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Gegen Rassismus

Rechter Terror in Hanau: Die Angehörigen der Opfer erheben ihre Stimmen

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Angehörige der Opfer setzen sich intensiv für Erinnerung und gegen Rassismus ein, so in der Bildungsinitiative Ferhat Unvar und der Politik.

  • In Hanau werden neun Menschen Opfer eines rassistischen Anschlags.
  • Die Hinterbliebenen der Opfer setzen sich für eine Gesellschaft ohne Hass ein.
  • Sie sehen den Terroranschlag als politischen Auftrag.

Hanau - „Warum wurde mein Kind getötet?“ Jeden Tag stellt Serpil Temiz Unvar sich diese Frage und spürt diesen Schmerz, der sich nicht in Worte fassen lässt. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Worte, die ihr Sohn in einem Gedicht schrieb: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“ Und an ihr Versprechen: „Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein.“

Auch deshalb hat die Mutter von Ferhat, der am 19. Februar aus rassistischen Motiven in Hanau ermordet wurde, eine nach dem 22-Jährigen benannte Initiative für antirassistische Bildung und Empowerment ins Leben gerufen. Als Serpil Temiz Unvar das Projekt in dieser Woche vorstellte, hatte sie Tränen in den Augen. Und sagte: „Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen“, für Ferhat und für „einen respektvollen Umgang“ und ein „Leben in Sicherheit“.

Serpil Temiz Unvar kämpft für antirassistische Bildung.

Terroranschlag von Hanau und die mangelhafte Aufklärung

Hanau soll das Ende und nicht noch eine Zwischenstation vor den nächsten rassistischen Morden sein. Dafür braucht es in vielerlei Hinsicht einen Wandel – und die Angehörigen der Opfer kämpfen in einer neuen, intensiven Weise dafür. Immer wieder erheben sie öffentlich ihre Stimme, erzählen von ihren Erfahrungen, weisen auf Missstände und Versäumnisse hin, rufen zu Solidarität auf, suchen mit der „Initiative 19. Februar“ nach Unterstützer:innen. Für Erinnerung, Aufklärung, Konsequenzen und eine offene Gesellschaft der Verschiedenen, ohne Hass.

Um all das voranzutreiben, sprechen sie unter anderem mit Politiker:innen, nehmen diese in die Pflicht. Sie wollen Bildung und Politik aber auch selbst konkret verändern: Serpil Temiz Unvar mit ihrer Bildungsinitiative, Abdullah Unvar, Cousin von Ferhat, mit seinem Engagement in der Bundes- und Kommunalpolitik. Er hat sich als Kandidat der SPD für den Bundestagswahlkreis 180, zu dem Hanau gehört, beworben und steht auf Listen der Partei für den Ortsbeirat Kesselstadt und das Stadtparlament. In diesem möchte sich auch Saida Hashemi einbringen. Ihr Bruder Said Nesar wurde bei dem Anschlag ermordet, ihr Bruder Said Etris überlebte schwer verletzt. Hashemi tritt für die SPD an, mit den Schwerpunkten Bildung und Integrationspolitik.

Terroranschlag von Hanau: Rassismus ist allgegenwärtig

Ein vielseitig interessierter und begabter Junge sei Ferhat gewesen, blickt Serpil Temiz Unvar zurück. Dennoch hatte er in der Schule Schwierigkeiten, machte bittere Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung. Einen Satz habe er von Lehrer:innen oft gehört: „Du wirst es nie zu etwas bringen.“ Ein Satz, den Ferhat letzten Endes widerlegte; seinen Schulabschluss machte er mit guten Noten, schloss seine Ausbildung ab, wollte studieren. Der Weg dorthin war steinig: „Ich habe mir oft Sorgen gemacht“, erzählt Temiz Unvar. „So wie mir geht es vielen Müttern: Sie wissen nicht, wie sie ihre Kinder stärken und schützen können.“ Deswegen ist die Bildungsinitiative auch eine Anlaufstelle für Mütter.

Unter der Friedensbrücke in Frankfurt erinnert ein 27 Meter langes Graffiti an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020.

