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Kundgebung anlässlich des Anschlags von Hanau vor einem Jahr.
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Kundgebung anlässlich des Anschlags von Hanau vor einem Jahr.

Rechtsextremismus

Seit Hanau hat die Bedrohung durch rechten Terror zugenommen

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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2019 wurden täglich mindestens fünf Menschen Opfer rechter Gewalt, berichten Opferberatungsstellen. Die FR dokumentiert ausgewählte Übergriffe.

  • In Hanau wurden vor einem Jahr neun Menschen Opfer eines rassistischen Anschlags.
  • Doch Opferberatungsstellen warnen, dass die Bedrohung durch rechte, rassistische und antisemitische Angriffe seit Hanau noch gewachsen sei.
  • Die Frankfurter Rundschau dokumentiert ausgewählte Übergriffe, die von den Beratungsstellen seit dem 19. Februar 2020 recherchiert wurden.

Hanau – Sie werden getreten und geschlagen, mit Messern angegriffen und mit Waffen bedroht, sie werden oft schwer verletzt – und manchmal getötet. Menschen aus der Migranten-Community werden besonders häufig Opfer von rechtsextremen Gewalttaten. Aber auch Juden, Homosexuelle und politisch Andersdenkende sind in Gefahr.

Seit der Terrornacht von Hanau vor einem Jahr, als ein Deutscher neun Menschen aus rassistischen Gründen tötete und anschließend seine Mutter und sich selbst erschoss, habe die Bedrohungslage eher zugenommen, berichten die Opferberatungsstellen, die sich im Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBrG) zusammengeschlossen haben.

„Hanau ist überall“: 1347 rechte, rassistische oder antisemitische Angriffe im Jahr 2019

Im Folgenden dokumentiert die Frankfurter Rundschau ausgewählte Übergriffe, die von den Beratungsstellen seit dem 19. Februar 2020 recherchiert wurden, indem sie Polizeiberichte, Medien und Berichte von Opfern und Zeugen auswerteten. Die vollständige Liste ist sehr viel länger.

In ihrer bisher letzten Bilanz, der Übersicht für das Jahr 2019, vermeldete der Verband allein für acht Bundesländer 1347 rechts, rassistisch oder antisemitisch motivierte Angriffe. Damit wurden 2019 täglich mindestens fünf Menschen Opfer rechter Gewalt. Drei Todesopfer waren 2019 zu beklagen. Für das Jahr 2020 gehen die Beratungsstellen von mindestens acht versuchten Tötungsdelikten aus. Ein Mensch starb bei einem homofeindlichen Übergriff.

Recherche listet rassistische Übergriffe seit Hanau auf

Für die Zeit seit 1990 haben die Beratungsstellen mit Journalist:innen 187 Todesfälle durch rechte Übergriffe recherchiert und dokumentiert. Die Langzeitrecherche, die alljährlich von „Zeit online“ und dem „Tagesspiegel“ fortgesetzt wird, war im Jahr 2000 von der Frankfurter Rundschau und dem „Tagesspiegel“ unter dem Titel „Den Opfern einen Namen geben“ begonnen worden.

19. Februar 2020, Soest (Nordrhein-Westfalen)

Auf eine Geflüchtetenunterkunft wird ein Brandanschlag verübt. Ein 43-jähriger Mann wird leicht verletzt.

19. Februar 2020, Magdeburg

Am Nachmittag liefern zwei Männer Möbel aus, als sie unvermittelt von einem Anwohner mit einer Schusswaffe bedroht werden. Dann schlägt der Unbekannte unter rassistischen Rufen auf den Fahrer des Lieferwagens ein.

Terror in Hanau

Dossier: Bei einem rassistischen Anschlag in Hanau werden am 19. Februar 2020 neun Menschen ermordet. Die FR berichtet über das Gedenken - und analysiert die politischen Konsequenzen. Alle Texte im Dossier.

Reportage: Armin Kurtovics Sohn Hamza wurde am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet. Wie kann eine Familie damit fertig werden? FR-Redakteur Gregor Haschnik hat den Vater ein Jahr lang begleitet. Er erzählt von Trauer, Verstörung und seiner Wut auf die Behörden.

25. Februar 2020, Schweinfurt

Am Abend wird auf einem öffentlichen Platz ein Mann aus rassistischen Gründen mit einem Messer niedergestochen. Er bleibt schwer verletzt und bewusstlos liegen. Bei der Hausdurchsuchung des Täters werden Kleidungsstücke und Propagandagegenstände gefunden, die seine extrem rechte Gesinnung offenbaren.

