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Hart aber fair, moderiert von Frank Plasberg.

Eine Kritik

„Hart aber fair“: Unrühmlicher TV-Talk in der ARD

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Unrühmlicher ARD-Talk: Die Wahl-Amnesie nimmt weiter an Fahrt auf. In einer „Hart aber fair“-Ausgabe erklären sich Verlierer zu Siegern.

Nun ist es offiziell: Die Ära Merkel ist vorbei. Die brillante PR-Politikerin, die ihre politischen Gegner stets zu Tode umarmte, die den Grünen die Ehe für alle vom Brot klaute, die Greta von Thunberg lobte und durch ihr Interview mit LeFloid der Toast von YouTube wurde – dieses Erbe wurde in wenigen Wochen komplett begraben. Man ahnte es bereits bei der erbärmlichen Reaktion praktisch der gesamten Parteispitze auf Rezos Video. Und in den Wochen nach der Wahl verfestigt sich der Trend. Nachdem in den ersten Talkshows nach dem Debakel noch Figuren wie die Jung-CDUlerin Diana Kinnert oder der weise Altmeister Ruprecht Polenz ein neues Gesicht der Partei und vor allem einen neuen Tonfall zeigen durften, sind seitdem wieder die Wadenbeißer gefragt: Amthor, Söder und nun Tilman Kuban, seines Zeichen Bundesvorsitzender Junge Union, denken gar nicht an Demut oder Lernwilligkeit. Statt dessen ist die alte Arroganz der Kohl-Jahre wieder da: Wahrheit, Wähler, Wirklichkeit – wen interessiert das alles schon?

Kuban zeigt, wie diese Republik zugrunde gehen könnte: Mit einem hochmütigen, schwitzigen Grinsen, während man andere demokratische Parteien beschädigt und mit dem rechten Rand liebäugelt. Sein direkter Vergleich der Grünen mit der AfD ist der Aufreger des Abends – und eine unerträgliche Dummheit. Seine kindische Begründung: Beide Parteien spielen mit der Angst der Wähler, und „am Ende sind sie sich sehr ähnlich“. Das wäre einer dieser Momente, wo man als Grünen-Vorsitzende einfach mal das Studio verlassen und das Zitat wirken lassen sollte.

Angriffe  ohne jede Logik oder Selbstreflexion

Der eigentliche Skandal aber sollte nicht ein erneuter, nur noch semi-demokratischer Tritt ins rechte Fettnäpfchen eines prominenten CDUlers sein. Das eigentlich erschreckende ist, dass Frank Plasberg und seine anderen Gäste solche unrühmlichen Sprüche nicht nur gewähren lassen, sondern auch noch mit einstimmen. Die Schriftstellerin Juli Zeh, die trotz allen Gegenwinds verzweifelt ihre rosarote SPD-Brille aufbehalten möchte, geht sogar fast noch einen Schritt weiter in ihrer delirösen Wahl-Analyse: Die Menschen im Osten wollen einen grünen Kanzler vermeiden und wählen daher „das genaue Gegenteil“. Moment – hat sie gerade die Grünen für den Aufstieg der AfD verantwortlich gemacht?!

Auf diesem Niveau bewegt sich eine Sendung, die man nur mit dem amerikanischen Begriff des „hatchet jobs“ beschreiben kann: Ein Angriff auf die grünen Positionen, entgegen aller Fakten oder Umfragewerte, ohne jede Logik oder Selbstreflexion. Dass die beiden großen Volksparteien sich in ihrem Grünen-Bashing nichtmal darauf einigen können, ob die Grünen genauso oder das Gegenteil der AfD sind – egal. Dass sie den Grünen erst vorwerfen, zu wenig über Personalien und nur über Inhalte reden zu wollen, bevor sie ihnen genau das Gegenteil vorwerfen – was soll's. Dass Plasberg geschlagene zehn Minuten damit zubringt, eine bundesweite Angst vor einem grünen Kanzler heraufzubeschwören, die offensichtlich niemand mit ihm teilt – schwach. Dass alle Gäste die bayerische Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze zwingen möchten, sich hier und jetzt, zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl, für eine der Doppelspitzen-Kanzlerkandidaten zu entscheiden, mit der absurden Begründung „Das wollen die Wähler doch auch wissen!“ und „Jetzt sagen Sie doch endlich mal, für wen von beiden Sie sind!“ - erbärmlich. Die Sendung wurde von der Frauenfußball-WM (vielleicht dem grünsten Sport, der derzeit live übertragen wird) nach hinten verdrängt und verkürzt – aber sie dauerte immer noch zu lange.

Der Kabarettist Florian Schroeder sieht sich als Stimme der Vernunft, hätte in dieser Funktion aber die halbe Sendung mit Schreien und Haareraufen verbringen sollen, anstatt, wie getan, viel zu selten mal vorsichtig anzumerken, dass die Sorge über dem bevorstehenden, wissenschaftlich belegten, katastrophalen Klimawandel vielleicht nicht ganz gleichzusetzen ist mit dem Schüren irrationaler Fremdenfeindlichkeit. Und die „Welt“-Journalistin Claudia Kade stichelt anfangs mit durchaus berechtigten Spitzen in Richtung der Grünen, nur um dann staunend und schweigend danebenzusitzen, wie Zeh und Kuban sich in ihren unlogischen Verrenkungen austoben.

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Aber am gruseligsten wirkt das Versagen von Plasberg und seiner Redaktion. Schon der Sendungstitel „Beim Klima prima – aber was wollen die Grünen noch alles?“ klingt nach genervter Herablassung. Zu keinem Zeitpunkt will der Moderator mal einschreiten und die GroKo-Vertreter, die sich hier als integere Underdogs gegen das übermächtige grüne Establishment gerieren, daran erinnern, dass sie erstens in der Regierung sind und zweitens nicht der Hauch einer Alternative bei den wahl-entscheidenden Fragen parat hatten und haben. Nie kommt er auf die Idee, Kuban nach seinen Rechts-Links-Aussetzern mal zu fragen, ob er selbst wohl auch lieber mit der AfD als mit den Grünen koalieren will, wie das gerade einige seiner Parteifreunde verkündet haben. Dass Plasberg vielleicht selbst darauf kommen könnte, dass es angesichts der Führungs-Eskapaden bei SPD und CDU hochgradig ironisch ist, dass diese beiden Fraktionen nun die Grünen wegen ihrer Personalpolitik beschimpfen – das wäre vermutlich zuviel verlangt.

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Und so tobt die Irrationalität ungebremst durch die Runde: Kuban versucht erst die Grünen als polemische Partei ohne Lösungsideen hinzustellen. Als dann die Statistik kommt, dass die Ideen der Grünen bei doppelt so vielen Wählern Resonanz finden wie die seiner eigenen Partei, beklagt er plötzlich, dass insgesamt viel zu wenige Menschen überhaupt noch an Lösungen aus der Politik glauben. „Daran müsste man doch mal was machen!“, poltert er. Stimmt. Aber Moment, wäre das nicht buchstäblich die Aufgabe seiner Partei, die Menschen von ihren Lösungen zu überzeugen? Hauptsache poltern, ist wurscht, gegen wen.

Es ist ein Irrenhaus ohne Wärter: Zeh schwärmt inzwischen von ihrem Blick durch die SPD-Brille in die rosarote Zukunft, wo „jetzt so bauchgefühlmäßig der ganze Hype um die Grünen verpuffen“ wird. Und Kuban stürzt sich auf Detailprobleme bei den Energieplänen der Grünen – will ihn da keiner darauf hinweisen, dass die CDU sich seit Jahren weigert, überhaupt einen Energieplan zu machen? „Beim Thema Nachhaltigkeit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, bringt der Mann von der CDU die beste Pointe des Abends, aber da ist die Sendung schon soweit aus dem Ruder gelaufen, dass man gar nicht mehr weiß, ob man lachen oder weinen soll. Fürs Protokoll: Kurz vor der Wahl hat eine Umfrage ergeben, dass ganze 3% der Bevölkerung der CDU Kompetenz in Sachen Klima- und Naturschutz zutrauen. Bloß weil man alleine steht, ist das kein Alleinstellungsmerkmal.

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Man fühlt sich wie in Orwells „1984“: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, und Unwissenheit ist Stärke. Oder in diesem Fall: Geschlossenheit ist Schwäche. Gute Umfragewerte sind ein klares Zeichen für den bevorstehenden Niedergang. Die Opposition trägt die Verantwortung für die schlechte Regierungspolitik. Das Klima ist das wichtigste Thema der Wähler und der Titel dieser Sendung - die aber kein Wort darüber verliert. Die Linken sind schuld am Aufschwung der Rechten. Die einzige Partei mit stabiler Führungsspitze wird für unentschiedene Personalpolitik beschimpft. Und die Wahlverlierer haben natürlich alles richtig gemacht und dürfen sich in ihren Erfolgen sonnen.

Die Aufgabe dieser Politsendungen innerhalb des demokratischen Systems ist es, Klarheit in solche Komplexitäten zu bringen. Plasberg hat der Demokratie heute einen Bärendienst erwiesen. Als seine Kollegin als „Überblick“ der Zuschauermeldungen ausschließlich Grünen-kritische Kommentare vorliest, bis hin zu Verschwörungstheorien über „grüne Lehrer“, die der leicht zu beeindruckenden Wahljugend den Geist vergiftet hat, da wähnt man sich dann wirklich im „Ministerium für Wahrheit“: das Volk denkt das, was wir sagen, dass es denkt. Wer braucht schon Umfragewerte oder Wahlergebnisse? Die Wahl-Amnesie, sie ist in vollem Schwung.

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