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Hans-Dietrich Genscher, "der mit den Ohren"

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Von: Thomas Kröter

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Da war die Welt noch in Ordnung: Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit Kanzler Helmut Schmidt im Jahr 1980. Kurz darauf erfolgt der Wechsel zu Kohl.
Da war die Welt noch in Ordnung: Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit Kanzler Helmut Schmidt im Jahr 1980. Kurz darauf erfolgt der Wechsel zu Kohl. © dapd/Mark Keppler

Der ewige Diplomat und Architekt der deutschen Einheit, Hans-Dietrich Genscher, wird heute 85 Jahre alt. Die FDP prägt er noch immer. Doch er muss auch deutlich kürzer treten. In wenigen Tagen muss sich Genscher einer Herz-Operation unterziehen.

Der ewige Diplomat und Architekt der deutschen Einheit, Hans-Dietrich Genscher, wird heute 85 Jahre alt. Die FDP prägt er noch immer. Doch er muss auch deutlich kürzer treten. In wenigen Tagen muss sich Genscher einer Herz-Operation unterziehen.

Das Bild ist eine Ikone deutscher Nachkriegsgeschichte. Hans-Dietrich Genscher im Licht von Scheinwerfern auf dem Balkon des Palais Lobkowicz in Prag. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise heute ...“, hebt der deutsche Außenminister an. Der Rest geht im Jubel der Menschen unter, die seit Tagen in der deutschen Botschaft campiert haben. Es ist der Abend des 30.?September 1989.

Noch steht die Mauer. Aber seit Ungarn seine Grenzen geöffnet hat, ist sie durchlässig geworden. Doch weil die Gesetze der DDR noch gelten, brauchen ihre Bürger in Prag etwas sehr Deutsches: Einen letzten Stempel des Staates, den sie verlassen wollen, in ihrem Pass.

Der historische Satz des bundesdeutschen Außenministers ist das Ergebnis komplizierter Verhandlungen, die er unter anderem bei den Vereinten Nationen in New York geführt hat. Erst am 9. November wird SED-Politbüromitglied Günter Schabowski das neue Reisegesetz und das faktische Ende der DDR bekannt geben.

Genscher hält den Weltrekord im Außenamt

„Der Kreis schließt sich“, hat Genscher das Kapitel über die Prager Fensterszene genannt und an den Anfang seiner „Erinnerungen“ gestellt. Als sie 1995 veröffentlicht werden, ist der hartnäckigste Außenminister der Welt seit drei Jahren nicht mehr im Dienst. Er hat die Wiedervereinigung mitgestaltet. Was sollte noch kommen für einen, der 1952 seine Heimat Halle verließ und in den Westen ging? Nach 18 Jahren als Außenminister tritt er 1992 zurück. Weltrekord bis heute.

Schuld gewesen sei der Ötzi, scherzt Genscher später, der Eiszeitmensch. Wieder aufgetaut habe er gefragt: „Ist der Genscher immer noch Außenminister?“ 23 Jahre hat der FDP-Politiker der Bundesregierung angehört, 33 Jahre dem Bundestag. Heute ist er 85 Jahre alt geworden.

Die meiste Zeit davon hat er, wenn die Bilder nicht lügen, einen Pullunder getragen. Gelb. Sein Markenzeichen. Die Farbe der FDP.

Seit inzwischen 60 Jahren ist Genscher Mitglied (die Zugehörigkeit zur LDPD nach dem Krieg im Osten nicht eingerechnet). „Der mit den Ohren“ – den Spitznamen hat ihm Herbert Wehner verpasst, der Sozialdemokrat. Wegen seiner Physiognomie, aber auch wegen seines politischen Spürsinns. Finesse hat ihm sein französischer Amtskollege Roland Dumas bescheinigt. Zu Deutsch: Scharfsinn, Geschick, (Hinter-)List.

Dies Gespür verhalf Genscher zu einem unter Politikern beispiellosen Sinn für Timing: Anders als Konrad Adenauer, Helmut Kohl, selbst Willy Brandt wusste er, wann seine Zeit in einem Amt ausgeschöpft war. Er ging, als er es wollte; nicht als andere ihn drängten.

„Meine Heimat bleibt Halle“, betont er. Ein Rest heimischen Idioms färbt seine Sprache bis heute. Aber die Herkunft lebt vor allem in der Erinnerung. Das Geburtshaus in Reideburg beherbergt heute eine Bildungsstätte zur Einheit. Genschers politische Heimat wird Bonn. Doch ist für ihn klar: Politisches Zentrum Deutschlands muss Berlin sein.

GSG 9 nach dem Terrorakt von München aufgebaut

Sein Aufstieg in Bonn beginnt 1956 als wissenschaftlicher Assistent der FDP-Bundestagsfraktion. Seine Bewährungsprobe erlebt er als Innenminister 1972. Während der Olympischen Spiele in München nehmen palästinensische Terroristen elf israelische Sportler als Geiseln. Genschers Angebot, sich als Geisel zur Verfügung zu stellen, schlagen sie aus. Die anschließende Befreiungsaktion wird zum Desaster, bei dem 17 Menschen sterben. Als Konsequenz gibt der Innenminister den Auftrag zur Einrichtung der Anti-Terror-Einheit GSG 9.

Zwei Jahre später folgt der Wechsel, der aus einem wichtigen einen Ausnahmepolitiker machte: Genscher übernimmt das Auswärtige Amt – nicht wegen seiner Qualifikation, sondern weil er der Stärkste ist in seiner Partei, deren Vorsitz er 1974 ebenfalls übernimmt. Wie immer arbeitet er sich schnell ein und wächst mit den Aufgaben.

Erst mit dem Sozialdemokraten Helmut Schmidt, später mit dem Christdemokraten Helmut Kohl bildet er ein ideales Gespann. Wie der Diplomat Hans-Dieter Heumann in seiner Biografie herausarbeitet, wetzt er dabei auch Fehler aus, die von den Kanzlern bei ihren Partnern in aller Welt angerichtet wurden. In aller Diskretion. So ist sein Stil.

Mag Genschman, wie das Satiremagazin Titanic ihn nennt, auch zunehmend eine politische Sprache pflegen, die für den diplomatischen Laien nahe an Inhaltsleere ist – unter seinesgleichen redet er Klartext. Unter den politischen Freundschaften ragt jene zu Eduard Schewardnadse heraus. Gemeinsam mit Michail Gorbatschows Außenminister ebnet er die Wege zur Einheit, die machtpolitischen Erwägungen der Partner denkt er stets mit.

Wille zum Leben

Innenpolitischer Machtpolitiker ist Genscher mindestens so sehr wie Diplomat. Als Willy Brandt über den Kanzleramtsspion Günter Guillaume stürzt, tut er nichts, um ihn zu stützen. Als Helmut Schmidt im Streit um den Nato-Doppelbeschluss die Unterstützung seiner SPD verliert, bereitet Genscher gemeinsam mit Otto Graf Lambsdorff kühl die Wende vor und wird Helmut Kohls zuverlässiger Partner in der Koalition mit der Union.

Wichtiger noch als die Prägung durch das Hallenser Bürgertum dürfte eine traumatische Jugenderfahrung sein: 1946 erkrankte er an Lungentuberkulose. Sein Überleben hänge zur Hälfte von seinem Willen ab, sagte der Arzt. Und seinem Fleiß. Genscher absolvierte ein Jurastudium in sechs Semestern. „Ich habe einfach gern gearbeitet“, sagt er. Später erfand er das Arbeitsfrühstück. Sein britischer Amtskollege Peter Carrington stöhnte, er werde wohl noch den Arbeitsschlaf kreieren. Derzeit braucht Hans-Dietrich Genscher eher Heilschlaf. In der Woche nach dem Geburtstag muss er sich einer Herzoperation unterziehen. Wieder einmal kommt es auf den Willen an. Er ist ja erst 85.

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