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Belit Onay ist der neue Oberbürgermeister von Hannover. 

Belit Onay

Oberbürgermeister von Hannover: Belit Onay und die Debatte über die Herkunft

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Nach der Wahl von Belit Onay zum Oberbürgermeister von Hannover beginnt wieder die Debatte über Migration. Es kommt nun darauf an, wie wir sie führen – und wer spricht. Eine Analyse von Viktor Funk. 

Ambivalenz ist schwer auszuhalten. Wenn es um Identitäten geht, dann ist sie ein Garant für hochemotionale Diskussionen. Es geht um Belit Onay, den ersten Grünen Oberbürgermeister Hannovers. Belit Onay ist in Goslar geboren, seine Eltern sind nach Deutschland eingewandert. In einer idealen Welt wäre es gleichgültig, woher sie stammen und wo ihr Sohn geboren wurde.

In einer idealen Welt läge der Fokus in der Berichterstattung über den Grünen-Politiker ausschließlich auf seinen politischen Themen. Aber wir sind in Deutschland. Hier spielt Herkunft eine große, eine viel zu große Rolle. Schon vor der Wahl am Sonntag zeigte sich, was jetzt nach seiner Wahl hochkocht: Sagen oder nicht sagen, woher die Eltern von Onay stammen? Ist er dann türkischstämmig oder ist er das nicht?

Hannover: Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund? 

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Fragen. Wenn Kevin Kühnert twittert: „Sprache schafft Realität, Teil 8724. Heute: ,Türkischstämmig‘ Tatsache ist: @BelitOnay wurde in #Goslar geboren, was weder ostanatolisch anmutet, noch den Charme der türkischen Riviera versprüht (sorry!).“ – so sind ihm Tausende Likes und Retweets und viele zustimmende Witze sicher. Aber dieser Tweet verändert die Realität für viele Menschen in Deutschland nicht: Die ist nämlich nach wie vor so, dass Menschen mit Migrationshintergrund strukturell benachteiligt und diskriminiert werden, darauf wies Migrationsforscherin Naika Foroutan erst am Wochenende wieder hin. 

Definition von „Migrationshintergrund“ schließt Belit Onay ein

Diese Diskriminierung – in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche – hat auch mit der offiziellen Definition von „Migrationshintergrund“ in Deutschland zu tun, die Belit Onay einschließt. Die Änderung dieser Definition ist viel wichtiger, als das Wegtwittern von Tatsachen. Denn die Probleme verschwinden auch nicht, wenn es heißt: Er oder sie ist doch in Deutschland geboren. Denn dann werden neue Abgrenzungen aufgezogen, Namen zum Beispiel. 

Erst vor wenigen Tagen twitterte die Polizei-Westhessen über einen Verdächtigen: Es handele „sich um einen deutschen Staatsangehörigen. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, trägt allerdings keinen deutschen Namen. Inwieweit dies für das Verfahren von Bedeutung ist, ist bis dato unklar.“ Disput wird emotionaler. 

Traurige Realität: Migranten sind okay, solange sie nicht auffallen

Das ist die Realität in Deutschland. Hier reicht offensichtlich auch die Staatsbürgerschaft nicht, um „deutsch“ genug zu sein, hier reicht es auch nicht, hier geboren zu sein, um nicht den Verdacht zu erwecken, dass der Name eine Bedeutung für eine vermeintliche Straftat hat. Diese Realität verschwindet nicht, wenn wir Migrationsgeschichten unsichtbar machen. 

Neben dem wohlmeinenden Versuch, das Thema endlich abzuhaken, gibt es noch die andere Variante, die aus der Herrschaftsposition heraus, nachzulesen in der „Welt“. Vor dem Wahlwochenende schrieb ein „Welt“-Kollege: „Anders als sein früherer Parteivorsitzender Cem Özdemir, dessen Eltern ebenfalls aus der Türkei stammen, verzichtet Onay auf jegliches Bohei um den migrantischen Teil seiner Biografie.“ Das ist die Realität in Deutschland: Wer auf seine Geschichte verweist, der macht ein „Bohei“ draus. Übersetzt heißt das: Migranten oder deren Nachkommen sind okay, solange sie nicht auffallen.

Definitionsmacht über die Identität

Sowohl jene, die meinen, es spiele doch keine Rolle, woher jemand stammt, als auch jene, die die Herkunft betonen, beanspruchen wieder die Definitionsmacht über die Identität von Menschen. Doch die aktuelle Diskussion zeigt auch Erfreuliches: Es mischen inzwischen auch Zugewanderte und ihre Nachfahren lautstark mit. 

Der Disput wird unübersichtlicher, auch emotionaler. Manchen Menschen ist es wichtig zu sagen, dass sie eine Migrationsgeschichte haben, anderen ist es nicht wichtig, wieder andere sind im Anpassungsdruck so sehr dem Wunsch nach Zugehörigkeit ausgesetzt, dass sie die eigene Geschichte ausblenden. Ambivalenzen sind schwer auszuhalten. Aber genau darum geht es. Nicht nur die Vielfältigkeit in der Gesellschaft zu akzeptieren, sondern sie auch sichtbar machen, damit sie eines Tages normal wird.

Belit Onay wird Oberbürgermeister von Hannover

Normal wird sie nicht, wenn es heißt, Belit Onay ist in Goslar geboren und Punkt. Ja, ist er. Aber er sagt auch, dass die Anschläge auf Migranten in den 90er-Jahren ihn politisiert haben. Wer spricht denn da? Der Sohn von Eltern, die hergekommen sind? Oder spricht da einfach nur ein Mann aus Goslar, der die Gewalt gegen Zugewanderte satt hat? Beide? 

Kurz vor der Stimmabgabe twitterte Belit Onay, dass er in der Hannover Nordstadt wählen war. Wer in Hannover gelebt hat, weiß, dass die Nordstadt mit der Universität, dem sehr linken Institut für Politikwissenschaft und seinem lange zugequalmten „Elchkeller“ einerseits so etwas wie ein progressives „linksgrünversifftes“ Zentrum der Landeshauptstadt war, andererseits aber auch keinen guten Ruf genoss wegen der sehr vielen Bewohner mit türkischen Wurzeln. Dieser Stadtteil war und ist wahrscheinlich auch heute noch im besten Sinne ambivalent. Hier hat Onay gewählt.

Belit Onay spricht Deutsch - und wechselt kurz ins Türkische

Die ideale Welt, die Deutschland noch lange nicht ist, war am Sonntagabend für einen kurzen Moment aber doch schon sichtbar in Hannover. Als Belit Onay seinen Unterstützerinnen und Helfern dankte, an die Mühen des Wahlkampfs erinnerte – da sprach er Deutsch; dann wechselte er kurz ins Türkische und sprach zu seiner Partnerin. Es war eine Liebesbekundung. 

Diese ganze Ambivalenz, diese ganze Schönheit der Uneindeutigkeit eines Menschen – sie zeigte sich in diesem Moment: Mag sein, dass Belit Onay in Goslar geboren und nun Politik für alle Hannoveraner machen wird, wenn es um innige Gefühle geht, dann nimmt er sich die Freiheit, sie so auszudrücken, wie sein Herz es will. Und das ist gut so.

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