+
Die Stadtfestung Hasankeyf wird nicht mehr lange über dem Tigris thronen. Aktivist Ridvan Ayhan ist traurig.

Hasankeyf

Uralte Kulturen werden überflutet

  • schließen

Die Türkei kann ein zweifelhaftes Staudammprojekt fortsetzen.

Seit Donnerstag steht fest, dass ein unersetzliches Kulturdenkmal der Menschheit in wenigen Monaten im Wasser eines riesigen Stausees versinken wird: die Stadt Hasankeyf am Tigris im äußersten Südosten der Türkei, von der manche sagen, sie sei die älteste noch bewohnte menschliche Siedlung der Welt. „Es ist eine Katastrophe“, klagt der in Deutschland lebende Umweltingenieur und Hasankeyf-Aktivist Ercan Ayboga.

Die Katastrophe ist der Beschluss des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom Donnerstag, die Klage einer Gruppe türkischer Archäologen und Intellektueller gegen die Flutung zurückzuweisen. „Der Zugang zum Kulturerbe ist von der Weltkulturorganisation Unesco längst als grundlegendes Menschenrecht festgestellt worden. Daran hätte sich das Gericht orientieren und die Mitgliedstaaten des Europäischen Rates unter Druck setzen können“, sagt Ayboga.

Hasankeyf ist eine pittoreske Felsensiedlung

Hasankeyf ist eine pittoreske Felsensiedlung aus verfallenden Wohnresidenzen und mittelalterlichen Moscheen vor der Märchenkulisse einer breiten Schlucht, die sich der Tigris durch ein uraltes Sandsteingebirge gegraben hat. Fast nirgends liegt menschliche Geschichte so dicht übereinander wie in Hasankeyf, das jetzt noch knapp 2000 Einwohner zählt. Bis vor zwei Jahren waren im Fels noch Hunderte von Höhlen zu sehen, in denen Menschen seit mehr als 12.000 Jahren gelebt haben. Die meisten Öffnungen wurden zugeschüttet, gesprengt oder zubetoniert.

Berühmt sind die Ruinen von Brückenpfeilern im Fluss, die ebenso dem Untergang geweiht sind wie der Rest der Artefakte aus alten Kulturen seit dem Neolithikum. Nur die mittelalterliche Burg wird noch aus dem Stausee ragen. Inzwischen wurde eine gewaltige Rampe aus Schutt und Beton errichtet, um sie gegen das befürchtete Absinken zu sichern. Von mindestens 400 archäologischen Stätten im Tal geht das Archäologische Amt Diyarbakir aus; erst 14 wurden erforscht.

Der Staudamm bei der inzwischen komplett geräumten Ortschaft Ilisu ist Teil des gewaltigen „Südostanatolischen Projektes“, um den armen kurdischen Südosten in die Moderne zu führen. Doch das Projekt wird von Archäologen, Umweltschützern und den Einwohnern von Hasankeyf, die bis heute überwiegend vom Tourismus leben, vehement abgelehnt. „Der Staudamm hält vielleicht 50 Jahre, aber die Kulturdenkmäler werden für immer verschwinden oder beschädigt“, sagt Ayboga.

Erdogan hält unerbittlich am Vorhaben fest

Aber die Regierung Erdogan hat unerbittlich an dem Vorhaben festgehalten: Der Damm, dessen Turbinen eine Leistung von 1200 Megawatt erbringen sollen, sei notwendig für das von Energieimporten abhängige Land. Inzwischen sei der Baukörper auch weitgehend vollendet, sagt Aktivist Ayboga. „Aber das Kraftwerk, die neue Tigrisbrücke und andere Infrastrukturprojekte sind noch nicht fertig, da immer wieder Finanzierungsprobleme auftauchen.“ Auch seien die Entschädigungszahlungen für Dutzende Dörfer, die überflutet werden, noch nicht abgeschlossen.

In Hasankeyf haben die meisten Einwohner schon lange resigniert. Mehr als zwei Drittel sind fortgezogen. Auf den Hügeln gegenüber ist eine neue Betonstadt aus rosa bemalten Hochhäusern entstanden. Dorthin wurden auch bereits einige von insgesamt sechs der bedeutendsten Baudenkmäler in aufwendigen Transporten verlagert und wieder aufgebaut, darunter das Zeynel-Bey-Mausoleum, das Artuklu-Hamam und ein berühmtes Sandsteintor. „Man sagt uns, dass wir wie bisher vom Tourismus leben können“, berichtet der kurdische Souvenirhändler Ugr Ayhan. „Aber das ist Augenwischerei. Es werden keine Touristen mehr kommen, wenn die Stadt weg ist.“

Gemessen an der Energie, die die türkische Regierung für ihr Projekt aufwendet, scheint der Ertrag in der Tat gering. Berechnungen zeigen, dass der Damm weniger als zwei Prozent des türkischen Energiebedarfs decken wird – nicht genug, sagen Kritiker, um die Zerstörung eines Ökosystems, der Kulturdenkmäler und der Lebensgrundlage von Tausenden zu rechtfertigen.

Nobelpreisträger Orhan Pamuk protestiert

Zwar protestieren Prominente wie der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, auch wurde erreicht, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz 2009 Kreditbürgschaften zu 480 Millionen Euro kündigten, weil die Türkei gegen die ökologischen, sozialen und Kulturerbe-Standards der Weltbank verstieß. Doch billiges Geld aus den USA rettete Ankara. Die im Zug des EU-Beitrittsverfahrens eingeführte obligatorische Umweltverträglichkeitsprüfung wurde per Sondergesetz für Ilisu unterlaufen, der schützende Status als Weltkulturerbe von der Regierung für Hasankeyf nie beantragt.

Schließlich ruhten alle Hoffnungen der Staudammgegner auf Straßburg. Aber der dortige Gerichtshof „ließ sich 13 Jahre Zeit, nur um jetzt zu erklären, dass er nicht zuständig ist“, erzürnt sich Ayboga. Der Europäische Rat habe den Schutz des kulturellen und natürlichen Erbes nicht zum Menschenrecht erklärt, befanden die Richter. „Sie hätten einen Präzedenzfall schaffen können. Dass sie sich so billig aus der Verantwortung ziehen, ist bitter.“

Aber noch gibt Ercan Ayboga den Kampf um Hasankeyf nicht auf: Nur im Frühjahr seien die Flutungsbedingungen optimal, weshalb dieses Jahr wohl nichts mehr passieren werde. Der benachbarte Irak habe zudem schon öfters kritisiert, dass der Damm seinen Bürgern das Wasser abgrabe. Und die Türkei sei wirtschaftlich und politisch instabil. „Niemand weiß, was in einem Jahr ist.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion