US-Wahl 2020

Hannes Jaenicke über Donald Trump und die USA: „Zwei Gruppen und nichts mehr dazwischen“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Der deutsch-amerikanische Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke spricht im Interview über seine Hassliebe zu den USA, Wege aus der Spaltung und eine zögerliche EU.

  • Hannes Jaenicke: Der deutsche Schauspieler und Umweltaktivist findet den momentanen Zustand in den USA beunruhigend.
  • USA unter Trump: Jaenicke hält die USA für so gespalten wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr.
  • News zur Wahl 2020: Alle Neuigkeiten und Hintergrundinformationen zu den Präsidentschaftswahlen in den USA.

Herr Jaenicke, Sie haben neben der deutschen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und können im November den Präsidenten wählen. Freuen Sie sich schon darauf?

Hängt vom Ergebnis ab. Ich wähle immer, weil ich es für eines der größten Privilegien demokratischer Gesellschaften halte. Deshalb fliege ich zur Wahl auch rüber, um sicherzugehen, dass meine Stimme zählt. Die Briefwahl, die ich sonst immer mache, wird von Herrn Trump und seinen Republikanern ja gerade sabotiert.

Womit Sie bereits Ihre politischen Präferenzen verraten haben.

Ich bin registrierter Demokrat, in den USA kann man sich als Unterstützer einer Partei eintragen lassen. In Kalifornien zu wählen ist eigentlich überflüssig, dort wird Trump auf keinen Fall gewinnen. Ich mach’s trotzdem, weil ich es für eine Bürgerpflicht halte.

Donald Trump und die USA: Das Land ist gespalten wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr

„Früher gab es einen echten Diskurs, es gab linke Republikaner und rechte Demokraten“: Hannes Jaenicke kritisiert die Zuspitzung der Politik unter Donald Trump.

Sie haben auch einen Wohnsitz in den USA. Wie lebt es sich in einem Land, das in diesem Jahr gleich von drei Krisen erschüttert wurde: der Corona-Pandemie, darauf folgender Massenarbeitslosigkeit und brutalem Rassismus mit entsprechenden Gegenreaktionen?

Ich war seit dem Schlaganfall meiner Mutter 2014 nur noch sporadisch in den USA. Dieses Jahr nur zweimal kurz zum Arbeiten. Im Moment bin ich nicht besonders gern drüben. Ich lebe etwas nördlich von Los Angeles, und die Stadt hat sich unglaublich verändert. Es gibt eine rasant zunehmende Obdachlosigkeit, weil viele Leute ihre Miete nicht mehr bezahlen können, es gibt Straßen, die sehen aus wie die Townships in Südafrika …

… so viel zum neuen großen Amerika …

Da muss so dringend etwas passieren! Das Land ist gespalten wie seit Bürgerkriegszeiten nicht mehr. Trump hat so viel Schaden angerichtet, dass der auch durch einen neuen Präsidenten nicht einfach zu beheben sein wird. Trotzdem kann man nur beten, dass Kamala Harris und Joe Biden gewinnen. Es kann nur besser werden.

Wenn Sie Trump im Film spielen sollten – wie würden Sie die Figur anlegen?

Als einen vulgären, primitiven, ausgefuchsten Baulöwen. Kennen Sie „Saturday Night Live“, die Comedyshow in den USA? Da spielt Alec Baldwin seit Jahren Donald Trump, und das so hervorragend, viel besser geht es nicht. Außerdem gibt es einen fantastischen Clip, in dem Meryl Streep Donald Trump spielt. Diese grandiosen Kollegen haben das schon so gut gemacht, dass ich die Rolle ablehnen würde.

Umweltaktivist Jaenicke über USA unter Donald Trump: Von anständigen Republikanern hört man nichts

Wie wird die politische Lage von Künstlerinnen und Künstlern in den USA beurteilt, mit denen Sie Kontakt haben?

Die sind wahlweise frustriert, wütend oder zynisch. Denn Gott sei Dank ist die amerikanische Kulturszene zum allergrößten Teil liberal. Alle sprechen von einer giftigen, ungesunden Atmosphäre, was eigentlich untypisch ist. Denn in der Regel sind die Amerikaner ein umgängliches, freundliches Volk. Der Mann hat es in vier Jahren geschafft, das zu ändern.

Hat Trump nicht nur verschärft, was schon lange gärte? Weder die soziale Spaltung noch der Rassismus sind neu.