8. März 2020, Burg (Sachsen- Anhalt)

In der Nacht verschaffen sich Unbekannte Zutritt zum internationalen Lebensmittelladen Al Salam, verteilen großflächig Brandbeschleuniger und versuchen das Geschäft anzuzünden. Glücklicherweise erlischt das Feuer, so dass die Bewohner:innen des Mehrfamilienhauses, in welches der Laden eingebettet ist, verschont bleiben. Die Täter hinterlassen Hakenkreuzsprühereien.

9. März 2020, Dresden

Ein 36-jähriger Deutscher verletzt einen 26-jährigen Libyer schwer mit einem Messer. Der Libyer erleidet eine circa zehn Zentimeter lange und 1,5 Zentimeter tiefe Schnittwunde am Hals. Die Halsschlagader wird nur knapp verfehlt. Die Staatsanwaltschaft gibt an, der Täter habe aus „Hass über die ethnische Herkunft des Geschädigten“ gehandelt.

1. Mai 2020, Halle (Saale)

Kurz vor 1 Uhr nachts werden zwei 21-Jährige, ein syrischer und ein palästinensisch-syrischer Geflüchteter, von drei männlichen Unbekannten umringt, die sie rassistisch und homofeindlich beleidigen und angreifen. Ein Mann wird zu Boden geschlagen und so massiv gegen seinen Kopf getreten, dass er das Bewusstsein verliert. Er wird mit lebensbedrohlichen Gesichts- und Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo er mehrfach operiert und intensivmedizinisch betreut werden muss.

8. Mai 2020, Idstein

Am Freitagabend wird ein türkischstämmiger Mann von einem 42-jährigen Deutschen rassistisch beleidigt und mit einem Messer bedroht. Der alkoholisierte Täter wird von der Polizei festgenommen.

13. Mai 2020 Wittstock (Dosse)

Zwei Rechte greifen einen aus Gambia geflüchteten jungen Mann an, als dieser auf dem Weg zu seiner Ausbildung ist. Sie stellen sich ihm mit dem Auto in den Weg, steigen aus, greifen ihn körperlich an und beleidigen ihn rassistisch. Ein weiterer Rechter kommt mit einem Baseballschläger hinzu und schlägt damit zu.

14. Mai 2020, Frankfurt a. M.

Ein Mann zielt nahe der Heerstraße mit einer Schreckschusswaffe auf Menschen und äußert sich rassistisch.

16. Mai 2020, Guben

Im Stadtpark in direkter Nähe der Geflüchtetenunterkunft umzingelt eine Gruppe von bis zu 20 rechten Jugendlichen vier teils noch minderjährige Geflüchtete und beschimpft sie rassistisch. Zwei der Angegriffenen können fliehen. Die Angreifer:innen schlagen und treten auf die zwei verbliebenen Geflüchteten ein. Diese müssen im Krankenhaus behandelt werden.

17. Mai 2020, Essen

Im Hof einer Autowerkstatt wird eine Mülltonne angezündet. Das Feuer springt auf die Autowerkstatt über. Am Wochenende zuvor wurde die Werkstatt mit Hakenkreuzen markiert.

22. Mai 2020, Guben

Ein Autofahrer fährt mit erhöhter Geschwindigkeit auf zwei Geflüchtete zu, die mit dem Fahrrad unterwegs sind, und versucht sie anzufahren. Nach dem ersten Versuch legt der Fahrer den Rückwärtsgang ein und versucht es erneut. Ein Betroffener verletzt sich leicht.

Beratung

Für Betroffene: Sind Sie selbst von rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt betroffen und suchen nach Unterstützung? Der Bundesverband der Opferberatungsstellen bietet professionelle Unterstützungsangeboten in allen Bundesländern. Die Beratung richtet sich an direkt und indirekt Betroffene, ihre Angehörigen sowie an Zeug:innen eines Angriffs: https://verband-brg.de/beratung/#beratungsstellen

21. Juni 2020, Kassel

Ein Minicar-Fahrer wird von einem Fahrgast in den Hals gestochen, nachdem ihn dieser rassistisch beleidigt hat. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Tötungsdelikts.

12. Juli 20 20, Oberstdorf

Um 3 Uhr nachts wird eine Familie in ihrem Wohnhaus angegriffen. Der Vater ist zufällig auf der Terrasse, als ein bekannter Neonazi mit Hammer und Messer bewaffnet über die Terrasse eindringen will. Der Betroffene kann den Angriff abwehren. Die Familie geht von einem rassistischen Motiv aus.

18. Juli 2020, Erfurt

In den frühen Morgenstunden, gegen 1 Uhr, gibt es einen koordinierten, gezielten Angriff durch Neonazis auf eine Personengruppe, bei dem mindestens fünf Personen zum Teil schwer verletzt werden. Die Angreifer tragen Kleidung der rechtsextremen Kampfsportszene.

