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Ein Wachturm im Konzentrationslager Stutthof.

Nationalsozialmus

Hamburg: Beim Stutthof-Prozess gegen SS-Mann kommt der letzte KZ-Überlebende zu Wort

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Der Prozess am Landgericht Hamburg gegen einen ehemaligen Wachmann des KZ-Stutthof bietet denen, die das KZ überstanden, ein spätes, aber wertvolles Forum. Nun kam der Letzte zu Wort.

  • In Hamburg läuft der Prozess gegen Bruno D., ehemaliger SS-Wachmann im KZ Stutthof
  • Ihm wird Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen angelastet
  • Nun wurde der letzte von 41 Überlebenden vom Landgericht Hamburg gehört

Hamburg - Henri Zajdenwergier brennt darauf, seine Geschichte zu erzählen. Noch hat er seinen Namen nicht genannt, noch die obligatorische Zeugenbelehrung nicht gehört, da fragt er schon: „Kann ich jetzt loslegen?“ Aus Paris ist der 92-Jährige am Mittwoch ins Hamburger Landgericht gekommen, um im Prozess gegen Bruno D., den ehemaligen SS-Wachmann im KZ Stutthof, eine Aussage zu machen.

Der jüdische Franzose ist einer der letzten Zeugen, im doppelten Sinne. Nur noch wenige Menschen gibt es, die den Terror in dem nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager bei Danzig erlebt und überlebt haben. Und noch weniger sind es, deren Alter und Gesundheitszustand es erlauben, vor Gericht auszusagen. Von den 41 Überlebenden, die sich dem Verfahren gegen Bruno D. unterdessen als Nebenkläger angeschlossen haben, sahen sich nur mehr fünf dazu in der Lage. Mit Zajdenwergier hat das Gericht nun den letzten von ihnen angehört.

Hamburg: Beim Stutthof-Prozess kommt letzter KZ-Überlebender zu Wort

Ihnen allen stellte die Strafkammer-Vorsitzende Anne Meier-Göring am Ende eine ähnliche Frage: Was es ihnen bedeutet, hier auszusagen? Und ob sie noch etwas sagen wollen? Dem Gericht? Dem Angeklagten? Dem deutschen Volk? Was die Zeugen daraufhin erklärten, beantwortete zugleich eine andere Frage, die, ausgesprochen oder unausgesprochen, vom ersten Moment an über dem Verfahren schwebt: Ist es wirklich notwendig, heute noch einen Prozess über die nationalsozialistischen Verbrechen zu führen? 75 Jahre nach der Befreiung und gegen einen Mann, der, mittlerweile 93-jährig, als damals jugendlicher SS-Wachmann nur ein kleines Rädchen in der Mordmaschinerie war? Ja, es ist. Und es ist nie zu spät.

„Im Lager“, antwortete in der vergangenen Woche Halina Strnad, „haben wir gesagt: Wenn wir überleben – so fing dort jeder Satz an –, müssen wir Zeugnis ablegen, bis wir sterben. Es ist eine Pflicht, so sehe ich das.“ Die 92-Jährige lebt in Australien und wurde per Videoschaltung vernommen. Deutlicher noch wurde Rosa Bloch, die wie Strnad 1944 als Jüdin nach Stutthof deportiert worden war. Persönlich reiste sie aus Israel an, um, wie sie sagte, dem Vergessen entgegenzuwirken. „Ich beschuldige die Menschen, die uns bewacht haben, und werde ihnen nie verzeihen“, sagte die 89-Jährige. „Ich will, dass sie eine Strafe bekommen.“ Und nun Zajdenwergier, der ausspricht, was viele im Saal denken, bis hinauf zur Richterbank: „Ich verstehe nicht“, sagt er, „dass dieser Mann erst jetzt angeklagt worden ist.“