Früher gab es einen echten Diskurs, es gab linke Republikaner und rechte Demokraten – wie Joe Biden zum Beispiel. Jetzt gibt es auf der einen Seite rechtsextreme, bis an die Zähne bewaffnete Proud Boys, erzkonservative Republikaner, frömmelnde Evangelikale, durchgeknallte NRA-Mitglieder. Und auf der anderen Seite diese liberalen, weltoffenen, tollen Amerikaner. Zwischen diesen Gruppen hat sich ein tiefer Graben aufgetan, und es gibt nichts mehr dazwischen.

USA: Die Republikanische Partei folgt Trump widerstandslos

Jetzt klingen auch Sie ganz schön wütend. Aber ist es so einfach? Gute Demokraten, böse Republikaner?

Es gibt bestimmt anständige Republikaner, aber von denen hört man nichts. Die Partei folgt Trump und seinen Leuten seit vier Jahren widerstandslos, das macht sie für mich so unsympathisch, feige und bösartig. Die Republikaner haben kein Schamgefühl mehr, richtig dreckig zu spielen. Das gilt für Trump, das gilt für viele seines Stabes und auch für die Riege der bigotten Evangelikalen, die sich so christlich geben, aber jeden noch so schmutzigen Waffendeal machen. Diese bigotte Religiosität ist widerlich.

Warum ist die Gegenseite so schwach?

Das Problem haben wir ja weltweit. Putin in Russland, Erdogan in der Türkei, Kaczynski in Polen, Orbán in Ungarn. Brasilien war immer ein korruptes Land, aber Bolsonaro toppt alles, sogar Trump, soweit das überhaupt möglich ist. Selbst Australien hat einen rechten Populisten als Premierminister.

Was müsste denn passieren, um die Populisten zu stoppen?

Zur Person

Hannes Jaenicke ist Schauspieler, Autor, Dokumentarfilmer und Umweltschützer. Er wurde 1960 in Frankfurt am Main geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in den USA. Seine Schauspielausbildung absolvierte er am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Jaenicke ist Autor des Buches „Wut allein reicht nicht – wie wir die Erde vor uns schützen können“, Gütersloher Verlagshaus. Zur Zeit dreht er in Costa Rica eine Reportage über nachhaltigen Tourismus.

Warum kaufen wir immer noch Öl und Gas von Putin? Warum kriechen wir Erdogan in den Arsch wegen irgendwelcher Flüchtlingsdeals? Warum wird Orbán und Kaczynski nicht gesagt: So, Jungs, wir kürzen euch jetzt mal die Subventionen aus Brüssel? Es wäre ja machbar, sie zur Räson zu bringen. Und ich verstehe nicht, warum die grüne, linksliberale, aufgeklärte Klientel nicht härtere Konsequenzen zieht gegen diese Herrschaften. Dass die so erfolgreich sind, hat aber auch mit einem dysfunktionalen Bildungssystem zu tun.

US-Präsidentschaftswahl: Populisten wie Trump geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen

Inwieweit?

Was passiert, wenn nicht genug in Bildung investiert wird? Wenn Bildung immer teurer und für immer weniger Menschen zugänglich wird, dann gibt es immer mehr Menschen, die nach einfachen Antworten auf komplizierte Fragen suchen. Und die kriegen sie von Populisten wie Trump. Gegen deren Primitivität ist schwer anzustinken. Die sind selbstherrlich, homophob, antisemitisch, frauenfeindlich, ohne Demokratieverständnis.

Und leugnen den Klimawandel. Dass Trump den Pariser Klimavertrag aufgekündigt hat, muss Sie als Umweltaktivisten doch besonders in Rage bringen.

Natürlich. Aber das bringt mich bei Ministern wie Andreas Scheuer, Julia Klöckner und Peter Altmaier auch in Rage. Man muss nicht in die USA gucken, um zu sehen, wie Umweltschutz mit Füßen getreten wird. Polen ist ganz weit vorne bei der Kohleverbrennung, Bolsonaro holzt den Amazonas ab, Putin sieht tatenlos zu, wie der Permafrostboden in Sibirien auftaut oder abfackelt. Wir sollten zuerst mal über die Umweltpolitik von Ministern wie Scheuer und Klöckner reden, bevor wir mit dem erhobenen Zeigefinger ins Ausland zeigen.

Spaltung der USA überwinden: US-Präsidentschaftswahl 2020

Gerne ein anderes Mal.

