+
Bürger in Sidon verfolgen Hariris Fernsehansprache.

Libanon

Hariri gibt auf

  • schließen

Premier kündigt nach massiven Protesten gegen die Regierung seinen Rücktritt an.

Knapp zwei Wochen lang hatten Hunderttausende Libanesen den Rücktritt ihrer Regierung und eine grundlegende Reform des politischen Systems gefordert. Am Dienstag zog Premierminister Saad Hariri die Konsequenzen. Er lege sein Amt nieder im Interesse der Nation, sagte der 49-Jährige in einer kurzen Fernsehansprache und fügte hinzu, es sei Zeit, einen großen Schock zu provozieren, um sich der Krise zu stellen. Von den Demonstranten in den Straßen wurde sein Rücktritt mit Jubel aufgenommen. Menschen umarmten sich und teilten Süßigkeiten an Umstehende aus.

Seit 13 Tagen begehren hunderttausende Bürger im ganzen Land gegen ihre korrupten und unfähigen politischen Eliten auf, die den Libanon in Grund und Boden gewirtschaftet haben. „Wenn wir sagen, alle müssen gehen, meinen wir alle“, skandierte die Menge, die mit Sit-Ins immer wieder wichtige Verkehrsadern Beiruts blockiert.

Am Wochenende hatten die Menschen eine 170 Kilometer lange Menschenkette gebildet, die von der Stadt Tripoli im Norden über Beirut bis nach Tyros im Süden reichte. Damit wollten sie unterstreichen, dass die Forderungen nach einem grundlegenden Staatsumbau von allen Teilen der Gesellschaft getragen werden, gleichgültig welcher Religion oder Ethnie sie angehören. Ausdrücklich miteinbezogen in die Rücktrittsforderungen sind auch die Vertreter der Hisbollah, die vom Iran finanziert wird und die wegen ihrer bewaffneten Milizen seit Jahrzehnten einen Staat im Staate bildet.

Die Hisbollah jedoch ist nicht bereit, dem Druck der Straße nachzugeben. Ihr Chef Hassan Nasrallah warnte am vergangenen Freitag in einer TV-Ansprache ausdrücklich vor einem Rücktritt der Regierung. Dieser könnte das Land in einen neuerlichen Bürgerkrieg stürzen. Zugleich ließ er demonstrativ eine Kolonne von Motorradfahrern mit Hisbollah-Flaggen durch die Straßen kreuzen, um Kritiker einzuschüchtern. Im Iran, der Schutzmacht der Hisbollah, gehören Angriffe auf Regimegegner durch Motorrad-Rowdys zum üblichen Repertoire staatlicher Repression.

Am Dienstag kurz vor dem Rücktritt Hariris fiel zudem ein Mob schwarz gekleideter Hisbollah-Schläger auf dem zentralen Märtyrer-Platz von Beirut über das Protest-Camp her, riss die Zelte nieder und verprügelte die Menschen. Bereits eine Stunde später jedoch kehrten die friedlichen Demonstranten auf den Platz zurück, räumten die Trümmer beiseite und riefen über die sozialen Medien die Bevölkerung für den Abend zu einer Großkundgebung auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion