+
Hans-Dietrich Genscher 2014 bei einer Talkshow in Berlin.

Nachruf

Hans-Dietrich Genscher ist tot

  • schließen

Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist tot. Der FDP-Politiker verstarb im Kreise seiner Familie 89-jährig bereits am Donnerstag an Herz-Kreislaufversagen.

Das Brandenburger Tor – wie hat er den Blick darauf geliebt... Deshalb gab es für Hans-Dietrich Genscher keine Alternative zum Hotel „Adlon“, wenn sein auch im hohen Alter unruhiges Leben ihn nach Berlin führte. Ein Tastendruck auf die Fernsteuerung am Bett, die Vorhänge vor dem Fenster schoben sich beiseite und eröffneten schon am frühen Morgen den Atem beraubenden Blick auf die Konstruktion aus Elb-Sandstein, gekrönt von der kupfernen Quadriga. Der prominente Gast brauchte nicht zu fragen. Selbstverständlich bekam er eins der raren Zimmer zum Pariser Platz hin. Denn wie Helmut Kohl ihr Kanzler war Genscher der Außenminister der deutschen Einheit.

Genscher und Kohl – ein ganz besonderes Verhältnis. Politisch. Persönlich. Gut zwei Jahrzehnte haben der Christdemokrat und der Liberale gemeinsam die deutsche Politik geprägt. Nach innen wie nach außen. Geduzt haben sie einander. Aber Freunde sind sie darüber nicht geworden. Dazu waren beide zu misstrauisch – und zu sehr auf ihren Nachruhm bedacht, auch wenn Genscher nicht so häufig von der „Gechichte“ sprach, wie Kohl in seinem Pfälzer Tonfall. Als erfahrener Politiker wusste der Außenminister, dass der Kanzler ihm qua Amt immer eine Nasenlänge voraus war. Gewurmt hat es ihn trotzdem.

So argumentierte er, längst im aktiven Ruhestand, beharrlich gegen die „Geschichtsklitterung“, Kohl habe als Preis für die Akzeptanz der deutschen Einheit in Europa die Währungsunion propagiert. Schon 1988, also ein Jahr vorher, habe er sie mit einer im Auswärtigen Amt formulierten Denkschrift angestoßen. Darauf bestand Genscher. Doch mehr als die Debatten der Fachwelt erreichte er damit jedoch nicht.

Ob ihm die Wertung des Historikers Gerhard A. Ritter ausgereicht hat, das Bild Kohls als des wichtigsten Gestalters im Prozess der deutschen Wiedervereinigung, müsse zwar  „nicht ersetzt, aber doch wesentlich ergänzt und differenziert werden durch die  Verdeutlichung der mitentscheidenden Rolle Genschers und des Auswärtigen Amtes?“ Wir werden es nicht mehr erfahren.

Hans-Dietrich Genscher hatte sie schon fast 40 Jahre früher verlassen – mit 25 Jahren. Als Jurist, der er werden wollte, obendrein mit liberalem Gedankengut im Kopf, sah er keine Zukunft für sich in der DDR. Aber es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt so alt geworden ist. Als 19-jähriger war er an Tuberkulose erkrankt. Er müsse kämpfen, schärfte ein Arzt ein, nicht sich hängen lassen wie die Patienten in Thomas Manns „Zauberberg“. Genscher sollte der Rat als „Leitfaden fürs Leben“ dienen.

Haften geblieben von daheim ist auch der näselnde Singsang seiner Sprache. „Halle bleibt meine Heimat“, pflegte er zu sagen. Zurückgekehrt ist er dennoch nicht – auch als es möglich war. In seinem Geburtshaus ist heute eine Bildungsstätte zur deutschen Einheit untergebracht. Aber die Herkunft aus Mitteldeutschland sollte den emotionalen Kern seines Engagements in der Deutschlandpolitik befeuern.

Nach Stationen in Berlin, Bremen und Hamburg ließ der junge Jurist sich schließlich in Bonn nieder, wo seine politische Laufbahn 1956 mit einem Job als wissenschaftlicher Assistent in der FDP-Bundestagsfraktion begann. Schon bald führte er ihre Geschäfte, später auch die der Partei. 1965 war er Bundestagsabgeordneter, 1969 Innenminister der sozialliberalen Koalition. Ein rasanter Aufstieg.

Mit dem ersten großen Erfolg in der Politik kam auch, was er sein Leben lang als „Tiefpunkt“ seiner politischen Laufbahn werten sollte: Während der Olympischen Spiele in München nahmen palästinensischen Terroristen elf israelische Sportler als Geiseln. Die Befreiungsaktion – ein Desaster: 17 Menschen starben. Genschers Angebot, sich als Geisel zur Verfügung zu stellen, hatten die Terroristen abgelehnt. Aus der Katastrophe zog er einen Schluss, der als bleibende Leistung des Innenministers in die Geschichte der Republik eingehen sollte: Er gab den Auftrag zur Gründung der Antiterroreinheit GSG 9.

Im Machtgefüge seiner Partei war er danach  eindeutig die Nr. Zwei, der weitere Aufstieg vorgezeichnet. Als Walter Scheel 1974 ins Bundespräsidialamt wechselte, wurde  Hans-Dietrich Genscher sein Doppelnachfolger - als FDP-Vorsitzender, als Außenminister. Es gab einige Zweifel, ob der gelernte Macht- und Innenpolitiker im Auswärtigen Amt reüssieren würde. Aber er stürzte sich mit der ihm eignen Energie in das neue Gebiet, das ihn von einem fähigen Politiker unter vielen zum Staatsmann reifen ließ. Und zur Persönlichkeit von historischem Rang.

In der Zusammenarbeit mit dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt entwickelte der Außenminister ein Handlungsmuster, dass sich auch gegenüber dessen Nachfolger Helmut Kohl bewähren sollte. „Genschman“, so nannte das Satirebalatt „Titanic“ den Vielflieger in Anspielung auf „Batman“, sondierte vorab und bügelte hinterher aus, was die vorpreschenden Regierungschefs anrichteten. Genschers langjähriger Büroleiter Frank Elbe bescheinigte seinem Chef die „Vorsicht eines Rieseninsektes“, das mit den Fühlern sein Umfeld abtastet, um bei kleinstem Widerstand zurückzuzucken und woanders neu anzusetzen.

#Genscher hat Geschichte geschrieben und unser Land geprägt. Wir haben ihm viel zu verdanken. Unsere Trauer kann nicht größer sein. CL

— Christian Lindner (@c_lindner)

1. April 2016

Diese Vorsicht schlug sich auch in einer  Sprache nieder, die diplomatisch gefiltert bis an den Rand der Inhaltsleere daher kam. Unter seinesgleichen redete er offen, aber immer verbindlich. Gute Beziehungen zu Amtskollegen in aller Welt waren das Resultat. Heraus ragte die Freundschaft zum sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse, für den Weg zur Wiedervereinigung kaum weniger wichtig als Kohls Verhältnis zu Michail Gorbatschow.

Aber welches große Ziel sollte folgen nach der deutschen Einheit? Sicher, Genscher war ein leidenschaftlicher Europäer, die politische Neugestaltung des Kontinents nach dem Ende des kalten Krieges eine staats- und staatenpolitische Aufgabe, die sein Engagement wert war. Aber Helmut Kohl würde auch hier die Nummer eins bleiben. Gerade in der Europapolitik wuchs die Bedeutung des Kanzleramts unaufhaltsam. Und auch das wusste Genscher: Er war zwar zäh, aber er musste mit seinen Kräften haushalten.

Was genau ihn am Ende zum Rücktritt bewogen hat, wird nun sein Geheimnis bleiben. Aber mehr als andere Politiker zeichnete das vorsichtige „Rieseninsekt“ ein sicheres Gefühl für den richtigen Zeitpunkt aus – zu handeln oder aufzuhören. Genscher wusste, wann seine Zeit in einem Amt ausgeschöpft war. Das unter schied ihn von Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl, die sich einen quälenden Abschied leisteten. So gab er den Vorsitz der FDP nach einem Jahrzehnt auf, das Auswärtige Amt nach Zweien. Bis heute hat kein Außenminister der Welt länger amtiert als er. 33 Jahre gehörte er dem Bundestag an, 23 Jahre verschiedenen Regierungen, erst der sozialliberalen, dann der christlich-liberalen.

