Hartmut Mehdorn tritt zurück.
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Hartmut Mehdorn tritt zurück.

Endstation für den Bahnchef

Hartmut Mehdorn - der Buhmann

Es ist Mehdorns Rache an all den Schreiberlingen und Bessersendern, von denen er, der Bahnretter, sich über Jahre hinweg verhöhnt und missverstanden gefühlt hat. Erst Fragen zur Bahn-Bilanz - dann das Rücktrittsangebot. Von Jörg Schindler und Markus Sievers (Mehr im Spezial zur Bahn-Affäre.)

Von JÖRG SCHINDLER UND MARKUS SIEVERS

Berlin. Gegen 11.45 Uhr hält Hartmut Mehdorn die Zeit für gekommen, ein wenig Lockerheit zu demonstrieren. Eine Dreiviertelstunde ist die Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bahn AG da schon alt, zu Mehdorns Rechten quält sich Finanzvorstand Diethelm Sack durch eine Daten-Litanei, der längst keiner im Saal mehr folgt, da greift sich der Chef kurz entschlossen an den Hals.

Der Krawattenknoten sitzt anscheinend zu locker, also zurrt Mehdorn daran und schaut, als würde er erdrosselt. Die Kameras klicken. Mehdorn lacht sein schiefes Robert-Mitchum-Lachen, dann reckt er den Daumen ins Blitzlichtunwetter und freut sich. Es ist ein bemerkenswerter Akt der Selbstdisziplin - wenn man bedenkt, was folgen wird.

In den Stunden zuvor hatten sich die Gerüchte im notorisch aufgeregten Berlin bereits überschlagen. Mehdorn geht!, raunte es durch die Leitungen. Merkel hat ihn fallen lassen! Der Buhmann - kurz: DB - nach zehn Jahren und etlichen Affären dann doch am Ende! Kaum zu glauben. Aber wahr?

Als der kleine Mann mit dem großen Willen dann am Montag um Punkt elf den festlichen Saal des Marriott-Hotels betritt, lässt er sich nichts davon anmerken, dass das hier sein letzter großer Auftritt werden wird. "Gott, seid ihr viele", scherzt Mehdorn, als er sich einem Heer von Fotografen gegenübersieht.

Dann setzt er sich und beginnt zu reden über die "vielen guten Nachrichten", die er aus dem Jahr 2008 hinübergerettet hat. Über Umsatz- und Passagierzahlen, über Erfolgsprämien, Schienennetze und Umweltschutz. Zehn, zwanzig, dreißig Minuten lang.

Es ist Mehdorns kleine Rache an all den Schreiberlingen und Bessersendern, von denen er, der Bahnretter, sich über Jahre hinweg verunglimpft, verhöhnt, missverstanden fühlte. Mehdorn redet, und je mehr er sagt, desto mehr Menschen im Saal fangen an, sich zu fragen, ob einer, der so selbstgefällig und fröhlich vor sich hin fabuliert, tatsächlich vorhat zu gehen.

Eine Stunde ist vorbei, als der erste Fragesteller zu Wort kommt und wissen will, ob Mehdorn sich nicht vielleicht doch zu den Rücktrittgerüchten äußern wolle. Doch, wolle er, sagt da der 66-Jährige und lächelt milde. Aber erst bitte Fragen zur Bahn-Bilanz - "Sie werden sich noch gedulden müssen".

Das gilt auch für die Eigentümer des letzten großen Staatsbetriebs, deren Geduld Mehdorn mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu strapazieren pflegte. Während der Bahnchef frohgemut über Quartalsergebnisse plaudert, müht sich ein paar hundert Meter nördlich in der Bundespressekonferenz Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, seine wachsende Verlegenheit zu überspielen.

