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Nicht in allen Teilen Deutschlands Kippa tragen zu können, „beschreibt die Wirklichkeit“.

Jüdisches Leben

„Hass geht nicht von selbst weg“

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Der jüdische Autor Tuvia Tenenbom über Antisemitismus und deutsche Bigotterie.

Herr Tenenbom, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte jüngst: „Nur wenn Juden in Deutschland vollkommen zu Hause sind, ist diese Republik ganz bei sich.“ Ist Deutschland ganz bei sich?
Welches Land ist das schon? Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich immer wie zu Gast bei einem Stamm. Es gibt eine Art Stammesdenken in Deutschland, eine gemeinsame Mentalität, eine Art zu denken. Natürlich ist München kulturell anders als Hamburg, aber es gibt schon ein einheitliches Geschichtsverständnis. Und was die Heimatgefühle von Juden angeht: Es kommt darauf an, welche Juden man meint. Sich selbst hassende jüdische Antizionisten zum Beispiel fühlen sich sehr wohl in Deutschland. Denn sie befinden sich in einem Land, das mehrheitlich denkt wie sie selbst: Israel ist ein Apartheidstaat. Andere Juden dagegen fühlen sich, so höre ich, nicht zu Hause in Deutschland.

Wenn der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein Juden davon abrät, in manchen Teilen Deutschlands eine Kippa zu tragen – ist das ein sinnvoller Hinweis oder eine Kapitulation?
Es ist zunächst mal die Beschreibung der Wirklichkeit. Wir alle wünschen uns, dass Deutschland anders wäre. Aber es ist schwer, den Menschen auszutreiben, was sie wirklich denken. Der Holocaust ist jetzt 75 Jahre her, und manche sagen eben wieder: Sieh, was die Juden tun! Sie sind schlechte Menschen! Viele denken im Stillen, dass die Juden diese Angriffe verdienen. Das ist sehr traurig. Viele Deutsche sind besessen vom Thema Israel. Das ist verräterisch.

Es gab in letzter Zeit eine Reihe antisemitischer Vorfälle in Deutschland. Das hat keine Massenproteste, keine Solidaritätswelle ausgelöst. Warum?
Das ist ein europaweites Phänomen. Das knüpft an die jahrhundertealte Geschichte der Judenverfolgung an, an die Vertreibung, Folterung und Tötung von Juden, denen seit jeher einfach alles angelastet wird, was schiefläuft in der Welt. Schon lange vor der Gründung des Staates Israel und lange vor dem Konflikt mit den Palästinensern warf man Juden vor, kleine Christenkinder zu entführen und aus ihrem Blut Matzeklöße zu machen. Heutzutage wirft man ihnen eben vor, Palästinenserkinder zu entführen. Es ist dieselbe uralte Geschichte.

Tuvia Tenenbom, geboren in Israel, ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Theaterleiter.


Hat der Antisemitismus zugenommen?
Er war einfach immer da. Wissen Sie, nach dem Holocaust fühlte sich die ganze Welt schlecht, weil so unfassbar viele Juden so erbarmungslos abgeschlachtet worden waren, vernichtet wie Ratten. Aber je länger das zurückliegt, desto mehr gerät der alte Antisemitismus wieder in den Vordergrund. In Deutschland ist er natürlich verknüpft mit der Historie des Zweiten Weltkriegs, aber es bleibt im Kern der uralte europaweite Judenhass, es sind dieselben Vorwürfe und Vorurteile wie immer. Es gibt eine Menge Menschen, die wütend wären, wenn Deutschland wirklich ernsthaft damit beginnen würde, Israel zu unterstützen.

Tut es das nicht?
Offiziell schon. Aber hinter den Kulissen passiert das Gegenteil: Deutschland zahlt Millionen von Euro an antisemitische Nichtregierungsorganisationen, die auf arabischer Seite aktiv sind. Deutschland agiert mit doppeltem Boden.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Situation verbessert?
Von selbst wird sich das niemals ändern. Es wird sich nicht ändern, solange nicht mehr Deutsche laut sagen: Schluss damit! Solange deutsches Geld auf Betreiben der deutschen Regierung in den Nahen Osten fließt, um Organisationen zu finanzieren, die mit großer Leidenschaft Juden hassen, und so lange Deutsche auf Plakaten pauschal fordern „Free Palestine“, ohne zu wissen, was dort wirklich vor sich geht – solange wird sich nichts ändern. Im Gegenteil: Es wird nur schlimmer werden. Hass geht nicht von selbst weg. Die einzige Möglichkeit, Hass zu bekämpfen, ist, ihn wirklich zu bekämpfen. Dafür müssen Deutsche aufstehen und sagen: Hört auf damit! Und Juden müssen aufstehen und sagen: Tötet uns nicht zum zweiten Mal. Ein bisschen Demut – das würde ich mir wünschen. Die Deutschen müssen lernen, ihren dummen Stolz aufzugeben.

Interview: Imre Grimm

Zur Person

Tuvia Tenenbom (61), geboren in Israel, ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Theaterleiter. Mit 17 Jahren wanderte er nach New York aus. 1994 gegründete er das Jewish Theater of New York. 2011 erschien sein Buch „Allein unter Deutschen“, für das er mehrere Monate Deutschland erkundete.

Für den von Kritikern ebenfalls gefeierten Nachfolgeband „Allein unter Juden“ reiste er durch sei Geburtsland und sprach mit Hunderten pro- und antiisraelischen Bewohnern Israels und Palästinas. Tenenbom gilt als Seismograf des Zeitgeistes, inzwischen sind auch „Allein unter Amerikanern“ und „Allein unter Flüchtlingen“ erschienen; im November kommt „Allein unter Briten“ heraus.

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