit einem Schlag arbeitslos, können Sie sich das vorstellen?Und kein Bundespräsident kam, um mit uns das Steigerlied zu singen, wie er es im Ruhrgebiet gemacht hat.“ Zanirato könnte stundenlang über die Ungerechtigkeiten sprechen, die dem Mansfelder Land widerfahren sind. Und die dazu führten, dass die enge Gemeinschaft der Bergarbeitersiedlung zerbrach. Benndorf heute, das sind die Alteingesessenen, die vor den sanierten Häuser der guten alten Zeit hinterhertrauern, und das sind die Neuen, die vor allem durch billige Mieten angelockt wurden.

Stephan B. und seine Mutter gehören zu den Neuen. Seit ein paar Jahren wohnen sie erst hier, die Mutter lehrt im Nachbarort. Sie sei während der Razzia zusammengebrochen und liege jetzt im Krankenhaus, sagt der Nachbar aus der Erdgeschosswohnung. Polizei mit Schutzwesten in der Wohnung, der Sohn ein Attentäter – welche Mutter hält das aus?

Schockiert und betroffen: Menschen halten vor der Synagoge von Halle inne.

Als Stephan 14 war, ließen sich die Eltern scheiden. Als Schüler war er ein begeisterter Schachspieler, dann ersetzte der Bildschirm das Brett. Ein Chemiestudium habe er abgebrochen, eine schwere Operation warf ihn zurück. Er soll zuletzt arbeitslos gewesen sein, sagen Nachbarn. „Das hätte es früher nicht gegeben“, sagt Eckhard Höppner, „dass man einen mit dem Computer alleine lässt.“ Und Mario Zanirato ergänzt: „Alle gucken nur noch ihre Smartphones und nicht mehr auf den Anderen. Das macht so Vieles kaputt.“

Wen Stephan B. dort traf in der virtuellen Welt – in Benndorf können sie es nicht wissen. Sie können nur ausschließen, dass sie B.s Radikalisierung hätten bemerken können: „Dass er ein Neonazi ist, war nicht zu bemerken“, sagt Zanirato. Keine Sprüche, Parolen, einschlägige Freunde. Überhaupt keine Freunde – und keine Freundin. In der Straße des Aufbaues wird jeder Besuch genauestens registriert. Aber seine Tat, sagt der Bürgermeister, das war die Tat eines Neonazis.

Das ist spätestens klar, seitdem das Video seiner Tat im Netz kursiert. Eine gute halbe Stunde dauert die Dokumentation des Terrors, die der Attentäter von Halle live im Internet mitlaufen lässt. Minutenlang richtet er die Technik ein, was wenig professionell wirkt, richtet die Kamera dann auf sich, stellt sich mit dem Namen Anon vor, spricht einige Sätze in sehr auswendig gelernt wirkendem Englisch. Er will offenbar ein internationales Publikum im Internet ansprechen. Die Streaming-Plattform Twitch, die er dafür nutzt, wird in der Gamer-Szene vor allem für die Übertragung von Videospielen genutzt, oft Ego-Shooter, damit andere Spielern sie verfolgen und oft auch bewerten können.

In den wenigen Sätzen, die Stephan B. dort in seine Handykamera sagt, als er schon vor der Synagoge parkt, werden seine menschenverachtenden Ansichten deutlich und sein Ziel: Juden töten. Das kündigt der 27-Jährige so auch in Schreiben an, das er offenbar schon vor der Tat im Internet verbreitete. Experten halten das elfseitige, auf Englisch formulierte PDF-Dokument für echt, es liegt dem RND vor. Es besteht aus drei Komponenten: seinen Waffen, seinem Plan und einer Reihe von Code-Wörtern. Auf den ersten neun Seiten des „short pre-action report“, wie es überschrieben ist, sind sämtliche Waffen fein säuberlich abfotografiert. Darunter detaillierte Beschreibung ihrer Eigenschaften und Funktionsweise. Als „Equipment“ führt er außerdem seine Handytechnik auf, seinen Helm (angeblich aus dem Restposten der Bundeswehr), sowie seine schusssichere Weste, die er aus dem Bestand der Polizei erworben haben will.

Seine Ziele formuliert er deutlich („Möglichst viele Anti-Weiße töten, Juden bevorzugt“) und erklärt dann detailliert sein geplantes Vorgehen. Der Angriff an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, war keine spontane Aktion, das wird anhand des Schreibens deutlich. Stephan B. wählte diesen Tag gezielt, wie er schreibt, weil dann sogar viele nichtreligiöse Juden die Synagoge aufsuchen würden. Ursprünglich aber habe er einen Angriff auf eine Moschee oder ein linkes Zentrum geplant, erklärt er. Für die Synagoge hat er sich dann aus seiner zutiefst antisemitischen Haltung entschieden: Juden steuerten aus seiner Sicht die Regierung in Deutschland und müssten attackiert werden.

War der Terror von Halle nun also die Tat eines in Onlinewelten und antisemitischen Gedanken verlorenen Einzeltäters? Oder ist es vielmehr eine Fortsetzung eines wachsenden Antisemitismus in Deutschland, das Ergebnis einer aufgeheizten politischen Stimmung im Land?

Bundespräsident Steinmeier appellierte an die Bürger, sich gegen Hass zu engagieren. Wer jetzt noch einen Funken Verständnis für Rechtsextremismus und Rassenhass zeige, wer politisch motivierte Gewalt gegen Andersdenkende und Andersgläubige rechtfertige, der mache sich mitschuldig, sagte das Staatsoberhaupt bei einem Besuch am Tatort. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte vor einer Verrohung der Debatte. „Sehr oft kann es passieren, dass aus Worten Taten werden. Doch das muss unterbunden werden“, sagte Merkel am Donnerstag beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Nürnberg.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sagte: „Auch ich habe immer gewarnt, dass rechte Hetze, der Gebrauch von Nazi-Sprache und das Jonglieren mit NS-Gedankengut wie zum Beispiel von Herrn Höcke gefährlich sind und den Boden für schreckliche Taten bereiten können.“

Die AfD wehrte sich. „Wer dieses entsetzliche Verbrechen missbraucht, um die politische Konkurrenz mit haltlosen Diffamierungen zu verleumden, der spaltet die Gesellschaft und schwächt das demokratische Fundament, auf dem wir stehen“, sagte die Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alice Weidel. Thüringens Partei- und Fraktionschef Björn Höcke beklagte bei Twitter ein „wahnhaftes Verbrechen“.

In Benndorf muss Bürgermeister Zanirato jetzt den Menschen helfen, zur Normalität zurückzufinden. „Wir müssen zur Ruhe kommen“, sagt der Bürgermeister. Am Donnerstag war das nicht möglich. Immer neue Polizeiautos fahren vor, Kriminaltechnik vom LKA und vom BKA.

Der Generalbundesanwalt führt die Ermittlungen, Stephan B. wurde festgenommen. Noch sind viele Fragen offen. Hat Stephan B. seine Waffen und Bomben wirklich in der 69-Quadratmeter-Wohnung seiner Mutter gebaut? Und welchen Gleichgesinnten hat er sein „Manifest“, das er vor der Tat verfasste, zum Lesen gegeben? Gibt es vielleicht doch ein Netzwerk, das den Terror unterstützte? Nicht nur in Benndorf ist die Aufklärung erst ganz am Anfang.

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