Solange Mehdorn nicht offiziell verkündet hat, was er - vielleicht - zu sagen hat, darf Wilhelm nicht verraten, was die Kanzlerin darüber denken mag. "Haben Sie Verständnis dafür, dass wir erst einmal die Bilanzpressekonferenz abwarten müssen", bittet Wilhelm um Nachsicht und macht weiter mit Abwrackprämie, Palästina und Opel. Doch so viele Themen gibt es gar nicht, um die Zeit zu überbrücken, die Mehdorn sich nimmt.

Im Marriott-Hotel ist es viertel nach zwölf, alle Fragen zur Bahn-Bilanz 2008 sind gestellt, als der Bahnchef, noch immer bester Dinge, sich selbst "einige Anmerkungen" zum konzerneigenen "Kampf gegen Korruption" gestattet. Ein Kampf, den die Bahn - nach allem, was man bisher weiß - spätestens seit Herbst 2004 mit zunehmend fragwürdigen Mitteln führte.

In dessen Verlauf die E-Mails, die Kontakte und teils auch das private Umfeld von zigtausend Bahn-Mitarbeitern systematisch ausgeforscht wurden und der auch vor Journalisten und Bahn-Kritikern nicht haltmachte. Ein "sogenannter Skandal", sagt Hartmut Mehdorn, der Chef vom Ganzen, dazu. Und warum? Weil nichts dran sei an den Vorwürfen.

Achtmal benutzt der kantige Manager in seiner kurzen Erklärung die Formulierung, niemand in der Bahn AG habe gegen geltendes Recht verstoßen. Falsch sei, dass E-Mails "unbefugt" ausgespäht wurden. Falsch, dass der Bahnvorstand seine Mitarbeiter einer Art Rasterfahndung unterzogen habe.

Falsch auch, dass im Oktober 2007, während eines Streiks der Lokführer, elektronische Gewerkschaftspost abgefischt wurde. Rein "technische Gründe", beharrt der Bahn-Chef, hätten dazu geführt. Kurzum: "Es handelt sich hier nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmensführung und der Unternehmenspolitik."

Kein Grund eigentlich zurückzutreten. Deswegen stand Mehdorn auch Freitag, nachdem neue Details der Affäre nach draußen gedrungen waren, für einen Rücktritt auch "nicht zur Verfügung". Und am Montag?

"Ich bin ein harter Brocken", sagt der Reserve-Hauptmann ganz am Ende. Er habe sich auch persönlich "nichts Unrechtes vorzuwerfen". Die Anfeindungen zuletzt hätten jedoch auch ihn an die Grenzen des Belastbaren gebracht.

Um die "zerstörerische Debatte" für die Bahn zu beenden, habe er dem Bahn-Aufsichtsrat daher die Auflösung seines Vertrages "angeboten", sagt schließlich Mehdorn, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ein Führungswechsel in Zeiten der Krise "nicht ohne Risiko" sei. Das Wort "Rücktritt" nimmt der Vielredner des Tages kein einziges Mal in den Mund.

Drüben in der Bundespressekonferenz macht das schließlich auch den Regierungssprecher so sprachlos, dass er erst einmal schweigt. Was hat Mehdorn eigentlich genau gesagt, rätseln sie hier? Und was meint er damit? War die Sache anders verabredet? Und wenn ja: Wieso hält sich Mehdorn nicht daran? Wieder einmal ist dem Manager gelungen, die Regierung mit seinen Spielchen zu verwirren.

Selbst beim Rücktritt demonstriert er, wer die Lok führt und wer bloß als Mitfahrer geduldet wird. Fragen kann man den Eigenbrötler an diesem Tag auch nicht mehr. Mit einem Bekenntnis zu zehn Jahren, die "manchmal ein bisschen verrückt, aber immer aufregend" waren, endet sein wohl inszenierter Abgang.

Mit acht, neun Schritten ist der Hobby-Schmied, zu dessen beruflichem Glück nur ein Börsengang fehlte, draußen vor der Tür. Zurück bleibt sein Namensschild und daneben zwei Worte. Eines davon heißt "Zukunft". Hartmut Mehdorn hat sie fürs Erste hinter sich.

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