Neben Austausch und Beratung gibt es weitere Bausteine: Die Initiative hat beispielsweise bereits eine Umfrage zu Rassismus an 13 Schulen gemacht, wird Workshops anbieten, auch für Lehrkräfte, um sie zu sensibilisieren. Ziel sei es aufzuklären, Räume für Diskussion zu schaffen, das friedliche Zusammenleben und die Chancengleichheit zu fördern. Dabei sollen junge Menschen zu Expert:innen ausgebildet werden, die sich aktiv gegen Rassismus im Alltag und in Institutionen einsetzen. Nachdem Serpil Temiz Unvar ihr Vorhaben angekündigt hatte, fand sie schnell Partner, etwa die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank sowie Fachleute für politische Bildung und Freunde von Ferhat. Viele Schulen seien interessiert, besonders die Hanauer Eugen-Kaiser-Schule, in der die Auftaktveranstaltung stattfand. Der auch in der Schule allgegenwärtige Rassismus sei nicht angeboren, er entstehe in der Gesellschaft, so Temiz Unvar: „Wir haben uns auf einen langen Weg gemacht, um mal sagen zu können: Ferhat, es hat sich gelohnt.“

Aus der Schockstarre nach dem Anschlag befreit

Auch Abdullah Unvar engagiert sich in der Initiative, über die er sagt: „Serpil, mit ihrer Erfahrung, ist der Schlüssel.“ Außerdem hat sich der 33-Jährige in den vergangenen Monaten bei zahlreichen SPD-Ortsvereinen vorgestellt und für sich geworben. Bei der Wahl der Direktkandidat:innen für die Bundestagswahl, die nach der Kommunalwahl stattfindet, will sich der Familienvater, der als Architekt beim Land Hessen arbeitet, gegen seine beiden Mitbewerber:innen durchsetzen. Den Wahlkreis gewann zuletzt Katja Leikert (CDU).

Unvar kommt aus einer Arbeiterfamilie, schon seine Eltern und andere Verwandte waren „Sozialdemokraten durch und durch“ und weckten Unvars Interesse, indem sie ihm begeistert von Willy Brandts Reden erzählten. Der in Hanau-Kesselstadt aufgewachsene Abdullah Unvar engagierte sich schließlich nach einem zwischenzeitlichen Umzug in der Butzbacher SPD im Wetteraukreis, etwa als Schriftführer.

Abdullah Unvar engagiert sich in der Politik.

Hanau: Folgen des Anschlags als politischen Auftrag

Seine Entscheidung, sich noch stärker politisch zu engagieren, fällt nach dem 19. Februar 2020 und einer längeren Zeit der Schockstarre. „Der 19. Februar hat unser Leben auf den Kopf gestellt“, sagt Unvar, dessen Familie zu den ersten sogenannten Gastarbeitern gehörte. Der rechtsextreme Attentäter fuhr mit seinem Auto über Straßen, die Ferhats Großvater gebaut hatte.

Abdullah Unvar beginnt, die Ursachen und Folgen des Anschlags als politischen Auftrag zu sehen. Beschließt, sich auch auf dieser Ebene für einen entschiedenen „Kampf gegen Rassismus und Faschismus“ starkzumachen, im „Schulterschluss mit außerparlamentarischen Bewegungen“. Darüber hinaus will Unvar ein Bindeglied sein, der zunehmenden Spaltung entgegenwirken. „Ich komme aus der Mitte der Gesellschaft, kann ein Ansprechpartner und Zuhörer für alle sein, egal welche Herkunft sie haben.“

Seine Kandidatur solle ein Signal sein und andere dazu ermutigen, ebenfalls in die Politik zu gehen. Zu den größten Gefahren, die Ausgrenzung und Angst verstärken könnten, zählt Unvar soziale Schieflagen. Daher stehen Themen wie die Förderung von bezahlbarem Wohnraum, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Chancengleichheit und Unterstützung für Familien, gerade in Zeiten der Pandemie, weit oben auf seiner Agenda. Er wolle vor allem zuhören, um Vertrauen werben – und verhindern, „dass die Gesellschaft auseinanderfliegt“, sagt Unvar. (Gregor Haschnik)

www.bildungsinitiative-ferhatunvar.de

Rubriklistenbild: © Renate Hoyer

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