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Unvorstellbare Grausamkeiten sind es, von denen die letzten Zeugen erzählen. Bloch berichtete, wie sie ein Wachmann mit einem Stuhl fast erschlagen hätte, nur weil sie sich vor lauter Hunger für eine zweite Portion der wässrigen Suppe angestellt hatte. „Als wir in das Konzentrationslager kamen, waren wir nur noch eine Nummer“, sagte sie. „Jeder konnte dich auf der Stelle töten.“ Schon als sie bei der Ankunft in Stutthof den Berg von Schuhen gesehen habe, die den ankommenden Gefangenen abgenommen worden waren, sei sie überzeugt gewesen: „Hier kommst du nie mehr raus.“

Strnad erzählte vom Massensterben während der Typhus-Epidemie, die im Oktober 1944 so schnell im Lager ausbrach, dass bei den Gefangenen das Gerücht die Runde gemacht habe, sie seien absichtlich infiziert worden. Zumal es keinerlei ärztliche Hilfe gegeben habe. „Alles war voller toter Menschen und Exkremente“, sagte die Zeugin. Von ständigen Misshandlungen berichtete sie, von Hinrichtungen am Galgen und vom Fötus einer gestorbenen Mitgefangenen, den sie in der Latrine habe versenken müssen: „Dieses Bild habe ich jahrelang in meinen Alpträumen gesehen.“

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Wer danach dachte, dem Bild der Barbarei in Stutthof sei nichts mehr hinzuzufügen, der wird durch Zajdenwergier eines Besseren belehrt. Eines Abends, sagt er, hätten die Gefangenen ihre Häftlingskleidung ausziehen, in ein Bad mit Reinigungsmittel tunken und gleich wieder anziehen müssen. Nass. Bei Eiseskälte. „Es war mitten im Winter“, sagt der Zeuge. „Man hatte wahrscheinlich mehr Respekt vor Tieren als vor uns.“ Zajdenwergier war ab August 1944 in Stutthof. Fast genau wie der Angeklagte, der ihn und die anderen an der Flucht hindern sollte.

Insgesamt deportierten die Nazis zwischen 1939 und 1945 etwa 110 000 Menschen nach Stutthof. Mehr als die Hälfte von ihnen starb, durch Hunger und Krankheiten, in der Gaskammer, bei Erschießungen oder auf den Todesmärschen nach der Auflösung des Lagers. Mindestens 5230 Menschen wurden in der Zeit ermordet, als Bruno D. 1944/45 als SS-Mann auf den Lagertürmen stand. All das ist unstrittig. Es bräuchte die erschütternden Schilderungen der Überlebenden nicht, um das zu beweisen. Strittig ist in dem Verfahren nur, ob der bloße Wachdienst des Angeklagten, wie die Staatsanwaltschaft meint, als Beihilfe zum Mord gewertet werden kann. Oder anders ausgedrückt: ob er sich seiner Mitwirkung am staatlich organisierten Massenmord hätte entziehen können. Bruno D. selbst bestreitet das.

Hamburg: SS-Wachmann Bruno D. vor Gericht

Dennoch ist es mehr als eine symbolische Wiedergutmachung für das jahrzehntelange Versagen der deutschen Justiz bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen, wenn das Hamburger Landgericht jetzt allen Stutthof-Überlebenden, die das wünschten, die Aussage ermöglicht hat. Denn was sie erzählten, warf auch ein Schlaglicht auf das, was der Angeklagte nicht sagt.

Bruno D. will sich an sein Mitleid mit den ausgemergelten Gefangenen erinnern, an die schrecklichen Bilder der ungezählten Leichen, die vor allem während der Typhus-Epidemie allmorgendlich aus den Baracken gezogen wurden. Aber die fortwährenden Misshandlungen, die Hinrichtungen, der Schuhberg der Ermordeten am Lagereingang, sogar die Ankunft mitunter mehrerer Tausend Deportierter an einem einzigen Tag? Alles, was das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen für den jungen SS-Mann unübersehbar gemacht haben muss, hat er aus seiner Erinnerung gestrichen. Oder er möchte nicht darüber reden.

Dafür glaubt er, etwas ganz anderes noch zu wissen: „Echte Nazis“, so gab er zu Protokoll, habe es unter seinen Kameraden keine gegeben.

Von Joachim F. Tornau

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