Umweltpolitik ist fast überall auf der Welt zögerliche Symbolpolitik und Augenwischerei. Sie ist wirtschaftshörig, kurzsichtig, ineffizient. Es gibt Ausnahmen wie einige skandinavische Länder, Costa Rica, Neuseeland oder die Westküste der USA, die mittlerweile Vorreiterrollen eingenommen haben. Das war Deutschland auch einmal. Und jetzt? Kohleausstieg 2038? Immer noch kein Tempolimit auf Autobahnen. Und ein Verbot von Einwegplastik, Massentierhaltung, Tropenholz- oder Jagdtrophäenimport oder Wildtieren im Zirkus ist nicht in Sicht.

USA: Europa braucht keine Schutzmächte, wenn Demokratien miteinander kooperieren

Zurück in die USA. Halten Sie das Land noch für eine funktionsfähige Demokratie?

Im Moment bestimmt nicht, aber das kann sich schnell wieder ändern. Die Amerikaner können sich schneller neu erfinden als jedes andere Volk. Sie sind flexibler, und wenn sie eine Idee gut finden, setzen sie sie unglaublich schnell um. Außerdem – wo ist als Weltmacht die Alternative? Etwa China? Ich ärgere mich lieber über ein dysfunktionales Amerika als über ein diktatorisches China, das Menschenrechte und Naturschutz mit Füßen tritt und KZs betreibt.

Sehen Sie denn noch Chancen, die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft zu überwinden?

Die wichtigste Investition in den USA wäre in ein intaktes Bildungssystem. Gute Bildung ist dort eine Vermögensfrage. Das öffentliche Schulsystem ist mangelhaft, die guten Unis sind unbezahlbar. Ängstliche, ungebildete Menschen haben meist die größten Vorurteile. Dass alle Mexikaner Kriminelle, Vergewaltiger und Drogendealer sind, glaubst du ja nur, wenn du ungebildet bist und Trump wählst.

Hannes Jaenicke.

Na ja, bei uns erzählt die AfD ähnliches Zeug und ist damit weit in die gebildete Mittelschicht vorgedrungen.

Wir Deutschen sind schon aus historischer Sicht anfällig für Xenophobie, für Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Wie jedes andere Volk pflegen auch wir unsere Vorurteile, manchmal ein wenig hartnäckiger und humorloser. Mit der AfD hat die gesamte Rechte erstmals eine gebündelte Plattform, sie zersplittert sich nicht mehr in NPD, Republikaner, DVU und andere kleine Parteien. Aber das macht mir ehrlich gesagt weniger Sorgen, die AfD zerlegt sich auf beruhigende Art gerade selbst.

Noch nie waren das deutsch-amerikanische Verhältnis und auch die Beziehung der EU zu den USA so schlecht wie derzeit. Kann uns das egal sein?

Ich denke, das ist eine Chance. Wenn die europäischen Länder sich mal einig zeigen, ist die Abkoppelung von den USA eine echte Möglichkeit. Nicht nur für ein demokratisches Europa, sondern als Exportmodell für andere Kontinente. Europa ist ein hochentwickelter Kontinent mit vielen stabilen Demokratien. Wenn Demokratien friedlich miteinander verhandeln und koexistieren, brauchen wir keine Schutzmächte mehr. Sollten Allianzen jenseits des Atlantik nicht gewollt sein, muss sich Europa auf eigene Füße stellen. Es hat Grund genug, stolz auf sich zu sein.

Hannes Jaenicke: Ich pflege eine Hassliebe zur USA und finde den momentanen Zustand beunruhigend

Und die USA abzulehnen? Antiamerikanismus ist hierzulande weit verbreitet.

Das kann man momentan ja verstehen, es geht auf das Konto der Republikaner und ihres Präsidenten. Ich selbst pflege eine Hassliebe zu Amerika und finde den momentanen Zustand beunruhigend. Aber vielleicht gibt es ja nach dem 3. November Grund zum Optimismus.

Eine Gewissensfrage zum Schluss: Donald Trump hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Ist das eine Genugtuung? Niemand hat das Virus so gemeingefährlich heruntergespielt wie er.

Natürlich war ich schadenfroh. Das ist primitiv, und ich verkneife mir eine solche Reaktion dann auch schnell. Aber dass Trump schon positiv getestet war und es bei einem Interview mit Fox News noch verschwiegen hat … Ich frage mich, wie viele Skandale und Schweinkram sich ein Politiker eigentlich leisten kann, bevor er aus dem Amt fliegt. Wir dulden einfach zu viel, mir fehlt da gelegentlich die Wut der Wähler.

Rubriklistenbild: © SodaStream/STERN GmbH

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