Auch dabei war sein Gefühl für das richtige Timing zu bewundern: 1969 schwamm er mit dem Strom der Zeit. Er wusste, CDU und CSU hatten den Anschluss verloren. In der Gesellschaftspolitik, vor allem aber in ihrer Weigerung, dem Handschlag nach Westen die Entspannung mit dem Osten folgen zu lassen. Zu Beginn der 80er Jahre war es genau anders herum: Helmut Schmidt fand in seiner Partei keine Mehrheit für seine pragmatische Wirtschaftspolitik. Den „Doppelbeschluss“ der Nato zur Rüstung mit atomaren Mittelstrecken in Europa hatte er zwar auf den Weg gebracht, erwies sich aber auch hier als unfähig, die SPD zu überzeugen.

Gestern Nacht ist #Genscher gestorben: der Architekt der Einheit, einer der Begründer der EU und unser väterlicher Freund. CL

— Christian Lindner (@c_lindner)

1. April 2016

Genscher knüpfte Kontakte zu Helmut Kohl. Ein Netz des Vertrauens war gespannt, als Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff mit einem radikal wirtschaftsliberalen Thesenpapier den Bruch der sozialliberalen Koalition provozierte. Was der Mann mit dem Gespür für machtpolitisches Timing nicht einkalkuliert hatte: Der FDP haftete fortan hartnäckig das Image des unmoralischen Verräters an.

Als Hans-Dietrich Genscher 1992 aus der Regierung Kohl ausschied, hatte er die FDP im Bewusstsein der Öffentlichkeit längst hinter sich gelassen. Mit gelbem Pullunder unter dem Jackett saß der Ehrenvorsitzende zwar auf all‘ ihren wichtigen Veranstaltungen, aber er war über den Status des Parteipolitikers längst hinaus. Dass er in diesem Punkte doch nicht so ganz loszulassen vermochte, sondern eine rege innerparteiliche Telefondiplomatie pflegte, dass er sich zur Legitimation ihrer Entscheidungen immer wieder vor den Karren seiner Nachfolger spannen ließ – am Ende konnte es den Niedergang des organisierten Liberalismus nicht aufhalten.

Seinem Ruf als Person hat es nicht geschadet. Im Gegenteil. „Tja, wenn's noch einen gäbe wie Genscher“, wurde geseufzt. Der Vermisste tat, was er schon als Minister gern getan hatte: Er reiste um die Welt, er schrieb Bücher, hielt Reden und ließ sich das nicht schlecht bezahlen wie üblich im internationalen Jetsets der Ex-Politiker. Hin und wieder meldete er sich mit Appellen zu Wort, die allesamt eins gemeinsam hatten, ob es nun um atomare Abrüstung ging oder die Mahnung, dass Russland Wladimir Putins nicht abzuschreiben: Sie waren gespeist aus dem Geist jener Entspannungspolitik, der er seinen Aufstieg zu verdanken hatte.

In dieser Tradition gelang ihm am Ende sogar noch einmal ein Stück praktischer Politik. In mehreren persönlichen Gesprächen unter höchster Geheimhaltung schaffte der alte Menschenfänger es, Wladimir Putin zu bewegen, seinen in einem Straflager schmorenden Widersacher Michail Chodorkowski 2013 zu begnadigen und ausreisen zu lassen. Sein Ansehen, seine Hartnäckigkeit und das schier unendliche Vertrauen in die Kraft des Gespräch, hier haben sie noch einmal ihre Wirkung getan.

Im Alter von 89 Jahren ist er Donnerstagnacht gestorben - im Kreis seiner Familie in seinem Haus in Wachtberg bei Bonn.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schreibt auf Twitter: "Genscher hat Geschichte geschrieben und unser Land geprägt. Wir haben ihm viel zu verdanken". Genscher sei "der Architekt der Einheit, einer der Begründer der EU und unser väterlicher Freund" gewesen. (FR)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion