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hart aber fair: Frank Plasberg hatte Uwe Jung von der AfD zu Gast. 

Hass als Geschäftsgrundlage

„Hart aber fair“: AfD-Politiker darf am längsten reden, WDR-Rundfunkrat schaltet sich ein

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"Hart aber fair" in der ARD: AfD-Mann Uwe Junge bekommt viel Redezeit. Jetzt schaltet sich der WDR-Rundfunkrat ein.

Update, 3. Juli, 16:23: Die Diskussion um AfD-Mann Uwe Junge ebbt nicht ab. Nachdem Zuschauer Moderator Frank Plasberg bereits vorgehalten hatten, Junge nicht kritisch genug hinterfragt zu haben, sollen auch ARD-Redakteure nach "Bild"-Informationen den nachsichtigen Umgang mit Junge kritisiert haben. Er sei von Plasberg "nicht aggressiv genug" angegangen worden sein. 

Laut "Bild" hat Junge von den 75 Minuten der Sendung die meiste Redezeit erhalten. Kritisch sah auch Sendungsgast und Grünen-Politikerin Irene Mihalic den Auftritt: "Es ist sehr viel Sendezeit für Fragen an Herrn Junge verwandt worden. Ich glaube aber, dass er zur eigentlichen Frage, wie wir den Rechtsextremismus erfolgreich bekämpfen können, nichts beitragen konnte." 

Kirchentagspräsident und SZ-Journalist Hans Leyendecker hält es für notwendig, dass politische Talksendungen auch AfD-Vertreter zu Wort kommen lassen. Eine Talkshow sei kein Kirchentag, schreibt Leyendecker in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung". "Eine Talkshow, die niemals einen Vertreter der größten Oppositionspartei einladen würde, wäre eine noch komischere Veranstaltung, als sie es in den Augen vieler Kritiker ohnehin schon ist." 

Medienwächter alarmiert

Update, 18:50 Uhr: Der Auftritt des AfD-Politikers Uwe Junge in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ hat die Medienwächter alarmiert. Der WDR-Rundfunkrat wird sich in seiner nächsten Sitzung am Freitag im Wallraf-Richartz-Museum in Köln aller Voraussicht nach mit der vielfach kritisierten Einladung des Rechtspopulisten in Frank Plasbergs Show beschäftigen. „Ich gehe sehr stark davon aus, dass das Thema in der Sitzung angesprochen wird“, sagte Claudia Reischauer, die Geschäftsführerin des Kontrollgremiums, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auch WDR-Intendant Tom Buhrow werde an der Sitzung teilnehmen.

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Update, 16.50 Uhr: Wer kam bei der ARD-Sendung „Hart aber fair“ am häufigsten zu Wort? Das Nachrichtenportal watson.de hat die Redebeiträge der Talkgäste ausgewertet. Danach kam der rheinland-pfälzische AfD-Vorsitzende Uwe Junge mit 15:20 Minuten auf den größten Redeanteil. Die anderen Talkgäste kamen dagegen sehr viel seltener zu Wort. Journalist Georg Mascolo kam auf 9:47 Minuten, Herbert Reul, CDU-Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, auf 7:20 Minuten, Anwalt Mehmet Daimagüler auf 7:14 Minuten und Grünen-Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic auf 5:37 Minuten.

Die Redaktion der ARD-Sendung erklärte den deutlich höheren Redeanteil des AfD-Politikers mit der Zusammensetzung der Gäste. Es habe inhaltlich eine klare 1:4-Konstellation gegeben, was dazu geführt habe, dass Herr Junge nicht nur vom Moderator, sondern regelmäßig auch von den anderen Diskussionsteilnehmern direkt adressiert worden sei. „Grundsätzlich möchten wir betonen, dass die Gesprächsführung natürlich Aufgabe des Moderators ist, wir unsere Gäste im Vorfeld aber stets dazu motivieren, auch selbst das Wort zu ergreifen“, teilte die „Hart aber fair“-Redaktion gegenüber watson.de mit.

„Hart aber fair“: Wieder eher Tribunal als eine Talk-Runde

Vor fünf Tagen forderte der AfD-Abgeordneten Martin Hess im Bundestag, sich angesichts des Lübcke-Mordes nicht immer nur auf den Rechtsextremismus und die AfD zu konzentrieren, sondern auch den linken und den islamischen Terrorismus im Auge zu behalten, sowie den unverantwortlich scharfen Tonfall einiger SPD-Abgeordneter. Man solle doch zu einer Debattenkultur zurückkehren, die „hart in der Sache, aber fair im Umgang ist“.

Ob sich Plasberg von dieser Quasi-Erwähnung inspirieren ließ, ist unbekannt. Aber es dürfte klar sein, dass dies nicht die Debatte war, die sich die AfD derzeit wünscht. Wie in der letzten Sendung ähnelte es auch diese Woche eher einem Tribunal als einer Talk-Runde – diese Woche dankbarerweise mit etwas mehr Substanz und weniger Logikdrehern.

„Hart aber fair“ in der ARD: Junge präsentiert sich als gemäßigter AfD-Mann

Auf der einen Seite saßen also der NRW-Innenminister Herbert Reul von der CDU, die innenpolitische Sprecherin der Grünen Irene Mihalic, der Strafverteidiger Mehmet Daimagüler und der Journalist Georg Mascolo. Auf der anderen Seite, passenderweise am rechten Rand, saß der Vorsitzender der AfD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz Uwe Junge, mit trotziger Deutschlandfahnen-Anstecknadel am Revers.

Man muss sagen, dass es schon weit unfähigere AfD-Gäste in Talkshows gegeben hat: Junge präsentiert sich als Anhänger des gemäßigten Flügels, der so tut, als würde er den ganzen Wirbel um seine „bürgerliche Rechtsstaatspartei“ überhaupt nicht verstehen. Er bedient sich der gleichen argumentativen Taktik wie Martin Hess – auf andere zeigen, die angeblich genauso schlimm sind; sich selbst zum Opfer erklären; vage Ablehnung gegenüber radikalen Mitglieder seiner Partei äußern – und eine Zeitlang wirkt es zumindest so, als wäre er tatsächlich eher tragisch naiv anstatt absichtlich brandstifterisch.

ARD-Talk: Anwalt Daimagüler hat seine Fakten parat

Aber Plasberg lässt ihn sich nicht so leicht aus der Affäre ziehen („So ein Hass fällt ja nicht vom Himmel“), und die anderen Gäste sind gut vorbereitet. Vor allem Daimagüler hat seine Fakten parat. Als Junge die Hetze und den Hass auf einige wenige verstreute Facebook-Anhänger schiebt, die schnell aus der Partei ausgeschlossen werden, führt ihm der Anwalt einen ganzen Katalog der AfD-Provokationen vor: Die Parteifreunde, die Rechtextremismus als „Vogelschiss“ bezeichnet haben; der AfD-Abgeordnete im Bayerischen Landtag, der bei einer Schweigeminute für Lübcke demonstrativ als einziger sitzen geblieben ist. Und die Wahl von Doris von Sayn-Wittgenstein zur AfD-Landesvorsitzenden in Schleswig-Holstein, obwohl sie schon einmal aus der Landesfraktion ausgeschlossen wurde und ein Parteiausschlussverfahren des Bundesverbandes gerade noch gegen sie läuft, weil sie früher einen rechtsextremistischen Verein unterstützt haben soll.

Das Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD hat 486 Seiten

Das sind weder Einzelfälle noch irgendwelche kleinen Facebook-Follower, kann Daimagüler schnell herleiten. Das Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD hat 486 Seiten. Der Fisch stinkt vom Kopf her. „Der Hass ist nicht ein Phänomen in ihren Reihen, der Hass ist Ihre Geschäftsgrundlage.“ Daimagüler ist es auch, der Junge selbst bloßstellt, mit Tweets und Zitaten, die dann keinen Spielraum mehr lasen für vermeintliche Naivität. Einmal schreibt Junge von allen „Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtiger, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur“, die man eines Tages „zur Rechenschaft ziehen“ sollte. Ein andermal hat er eine Vorliebe für den Kampfbegriff „Volksverräter“ oder bezeichnet Merkels Flüchtlingspolitik als „den größten Rechtsbruch seit dem Zweiten Weltkrieg“. „Das ist.... interpretationsfähig“, muss Junge zugeben. Warum er trotz aller Distanzierungsbeteuerungen von rechtsextremen Elementen Tweets veröffentlicht, die als Hetze interpretiert werden können, kann er nie erklären.

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Und je weiter die Sendung fortschreitet, desto mehr verstrickt sich Junge in offensichtliche Denkfehler. Er hebt linken und islamistischen Terror hervor, aber sobald es um rechte Terror geht, gibt er zu Protokoll: „Aber es ist ja egal, ob es ein Linksextremist oder ein Rechtsextremist war“. Und als es um den AfD-Provokateur Wolfgang Gedoen geht, jammert er: „Nehmen Sie ihn mit. Nehmen Sie ihn aus der Partei heraus.“ Es folgt ein Lament, dass die bisher von ihm als effektive Lösung vorgebrachte Parteiausschlussverfahren extrem schwierig ist. Seine Mitgäste wetteifern inzwischen um das knackigste Verdammungszitat. Daimagüler hat mit Sätzen wie „Das sind keine Meinungen, das sind Verbrechen“ und „Das ist nicht bürgerlich, das ist nicht konservativ, das ist einfach nur schäbig“ auch hier meistens die Nase vor. Aber auch Mascolo („Wenn es um Gewalt geht, beginnen Sätze niemals mit „Ja, aber...““) bringt ein paar prägnante Sätze unter.

Ärgerliche Aussetzer von Plasberg und seiner Redaktion

Natürlich gibt es auch diese Woche so ein paar ärgerliche Aussetzer von Plasberg und seiner Redaktion. Wieder einmal wird eine absurde Kausal-Umkehrung nicht nur geduldet, sondern von Plasberg selbst wiederholt: Die Behauptung, dass der rechte Terror deswegen so lange unerkannt und unbekämpft geblieben ist, weil der Verfassungsschutz mit dem massiven Islamismusproblem alle Hände voll zu tun hatte, ist ähnlich glaubhaft wie eine Mordkommission, die ihre miserable Aufklärungsquote mit all den Brandstiftungen erklärt. Nicht nur sollten beiden Themenfelder gänzlich unabhängig voneinander sein, sondern man darf auch erwarten, dass sowohl Mordkommission als auch Verfassungsschutz entsprechend ausgerüstet werden, um ihre verdammte Hauptaufgabe zu erledigen, anstatt sich über widersprüchliche Prioritäten zu beklagen.

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Überhaupt schließt sich Plasberg der Eindeutigkeit seiner Gäste nicht an sondern hofft abschließend auf eine „Selbstüberprüfung“ der AfD, praktisch eine stille Einkehr mit Schuldeingeständnis und verändertem Verhalten. Viel Glück dabei. Ach ja, und Plasbergs Frage an Mehmet Daimagüler, der ja immerhin Nebenkläger-Anwalt im NSU-Prozess ist, ob der Lübcke-Fall seinen Blick auf die Republik verändert hat, wirkt auch unfreiwillig komisch: Der türkischstämmige Anwalt lebt seit Jahren im Fadenkreuz der Rechtsradikalen, den wird nach der rechtsradikalen Mordserie, der Vertuschung und dem Mitwirken von V-Lauten vermutlich kein Detail am Lübcke-Mord wirklich überrascht haben.

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Die Sendung wird abgeschlossen mit einer Diskussion über die unrühmliche Rolle der Behörden beim rechten Terror – und die Gäste geben weiterhin das gleiche Bild ab: Mihalic und Mascolo erklären die jüngsten Vorkommnisse um rechte schwarze Schafe bei der hessischen Polizei und beim SEK. Und Junge sorgt wieder für Kopfkratzen mit haarsträubenden Sätzen wie „Bloß weil die Ergebnisse einem nicht gefallen, sollte man nicht die Leistungen des Verfassungsschutzes in Frage stellen“. Auch mit so einem Unsinn lässt Plasberg ihn letztlich unkommentiert durchkommen – als gäbe es Fleißnoten für Verfassungsschutz. Reul wirkt derweil überraschend hilflos: „„Es hilft ja auch keinem, jetzt zu sagen: Da ist ein bisschen zu viel oder ein bisschen zu wenig gemacht worden.“ Und Daimagüler prägt mal wieder den besten One-Liner mit seiner trockenen Bemerkung, der Staat wäre zwar auf de rechten Auge nicht blind, hätte aber „einen Grauen Star im fortgeschrittenen Stadium“. 

Die letzte Kriminalstatistik gibt ihm recht: Während die als „Gewalttaten“ eingestuften Verbrechen auf beiden Seiten im letzten Jahr gleich zahlreich waren, sind das im Linksradikalismus vor allem Delikte wie Brandstiftung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Körperverletzungen waren im rechten Spektrum dreimal so häufig wie im linken. Und während es links kein einziges versuchtes Tötungsdelikt gab, verzeichnet man rechts ganze sechs. Gemordet wird rechts.“

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