20. Juli 2020, Esens

Ein Mann somalischer Herkunft wird von einem Mann mit einem modifizierten Luftgewehr beschossen. Er überlebt nur durch ärztliches Eingreifen, ein Teil seiner Lunge muss entfernt werden. Die Anklage geht von „ausländerfeindlicher Gesinnung“ aus.

1. August 2020, Erfurt

Gegen 3.05 Uhr greifen zehn bis zwölf Neonazis eine Gruppe von drei Personen aus Guinea an. Ein Betroffener wird schwer verletzt, ein weiterer leicht.

15. August 2020, Rommers- kirchen

Gegen 2.30 Uhr in der Nacht steht eine bewohnte Containerunterkunft in Flammen. Vorher hatte ein 21-jähriger Deutscher eine Bewohnerin rassistisch beleidigt. Er gilt als dringend tatverdächtig.

20. August 2020, Nauen

Ein 38-jähriger Deutscher beginnt am Bahnhof unvermittelt, zwei 23 und 34 Jahre alte Geflüchtete aus Pakistan rassistisch zu beschimpfen. Unter anderem ruft er, „Ausländer raus!“, und greift die Betroffenen schließlich körperlich an. Als die beiden sich der Situation entziehen wollen, zieht der Mann eine Schreckschusswaffe, läuft ihnen hinterher und zielt auf sie, während er ihnen weitere rassistische Beschimpfungen hinterherruft. Die Betroffenen können sich in Sicherheit bringen.

30. August 2020, Dresden

Ein 16-jähriger Jugendlicher, der der Neonaziszene zugeordnet werden kann, beleidigt bei einer Technoparty in der Dresdner Heide eine geflüchtete Person aus Syrien rassistisch und zeigt den Hitlergruß. Wenig später sticht er mit einem Messer zu. Zwei Personen werden dabei lebensbedrohlich verletzt und in ein Krankenhaus gebracht.

6.September 2020, Bernau

Ein 37 Jahre alter Mann aus Senegal wird in Bernau rassistisch beleidigt und anschließend mit einem Baseballschläger mehrmals geschlagen.

11. September 2020, München

Im Englischen Garten wird ein 17-Jähriger, der einem 16-Jährigen zu Hilfe gekommen war, von einem Unbekannten von hinten gegen den Kopf geschlagen. Er flüchtet daraufhin. Dann wirft der Unbekannte eine Glasflasche ins Gesicht des 17-Jährigen, woraufhin dieser verletzt zu Boden fällt. Der Unbekannte und weitere Begleiter von diesem treten gegen den am Boden liegenden 17-Jährigen und beleidigen ihn mit rassistischen Ausdrücken. Dem Betroffenen gelingt es zu flüchten.

27. September 2020, Drebber (Niedersachsen)

Unbekannte Täter legen ein Feuer am Fenster eines Mehrfamilienhauses. Das Haus wird von einer Familie aus Syrien bewohnt, die das Feuer entdeckt und löschen kann.

3. Oktober 2020, Hamburg

Während des jüdischen Laubhüttenfests Sukkot und nur wenige Tage vor dem ersten Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags in Halle (Saale) wird ein jüdischer Student vor der Hamburger Synagoge von einem militärisch gekleideten Mann angegriffen und mit einem Spaten schwer am Kopf verletzt. Bei dem Attentäter wird in der Hosentasche ein Zettel mit einem Hakenkreuz gefunden. Die Staatsanwaltschaft Hamburg sieht aufgrund der psychischen Erkrankung des Angreifers kein politisches Motiv.

4. Oktober 2020, Dresden

Am Abend ist ein schwules Paar in der Dresdner Altstadt unterwegs. Die beiden Männer (55 und 53) aus Nordrhein-Westfalen werden offenbar von einem 20-Jährigen mit zwei Küchenmessern angegriffen. Einer der Männer stirbt im Krankenhaus, sein Partner überlebt schwer verletzt. Dem Täter werden Mord, versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Die bisherigen Ermittlungen und der Hintergrund des Tatverdächtigen legen ein islamistisches Motiv nahe. Die Beratungsstelle RAA Sachsen weist darauf hin, dass auch islamistischen Taten „Ideologien der Ungleichwertigkeit“ zugrunde lägen. „Die Vorstellung, dass nicht alle Menschen gleich viel wert sind, spiegelt sich offenbar auch in dieser schrecklichen Tat“, urteilt sie.

16. Oktober, München

In einem Linienbus kommt es zu einem Übergriff einer Gruppe „türkischer“ Nationalisten auf zwei Kurden. Die Betroffenen, der bekannte kurdische Aktivist Azad B. und der Rapper Inan E. alias „Exxil“, tragen Prellungen am Oberkörper beziehungsweise einen Nasenbruch und Schnittwunden im Gesicht davon. (Pitt von Bebenburg)

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