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Steht unter Polizeischutz: Dresdens Bürgermeister Hilbert.

Dresden

Mit Hass gegen Tatsachen

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Der Dresdner Oberbürgermeister Hilbert wehrt sich gegen den Opfermythos der Stadt und wird bedroht. Und mindestens ebenso viel rechtes Geschrei verursacht eine Kunstaktion vor der Frauenkirche.

2500 Festgäste, 104 strahlende Debütantinnen, prächtige Ballkleider, junge fesche Männer, die Oper im Lichterglanz, draußen auf dem Theaterplatz mehr als 1000 vergnügte Leute im Nieselregen tanzend. Drinnen eine Feier mit Champagner bis in die Morgenstunden, Prominente: Geiger André Rieu, Conchita Wurst, Trainerlegende Ede Geyer, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), Kurt Biedenkopf (CDU), Jenny Elvers. Eine vor Jahren eigens erfundene Auszeichnung, der St.-Georgs-Orden, wird diesmal verliehen an Ralf Rangnick, ehemaliger Trainer des Fußballclubs RB Leipzig, an den saudischen Prinzen und „Botschafter des Miteinanders“ Salman bin Abdulaziz bin Salam bin Muhammad al Saud, an den Schaupieler Rolf Hoppe, den Sänger Peter Maffay und noch eine Handvoll andere. Man feiert sich beim zwölften Semperopernball 2017, Motto: „Dresden strahlt – grenzenlos in alle Welt“.

Eine propagandistische Meisterlüge der Nazis

Nur dem Oberbürgermeister ging es am vergangenen Freitag- und Ballabend nicht ganz so gut wie sonst: Dirk Hilbert und seine Familie stehen seit Tagen unter Polizeischutz. Der 45-jährige FDP-Politiker hat mehrere Morddrohungen erhalten. Es gab Aufrufe im Internet, vor sein Haus zu marschieren und ihn aus dem Rathaus zu prügeln. Man machte nicht einmal vor seiner Familie halt. Er wird bedroht, weil er am vergangenen Mittwoch etwas Selbstverständliches gesagt hat: „Dresden war keine unschuldige Stadt.“ Hilbert meinte die Rolle seiner Stadt im Dritten Reich: einer Stadt, die neben Barock und Pracht auch über Rüstungsbetriebe und militärische Infrastruktur verfügte. Von den Nazis war Dresden nach der schweren Bombardierung im Februar 1945 zur unschuldigen Stadt erklärt worden, die der angloamerikanische Terror willkürlich und ungerechtfertigt getroffen habe. Die Zahl der Toten wurde maßlos übertrieben, die Zerstörung der Stadt zu einem Opfermythos verklärt, den der SED-Staat im Kalten Krieg der Systeme bereitwillig weiter pflegte. Ein zählebiger Mythos, der nach der Wiedervereinigung zum Lieblingsthema aller möglichen Rechtsextremisten wurde, die jährlich zum Gedenken des „Bombenholocausts“ aufmarschierten.

Bis heute ist jene Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 eine Wunde im Gemüt, die nicht heilen will. Eine propagandistische Meisterlüge der Nazis, die sich nicht aus der Welt schaffen lässt. Bis heute halten sich Legenden, es gibt Streit, ob 32 000, 300 000 oder noch mehr Menschen 1945 in den Feuerstürmen ums Leben kamen, ob amerikanische Tiefflieger Flüchtlinge auf den Elbwiesen abschossen oder nicht. Eine Historikerkommission kam 2010 nach langer Recherche im Auftrag der Stadt zu dem Ergebnis: 23 000 bis 25 000 Tote, Tiefflieger schossen nicht auf Flüchtende. So weit die Fakten. Alles andere sei Propaganda, sagt das Militärhistorische Museum in Dresden.

Hilbert bleibt standhaft. „Es gibt für mich keinen Grund irgendeine meiner Aussagen im Nachhinein in Zweifel zu ziehen“, sagt er. Dresdens Tote sollen nicht „für eine faschistische Ideologie missbraucht werden“.

Pegida hetzt gegen Kunst

Mindestens ebenso viel Geschrei in der rechten Szene verursacht auch eine Kunstaktion vor der Frauenkirche. Dort hat am Montag der syrische Künstler Mannaf Halbouni, der seit neun Jahren in Dresden lebt, damit begonnen, drei Linienbusse hochkant aufstellen zu lassen. Ein Friedensmahnmal und eine Erinnerung an den Krieg in Aleppo soll das sein, wo Menschen in Not Busse aufstellten als Sichtschutz gegen das Feuer von Scharfschützen. OB Hilbert hält das Kunstwerk, das zwei Monate lang neben dem Lutherdenkmal auf dem Neumarkt stehen soll, für eine gute Idee, was ihm auch wieder Mordaufrufe eingebracht haben soll. Hilbert will beim diesjährigen Gedenken das vergangene Leid mit dem der Gegenwart in einen Zusammenhang bringen.

Rechte Gruppen rufen nun zum „Widerstand“ gegen das Mahnmal und andere Kunstaktionen auf. Pegida, das lokale und aus Teneriffa von einem ehemaligen Drogenhändler dirigierte Hassbündnis, redet von „Schwachsinn“ und „Missbrauch der Kunstfreiheit“.

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